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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-09-20 · Heft 38 (20.9.1888) · p. Seite 604

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 38 (20.9.1888)
Date
1888-09-20
Page
Seite 604 (sequence 12)
Language
German
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604 sie kannte sogar den Verfasser dieser Arbeit; sie theilte dies den Ministerien mit, welche ihr Vollinacht zur Erlangung dieser wichtigen Dokumente gaben. Zum dritten Male ging sie nach Berlin und zehn Tage später konnte sie nach Paris 59,500 persönliche Dokumente, alphabetisch in nummerirte Kästen geordnet, senden. Nach einer kurzen Notiz über jeden von ihnen las man die Namen aller französischen Gefangenen, welche in Militärhospitälern oder in den deutschen Lazarethen gewesen, und welche geheilt oder todt daraus geschieden waren. Der Civilstand aller Verschwundenen, der seit mehr als einem Jahre den Familien und der Regierung so viel Sorge bereitet hatte, konnte auf diese Weise festgestellt werden. Zsaae Strauß. Im vorigen Monat verschied der bekannte Pariser Musiker Jsaac Strauß, und die Arch. isr. bringen folgende biographische Skizze, die auch an dieser Stelle in wortgetreuer Uebersetzung einen Platz finde: Jsaac Strauß war in Straßburg im Jahre 1806 geboren. Er gehörte durch seine Mutter, eine Tochter des Großrabbinen Raphael, einer der besten Familien des Elsaß an. Mehrere seiner Onkel und Vettern hatten sich der rabbinischen Laufbahn gewidmet. Im Jahre 1826 kam er mit leeren Taschen nach Paris in der festen Absicht, sich dort einen Namen zu gründen. Er trat in das Conservatorium in die Violinclasse Baillot's ei», dessen bester Schüler er bald wurde und dessen Freund er stets blieb. Im Jahre 1828 finden wir ihn in der Reihe der Künstler, welche beitrugen, den Ruf der von Habeneck dirigirten Concerte des Conservatoriums zu begründen. Zu gleicher Zeit trat er in das Orchester des Th&itre Italien, in welchem er 16 Jahre lang die erste Violine vertrat. Aus dieser Zeit datircn seine Beziehungen zu den großen und berühmten Meistern und Virtuose» wie: Bellini, Donizetti, Rossini, Rubini, Lablache, Tamburini, Mario, die Malibran, die Pasta, die Catalani, die Sonntag. Im Sommer, während Schluß des Theaters, ging er nach Aix-les-Bains, wo er das Orchester der Concerte und der Casinobälle dirigirte. Der Ruf, welchen er sich hier erwarb, hatte die allgemeine Aufmerksamkeit auf sein Talent gezogen, und im Deccmber 1847 wurde er zum Orchesterdirigenten der Hofbälle ernannt. Die Februar-Revolution verhinderte die Uebernahme seines neuen Amtes. Im Jahre 1852 berief ihn Napoleon III. an den Hof, wo er 18 Jahre lang bei allen Festlichkeiten Orchesterdirigent war. Zugleich zogen ihn alle Würdenträger der Krone und alle officiellen Persönlichkeiten der Zeit in gleicher Eigenschaft zu ihren Bällen. Selbst die Aristokratie des Faubourg Saint-Germain machte ihn sich für ihre Tanzsoireen streitig. Mehr als einmal trat bei den kleinen Bällen der Kaiserin Napoleon auf Strauß zu und sagte zu ihm: „Strauß, gehen Sie zeitig weg, Sie haben einen Ball bei der Herzogin . . . Straße Varenncs"; oder auch: „Heute Nacht ist Opernball; lassen Sie Ihre Tänzer nicht warten." Das Modebad Vichy verdankt ihm seine erste Glanzzeit. Im Jahre 1844 zuin Kasinodirigenten ernannt, führte ec dort zum ersten Male im Jahre 1848 Mlle. Caroline Miolan, spätere Mdme. Carvalho, dem Publikum vor, da er ihr unvergleichliches Talent erkannt hatte. Seine Bolksthümlichkeit wurde allgemein, als er an der Spitze seines großartigen Orchesters der Opernbälle, das er von 1854 bis 1870 mit unvergleichlichem Feuer dirigirte, seine zahlreichen Compositionen aufführte. Die meisten derselben haben ihren Ruf bewahrt. Im December 1869 machte ihn der Kaiser zum Ritter der Ehrenlegion. Diese von ihm nicht nachgesuchte Auszeichnung wurde ihm durch den Vicomte Laferridre, den Kammerherrn seines Souverains, überbracht. Nach dem Kriege zog er sich aus dem activen Leben zurück, doch wurde er nicht vergessen. Wo man ihm begegnete, in den Ausstellungen, bei künstlerischen Feierlichkeiten, bei den literarischen oder musikalischen Premieren verschaffte seine natürliche Liebenswürdigkeit, sein feiner beweglicher Geist, sein in Kunstangelegenheiten so sicheres Urtheil ihm Sympathien. Die höchstgestellten Personen suchten seine angenehme Gesellschaft; einer unserer berühmtesten Staatsmänner sagt von ihm: „Strauß ist der feinste und rechtschaffenste Mann, den ich kenne." Strauß blieb stets seinem religiösen Glauben treu. Er erzählte gern, daß, als er sich um 1830 in Plombiöres befand, — er war damals sehr jung und übte die religiösen Gebräuche in aller Strenge aus —, er jeden Samstag Abend in der Dämmerung mit Casimir Perier vor dem Casino hin und herging, das Firmament beobachtend, um das Erscheinen der ersten Sterne zu sehen, und dieser rief ihm dann zu: „Junger Freund, Sie können Ihre Violine stimmen und das Concert beginnen; der Sabbath ist zu Ende, ich sehe die drei Sterne blinken". Im Jahre 1862 und 1863 hatte er die Ehre, dem Kaiser Napoleon III. die prachtvolle Villa zu überlassen, die er sich in Vichy erbaut hatte; er bat den Grafen Legie, die Mesusoth von den Thüren nicht abmachen zu lassen und in dem Arbeitszimmer des Souverains die antike jüdische Lampe zu belassen, welche von seinen Großeltern stammte. Seine prachtvolle Sammlung antiker jüdischer Cultusgegenstände, die er vor 50 Jahren begann, beweist am charakteristischsten sein Interesse für religiöse Dinge. Seine streng rituelle Tafel stand den zahlreichen Glaubensgenossen aus Afrika

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