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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-09-20 · Heft 38 (20.9.1888) · p. Seite 602

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 38 (20.9.1888)
Date
1888-09-20
Page
Seite 602 (sequence 10)
Language
German
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602 — dem fabulösen Flusse, der jeden Sabbath trocken ist -— aufzusuchcn. Wir hoffen, daß nicht viele Glaubensgenossen auf diese Speculation hineinfallen.' — Man schreibt uns aus Thorn, den 11. Sept.: Am 5. d. M. verstarb hier Herr Adolf Gieldzinski im 64. Lebensjahre. Der Verblichene zeichnete sich durch edle Charactereigenschaften aus; stets bestrebt, das Gute zu fördern, hat er sich weit über die Grenzen unserer Gemeinde Ruf erworben. In der städtischen Verwaltung bekleidete er 3 Jahrzehnte hindurch das Amt eines Stadtverordneten,' war ein vieljähriges Mitglied der Thorner Handelskammer, in unserer Glaubensgemeinde Repräsentanten-Vorsteher,Begründer und Vorsitzender des „Israelitischen Kranken- und Beerdigungsvereins" u. s. w. Alle gemeinnützigen Interessen zu fördern, Wohlthätigkeit zu üben, das war seines Strebens Ziel! Ein sehr zahlreiches Gefolge, an dessen Spitze Vertreter der städtischen Verwaltung und Kaufmannschaft, sowie die gesammte Gemeinde-Vertretung gaben ihm das letzte Geleite. — Aus London berichtet man: Wer sollte es glauben — in Whitechapel geschah ein Mord an einem Frauenzimmer in geheimnißvoller Weise, alle Nachforschungen sind bis jetzt erfolglos geblieben — da verbreiteten Fanatiker, die arme jüdische Gemeinde von Whitechapel sei die Veranlassung des Mordes — obgleich auch nicht der geringste Verdachtsgrund vorliegt! Selbstverständlich hat dies keine Folge, ist aber doch ein Symptom des nie ganz erlöschenden Fanatismus. — Aeuit Coralie Cahen. Der „Temps" vom 30. August er. enthält einen ausführlichen Bericht über das jüngst erschienene Buch „Carnet d’un prisonnier de guerre“, vom Oberstlieutenant Meyret, aus der Feder des Herrn A. Msziöres. Derselbe fühlt sich bei der Gelegenheit, wo Meyret der Frau Coralie Cahen erwähnt, veranlaßt, über die Wirksamkeit dieser Frau 1870 und 1871 näheres mitzutheilen. Einiges von den Thaten dieser edelmüthigen Glaubensgenossin haben wir bereits mitgetheilt, als der bekannte Artikel „über die israelitische Wohlthätigkeit in Paris" in der Revue de Deus Mondes erschienen war, wo die wohlthätige Wirksamkeit jener Frau auch innerhalb der jüdischen Gemeinde besprochen ward. Hier nun das ausführliche Referat Mezidres: Mdme. Coralie Cahen. Vor ihr muß jedes Haupt sich entblößen. Sie ist für unsere Soldaten die ausgezeichnetste barmherzige Schwester gewesen. Herr Meyret kennt nur das durch ihre Fürsorge gegründete Lazareth nach Jardin Fabert, aber das ist nur ein kleiner Theil der Ausgabe, die sich diese ausgezeichnete Frau gestellt, der Anfang ihrer selbstlosen Laufbahn. Ja, mein Oberst, Sie glauben, daß Madame Cahen nur in Metz, ihrer Vaterstadt, 300 verwundete Franzosen gepflegt hat, daß sie nach der Capitulation zu Hause geblieben. Hätte sie nur dies gethan, so verdiente sie ohne Zweifel die ihr von Ihnen erwiesene Dankbarkeit. Aber es handelt sich um ganz andere Dinge. Als Vice- .Präsidentin des Hülfscomites für ,die Verwundeten von Paris gekommen, verband Madame Cahen kein persönliches Band mit Metz; der Geist der Wohlthätigkeit, der sie dorthin geführt hatte, bestimmte sie, es zu verlassen, sobald die Deutschen einzogen. Andere Verwundete, andere Kranke erwarteten i e t o n. sie am Ufer der Lotte. Lesen sie im letzten Bulletin der Association des Danies fvacyaises (Juli 1888) den Bericht ihrer Thätigkeit in Vendüme. — In Tours, wohin sie sich begeben hatte, um sich der Regierung der nationalen Bertheidigung zur Verfügung zu stellen, bezeichnete man ihr Vendüme als einen der Punkte, an dem die Kämpfe der Truppen nothwendig eine große Anhäufung von Verwundten veranlassen würde. Sie begab sich sofort dorthin und verwandelte das Lyceum, eine vormalige Abtei, in ein Lazareth. Da hat sie während vier Monate, ganz nahe den Kampfplätzen und unterstützt von zwei Hospitalbeamten und sieben Nonnen tausende von französischen und deutschen Soldaten verpflegt; in einer einzige» Nacht brachte man ihr 340; in den Tagen der Ileberhäufnng hatte sie oft 800 auf einmal. Als. die Preußen Vendüme militärisch besetzten, wollten sie sich des Lazareths der Mdme. Cahen bemächtigen und sogar die deutsche Fahne aufziehen. Sic widersetzte sich entschieden. Schon waren Befehle gegeben, große Plakate in deutscher Sprache an den Mauern befestigt, man wollte die Fabne am Thor des Lyceums aufpflanzen. Die französischen Krankenwärter benachrichtigten Mdme. Cahen. Um 8 Uhr Morgens bei strenger Januarkälte lief sie in bloßem Kopf zum General, welcher an der Spitze seines Stabes diese Besitzergreifung vollzog. „Mein Herr", rief sie, „wir haben hier ihre Verwundeten empfangen, wir haben sie gleich den unseren gepflegt; wir werden es ferner thun, aber wir wollen in einem französischen Lazareth bleiben, wir werden in keinem deutschen Lazareth Weiterarbeiten". „Madame", erwiederte der General, „wir sind die Herren". „Vielleicht in der Stadt; hier nicht! Wir sind durch das rothe Kreuz geschützt und durch die französische Fahne, Sie haben nicht das Recht, diese Beiden zu berühren". Die Festigkeit ihres Auftretens

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