Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1888)
- Date
- 1888-09-20
- Page
- Seite 603 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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603 machte die preußischen Officiere stutzig. Sie sahen, daß Mdme. Cahen entschlossen sei, das, was sie als Beleidigung ausah, nicht zu ertragen, wenn nöthig, alle französischen Verwundeten mit fort zu führen, und sie wollten diese Verantwortung nicht auf sich nehme». Sie erinnerten sich auch ohne Zweifel, mit welcher Hingebung diese edle Fran die deutschen Verwundeten gepflegt hatte, sie fürchteten, undankbar zu erscheinen, und sie entsagten ihrem Anspruch. In Folge dieser Scene ward die Lazareth-Vvrsteherin von den Siegern mit aller Rücksicht umgeben. Sie machten es zur Ehrensache, sie das Benehmen jenes Tages vergessen zu lassen. In dem Augenblick, in welchem das deutsche medicinische Personal beim Friedensschluß Bendöme verließ, bat der Chef desselben Mdme. Cahen um die Erlaubuiß, sich bei ihr verabschieden zu dürfen. Er fand sich bei ihr mit den ihm unterstellten Militärärzten in großer Uniform ein und sagte wörtlich: „Madame, wir wollen Frankreich nicht verlassen, ohne Ihnen zu danken, nicht allein im Namen der deutschen Nation, sondern im Namen der Menschlichkeit. Wir werden niemals vergessen, daß Sie uns gezwungen haben, uns gleicherweise vor Ihrem Patriotismus wie vor Ihrer Wohlthätigkeit zu beugen". War es die Erinnerung an diese Dankbarkeit, tvelche in Mdme. Cahen fortlebte? Dachte sie au das Zeugniß, welches ihr die durch ihre Sorgfalt geretteten deutschen Verwundeten in ihrem Vaterlande ablegten? Jedenfalls unternahm sie, als unsere Soldaten auf französischen Bode» zurückgekehrt waren, allein eine viel längere und viel schwerere Aufgabe, als sie bisher für ihr Vaterland vollführt. Wohl sah man auf den Nord- und Ostbahnhöfen Frankreichs eine ganze Anzahl französischer Soldaten zurückkehren, entlassen von der preußischen Regierung. Aber blieben nicht jenseits der Grenze Soldaten, die man nicht transportiren konnte, Kranke, Militär- und Civilverurtheilte, die in den Festungen zurückblieben? Die französische Regierung war darüber durchaus nicht unterrichtet. Sie zählte die Leute, die wiederkanien, aber sie empfing keinen Bericht über diejenigen, welche beim Apell fehlten. Durch den Bericht einiger Gefangenen beunruhigt, glaubte Mdme. Cahen zu errathen, daß viele Unglückliche noch fern von ihrem Batcrlande litten. Sofort war sie entschlossen. Sie fuhr nach Berlin, indem sie als einzige Empfehlung die Dankbriese mit sich nahm, welche sie in Bendöme von deutschen Officieren, die sie gepflegt, empfangen hatte. Diese Correspondenz war der beste Empfehlungsbrief. Vor der barmherzigen Schwester, die ihre Aufopferung zwischen den Leidenden beider Nationen getheilt hatte, neigten sich die Häupter und öffneten sich die Thüren. In Stettin sah Mdme. Cahen zum ersten Male französische Gefangene, welche durch das deutsche Kriegsgericht wegen Handlungen gegen Gehorsam und Disciplin verurtheilt waren. Es waren deren fünfzehn; sie erkannte sie zuerst nicht, weil sie Strafanzug trugen. Als mau sie ihr bezeichnet hatte, näherte sie sich ihnen und sprach sie an. Sie hielten sie für eine deutsche Dame, welche französisch spräche. Als sie hörten, daß sie Französin sei und direct aus Frankreich käme, um sie aufzusuchen, fingen die armen Leute zu weinen an. Dieser Besuch verschaffte ihnen einige Erleichterungen und die Möglichkeit, mit ihrer Familie in Verbindung zu treten, denen sie bisher keine Nachricht hatten znkommen lassen. Mdme. Cahen machte gern ihren Secretär. Immer von derselben Hingebung beseelt, begab sic sich von Stettin nach Glogau, nach Glatz, nach Neiffe, nach Breslau, durch ganz Schlesien, nach Leipzig, Magdeburg, Erfurt, die Ufer des Rheins, überall die französischen Gefangenen besuchend, tröstend. Da sie viel gab und ihre Hilfsmittel sich erschöpften, kehrte sie nach Paris zurück, um Hilfsmittel zu verschaffen und ging sogleich mitten im Winter zurück, dieses Mal bis Danzig, Graudenz bis au die Grenze Polens, um keine Festung und keine» Gefangenen in Deutschland unbesucht zu lassen. Unter den zu mehreren Jahren Festung verurtheilten Gefangenen waren nicht nur Soldaten, sondern auch friedliche Bürger unseres Landes, die der Krieg in seinen Wirbel gezogen, die als Nationalgardisten, Franc-Tireurs gedient oder einfach zur Vertheidigung ihres Heerdes die Waffen ergriffen hatten. Einer von ihnen, ein armer Handwerker von der Marne, hatte zehn Kinder bettelnd auf den Straßen zurückgelassen. Das große Herz der Mdme. Cahen konnte den Gedanken dieser langen Gefangenschaft für Familienväter, die daheim so nöthig waren, nicht ertragen. Sie versuchte, Gnade für sie zu erwirken und mit Hilfe von Freunden, die sie in Bendöme erworben und besonders durch die Kaiserin August«, welche sie zu sehen verlangte und die unser» Gefangenen ein unvergeßliches Wohlwollen erwies, gelang es ihr vielfach. Noch einen andern Dienst hat sie ihrem Vaterlande in Deutschland geleistet. Tausende französischer Gefangener waren nicht mit ihren Mitbrüdern nach Frankreich zurückgekehrt. Was war aus ihnen geworden? Dank der Energie, dieser Frau stellte man annähernd die Ziffern der zurückgebliebenen Kranken und Gefangenen fest. Es war leider nur die Minorität. Nun mußte man die Liste der Todte» aufstellen, um den Familien authentische Todtenscheine zu verschaffen, welche die Ministerien des Krieges und der auswärtigen Angelegenheiten darum bestürmten. Anfragen kamen nach Paris und Versailles, ohne daß man im Stande war, sie officiell zu beantworten. Während das Herz der Eltern zwischen Furcht und Hoffnung getheilt war, blieben viele Betheiligte im Ungewissen. Mdme. Cahen wußte, daß eine sehr genaue Statistik in Deutschland eingeführt worden war, 38*