Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1888)
- Date
- 1888-09-27
- Page
- Seite 613 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227717-3227757--45633-3265158- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
bringend für Geist und Gemüth wirken. Die feste Mauer also, an welcher sich die Zweige der religiösen Erkenntniß, der moralischen Biloung des Gemüthes emporranken mögen, soll die Geschichte unseres Voltes sein. Die Grundlage aber des geschichtlichen Unterrichtes muß vor allem die Bibel bilden. Für die Anfänge unseres Volkes natürlich die 5 Bücher Mosis. Der gebildete Lehrer soll es dabei nie unterlassen, immer auf den Gegensatz von Heidenthum und Judenthum hinzuweisen, er soll aber auch zeigen, wie die Israeliten ein Glied und der wichtigsten eines in der Kette der Völkerschaften bilden, denen die heutige Cultur alles zu verdanken hat. Mit anderen Worten die Geschichte Israels soll vom universalhistorischen Standpunkte aus ihre Behandlung finden. Dies läßt sich namentlich in der Zeit leicht thun, in welcher die Israeliten in die große Bölkeraetion eintreten, welche uns der Kampf der Assyrer mit den Aegyptern dargestellt, von welcher das Buch der Könige spricht. Was Israel individuell in sich entwickelte, muß natürlich besonders hervorgehoben und hell beleuchtet werden. Vor allem muß der Lehrer dahin zielen, den Schülern ein getreues Bild des Prophetenthums zu geben, so schwer ihm dies auch fallen möge. Vergleiche und Analogieen von anderen Völkern herbeizuziehen, wäre hier ganz verfehlt. Die Propheten sind keine Vollstribunen, sie sind die Anwälte Gottes, welche den Geist des mosaischen Gesetzes einer ganzen Welt gegenüber vertreten, welche die erhabene Gotteslehre in geläuterter Gestalt als ein Panier hoch emporhalten in einer Zeit der Verweltlichung und des crassesten Götzendienstes einer in grober Sinnlichkeit versunkenen Heidenwelt. Wie Prophetenthum und Königthum, wie Geist und Sinnlichkeit im Kamps liegen und wie daraus die Religion der Wahrheit siegreich hervorgeht, das muß der Lehrer, natürlich dem Fassungsvermögen der Schüler gemäß, zeigen können. In ähnlicher Weise ist dann die nachexilische Zeit zu behandeln, immer so weit es geht in Anlehnung an die biblischen Bücher und die Apokryphen. Was das Exil für das Judenthum bedeutet, soll den Schülern klar werden. Was das Judenthum den Babyloniern, Persern und Griechen entlehnte, sollen sie erkennen. Immer also soll, und dies trägt ja nicht am wenigsten zur Concentration des Unterrichtes bei, Israel als in der Weltgeschichte stehend, behandelt werden. — Was jüdischer und hellenischer Geist in ihrer Verbindung hervorbrachten, muß deutlich vor aller Augen stehen. — In der Zeit der Diaspora sollen die verschiedenartigen Epochen und Erscheinungen jüdischer Geistesthätigkeit in voller Deutlichkeit her vortreten. Die Bedeutung des Talmud als eigenartiges und unvergleichliches Literaturwerk zu erklären, ist eine Hauptaufgabe des Lehrers. Der Zusammenstoß von Judenthum und Islam, was der letztere dem ersteren zu danken hat, die Geistesthätigkeit der Juden in Spanien mit den Ecksteinen Jehuda Halewi und Maimonides, muß dem Schüler in seiner ganzen Tragweite vor das geistige Auge gebracht werden. — Nicht so sehr die äußere Geschichte der Juden in der Diaspora mit ihren blutigen Verfolgungen und Scheiterhaufen, als vielmehr die ohne Gleichen dastehende innere geistige Thätigkeit auf dem Gebiete der Philosophie, Dichtkunst und der talmudischen Wissenschaft, muß der Schüler zu erfassen suchen. Den Abschluß dieses religionsgeschichtlichen Unterrichtes mag Mendelssohn und seine Schule und endlich die neuere Richtung, welche auf eine historisch-wissenschaftliche Erkenntniß des Judenthums hinzielt, bilden. — Nachdem wir so in knappen Zügen das Gebiet des religionsgeschichtlichen Unterrichts durchmessen, an den sich wie gesagt Alles anlehnen muß, was zur Erkenntniß des Judenthums dient, was Moral und Ceremonialwesen genannt wird, kann die rein äußerliche Frage aufgeworfen werden, ob denn auch der knapp zugemessenen Zeit, welche von dem reichen Tische der übrigen Gegenstände, dem jüdischen Religionsunterrichte zufällt, das vorgesteckte Ziel erreicht werden kann, besonders wenn man erwägt, daß ein guter Theil der Zeit auch auf Bibellectüre verwendet werden soll? Da stehen wir nun freilich vor einem Problem, welches nur der gewandte und geübte Lehrer, der gut Haus zu halten versteht, mit den wenigen Stunden, welche ihm geboten werden, zu lösen wissen wird. Doch bevor wir auf diese rein äußerlichen Momente unseres Religionsunterrichtes eingehen, welchen wir auch eine Besprechung widmen wollen, möchten wir zunächst von dem zweiten Theile des Religionsunterrichtes, der Bibellectüre sprechen, der unser nächster Artikel gelten soll. Dr. Max Grünseld. Nachwort der Redaktion. Auf dem Gebiete des jüdischen Religionsunterrichtes giebt es noch eine ganze Reihe von Streitfragen, die bis jetzt noch keine entschiedene Beantwortung gefunden. Es ist dies ganz natürlich; denn dieser Religionsunterricht ist eine neue Schöpfung aus den dreißiger Jahren, erhielt damals eine bestimmte Gestaltung, mußte aber nun von hier aus eine Weiterentwickelung erfahren, die eben jene Fragen über Lehrstoff und Lehrmethode hervorbrachte, noch dazu, da äußere Verhältnisse allzusehr mitsprechen. Aus diesem Grunde haben wir ben obigen Artikel ausgenommen, obschon wir selbst ganz verschiedener Meinung sind. Nicht sowohl die einzelnen Bemerkungen des Herrn Verfassers, von welchen uns viele sehr richtig erscheinen, als vielmehr sein Grundgedanke ist es, dem wir widersprechen müssen. Zu beachten ist, daß wir es hierbei nlit Gymnasien (die in Oesterreich Mittelschulen genannt werden) zu thun haben, besonders auch mit den oberen Klassen. Der Verfasser will nun den gesammten Religionsunterricht als Geschichte des Judenthums, als Geschichte der Entwicke-