Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1888)
- Date
- 1888-09-20
- Page
- Seite 605 (sequence 13)
- Language
- German
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605 und dem Orient offen, die zur Cur nach Vichy kamen. Inj dem ihm so theuren Elsaß, welches er alljährlich besuchte,; wurde sein Name von zahlreichen Familien, die er unterstützte, gesegnet. In Paris sowohl als in der Provinz hat er viele Wohlthätigkeitsanstalten begründet. In dem Verein musikalischer Künstler hat er ein Stipendium mit seinem Name» geschaffen. Wie vielen Künstlern ließ er heimlich Unterstützung angedeihen! Jsaac Strauß starb nach schweren, mit Geduld getragene» Leiden, umgeben von seinen Kindern. Ein ansehnliches Gefolge begleitete diesen Ehrenmann am 12. August nach dem Kirchhof Montmartre zu seiner letzten Ruhestätte. Nach seinem letzten Willen haben die Rabbinen Lehmann und Israel Levi keine Reden gehalten, sondern nur einige rührende Abschiedsworte gesprochen. Gregor VIl. und die Duldsamkeit. Wenn das große Wort Schillers: „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht" eine Wahrheit sein soll, so dürfen die Züge einer großen geschichtlichen Persönlichkeit ebensowenig über das richtige Maß verschönt, wie entstellt werden. In der jüngsten Sonntagsbeilage zur „Voss. Z." lesen wir einen Artikel mit der Ueberschrift „Gregor VII. als Apostel der Duldung" von W. Ribbeck, in welchem das Beiwort „Apostel" doch wenig zutreffend erscheint. Der interessante Artikel lautet: „Bei der Audienz, tvelche Papst Leo XIII. im Februar der marokkanischen Gesandtschaft ertheilte, gedachte er auch der Beziehungen, welche zwischen seinen Vorgängern, namentlich Gregor VII. und Marokko bestanden haben. Welcher Art die Beziehungen gewesen sind, ersehen wir aus einem uns erhaltenen Briefe Gregor's selbst, welcher den vielgeschmähten und vielgepriesenen Mann in ungewohntem Lichte zeigt. Sultan Anazir von Mauretanien scheint, obwohl selbst Muhamedaner, doch auf ein gutes Berhältniß zu den Christen und ihrem Oberhaupte, dem Papste, großes Gewicht gelegt zu haben. Darauf deutet wenigstens, daß er den Papst ersuchte, einen ihm wahrscheinlich bekannten afrikanischen Priester zum Bischof zu weihen. Er begleitete dieses Gesuch mit einer Sendung von Geschenken und theilte gleichzeitig dem Papste mit, daß er aus Verehrung und Liebe zu dem heiligen Petrus gewisse Christen, die in seine Hand gefallen waren, in Freiheit gesetzt habe und dies auch in Zukunft thun werde. Gregor beeilte sich, dem Sultan die Gewährung seiner Bitte zuzusagen und ihm für die Freilassung der Gefangenen seinen Dank auszusprechen. Er preist diese That als einen Ausfluß der Güte, welche Gott seinem Herzen eingeflößt. Denn an nichts in uns finde er, der Alle selig j machen und Keinen verloren gehen lassen will, mehr Gefallen l als daran, daß ein Mensch dem andern in Liebe zugethan sei und was er nicht will, daß ihm geschehe, auch einem Andern nicht thue. Diese Liebe aber schulden Christen und Muhamedaner einander noch ganz besonders, weil sie Einen Gott, wenn auch auf verschiedene Weise glauben und bekennen, ihn als den Schöpfer und Lenker aller Dinge preisen und verehren. Nachdem er dem Sultan weiter mitgetheilt hat, daß einige vornehme Römer, welche mit ihm in Verbindung zu treten wünschten, Gesandte an ihn abgefertigt und diese Gesandten seiner Huld empfohlen haben, versichert er, wie sehr ihm Ehre und Heil eines so großmüthigen Fürsten in diesem wie in einem künftigen Leben am Herzen lägen. Er betrachtet dieses Heil aber nicht etwa als an einen Uebertritt zum Christenthum gebunden, sondern anknüpsend an einen Namen, welcher den Bekennern Christi und Muhameds gleich verehrungswürdig ist, wünscht er dem Sultan, daß er nach langem, ruhmreichen Leben in den Schooß Abrahams eingehen möge. Unter den vielen bedeutungsvollen und charakteristischen Schreiben, welche der Feder dieses Papstes entflossen sind, ist dieses eines der merkwürdigsten. Während wir in Gregor VII. nur den fanatischen Eiferer für Reinheit und Freiheit der Kirche zu sehen gewohnt sind, vernehmen wie hier aus seinem Munde eine Sprache der Toleranz und Weitherzigkeit, die wir wohl einem Saladin oder weisen Nathan, aber nicht einem mittelalterlichen Papste zuzutrauen geneigt sind. Eben derselbe Mann, der sonst die Sarazenen kurzweg als Heiden zu bezeichnen pflegt, der als der erste daran dachte, die gesammte Christenheit zu einem Kreuzzuge gegen sie aufzurufen, und nur durch innerkirchliche Verwickelungen an der Durchführung eines derartigen Unternehmens verhindert wurde, erkennt hier ohne Bedenken an, daß Muhamedaner und Christen den gleichen Gott, wenn auch auf verschiedene Weise, verehren, und leitet daraus die Verpflichtung ab, einander mit besonderer Liebe zu begegnen. Man kann einwenden, daß eine Sprache, wie sie hier einem Fürste» gegenüber geführt wird, der sich den Christen immer freundlich erwiesen und niemals in die Lage gekommen war, die kirchenpolitischen Kreise des gewaltigen Hierarchen zu stören, nur der Ausfluß einer durch die Verhältnisse gebotenen Höflichkeit sei, aber selbst dies zugestanden, wird man doch immer anerkennen müssen, daß ein Taktgefühl und eine Fähigkeit, von den trennenden Unterschieden absehend, das beiden Theilen Gemeinsame hervorzuheben, wie sie hier an den Tag treten, äußerst wohlthuend berühren. Es liegt über diesem Schreiben aus dem Zeitalter der Kreuzzüge etwas wie der Abglanz eines künftigen schöneren Tages, da die Nebel des Glaubenshasses und der Verfolgungssucht von der