Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-09-20 · Heft 38 (20.9.1888) · p. Seite 598

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 38 (20.9.1888)
Date
1888-09-20
Page
Seite 598 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3227717-3227756--45617-3265141
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

598 Organ des Berliner Lehrerdereins, erschien am Tage vor der Wahl ein Inserat, in welchem „viele Lehrer" die College» zur Stimmabgabe für den „College»" Paul Förster, Candidaten der Antisemiten, aufforderten. Derselbe ist bekanntlich nicht Volksschullehrer, sondern pro facultate docencli, für das höhere Lehramt, geprüft. Jetzt erlassen nun der Vorsitzende des Berliner Lehrervereins, sowie der Vorsitzende der Pflegschaft der „Pädag. Ztg." folgende Erklärung: „Zu unserem Bedauern ist in Nr. 35 der „Pädag. Ztg." ein bezahltes Inserat eingeschmuggelt worden, welches unter der Unterschrift „viele Lehrer" und unter offenbarer Fälschung des Amtscharakters des Wahlcandidaten im sechsten Berliner Wahlkreise Stimmenfang für den Antisemiten vr. Paul Förster versuchte. Die Annahmestelle für die Inserate dieser Zeitung hat sich durch die Fassung täuschen lassen. Auch der Jnseratenthcil der „Pädag. Ztg." darf nicht zum Tummelplatz politischer Leidenschaften gemacht lverden, am allerwenigsten aber zu Gunsten der Antisemiten. Es sind Vorkehrungen getroffen, daß dergleichen Vorkommnisse vermieden werden." — Die conservative Partei hat ihr Wahlprogramm zu den bevorstehenden Landtagswahlen veröffentlicht, und ist dasselbe von den bekannten Führern, Herrn von Rauchhaupt; an der Spitze, unterzeichnet. Dasselbe weicht von dem Programm, welches die „Kreuzzeitung" gegeben, in mehreren Punkten ab. So enthält es nichts von irgend einer Beschränkung der Gleichberechtigung. Ob die conservative Partei hiermit nur der Opportunität gefolgt sei, kann kaum die Frage sein. Bei den Wahlen selbst wird sich dies genugsam Herausstellen. Für uns ist es jedoch immer ein günstiges Symptom, daß die Partei eine solche Intention kundzngeben nicht für geeignet hält. — Bekanntlich hat ein französisches Individuum, mit Namen Garnier, einen Mordversuch gegen einen Bureaudiener der deutschen Botschaft in Paris begangen, und französischerseits sucht man dieses Verbrechen als aus einer Geistesstörung hervorgegangen darzustellen. Hiergegen enthält die „Nordd. A. Z." eine officiöse Auslassung, derer, so sehr der Gegenstand auch unserem Gebiete fern liegt, wir doch hier Erwähnung thun müssen. Sie erklärt nämlich, daß es ganz gleichgültig sei, ob Garnier geistesgestört sei, die That ist aus dem Deutschenhaß entsprungen, welcher durch die Hetzereien der französischen Zeitnngspresse immer von Neuem angeschürt wird mnd von oben her ungehindert bleibt. . Es heißt da unter Anderem, daß Erbitterungen gegen den Sieger bei dem Besiegten nach einiger Zeit und jedenfalls nach Jahrzehnten erlöschen: „Anders ist es, wenn die führenden Gesellschaftskreise und die von dem Hetzgewerbe lebende Presse den Haß täglich schüren. Es ist dann nicht schwer, denselben bei einem einzelnen, besonders geartetem Individuum bis zum politischen Mord zu steigern. Diesen Erwägungen gegenüber ist es im Allgemeinen gleichgiltig, ob Garnier gestörten Geistes ist oder nicht; ist er verrückt, so ist er es durch die chauvinistischen Hetzereien und Aufstachelungen geworden. Der Grad von Störung des geistigen Gleichgewichts, welcher hinreicht, eine solche That zu begehen, ist neuerdings in Frankreich durch die Presse und Parteiumtriebe, die das Feld des Natioualhasses cultiviren unb ausnutzen, derart verallgemeinert, daß die Verantwortlichkeit für Erscheinungen, wie sie in der That des Garnier zu Tage treten, weniger auf das einzelne Individuum als auf das ganze Land und seine Bevölkerung zurückfällt." Dies ist gewiß richtig; aber wir werden hier unwillkürlich au die Judenhetzen erinnert, die Jahre lang in, Preußischen Staate geduldet, von gewissen Seiten sogar gefördert wurden und auch traurige Thaten in Pommern und Preußen bewirkte». Hierfür ist die Verantwortlichkeit ebenfalls auf , die „Gesellschaftskreise" zu legen, welche diese Hetzereien unterstützten. Berlin, II. September. (Privatmitth.) Es hat Aussehen und Befriedigung bereitet, daß die conservative Partei in ihr Programm, obschon der Redacteur der Kreuzzeituug, Herr v. Hammerstein, unterzeichnet ist, die Beschränkung der Gleichberechtigung der Juden nicht ausgenommen hat, welche die Kreuzzeituug mit empörender Heftigkeit und frivolsten Verleumdungen als unniumgänglich gefordert hat. Es ist deshalb kaum zu erwarten, daß ein Antrag darauf von der conservativen Partei ausgehen werde, da dieser die Beistimmung der Freiconservativen und Nationalliberalen nicht zu erwarten hat. Man erkennt hieraus, daß die Strömung von oben gegen die Wünsche der extremen Conservativen gerichtet ist. Dasselbe ergiebt sich, wenn man die Verhandlungen der eben vereinigten Berliner Kreissynoden liest. Hier ist vom Vorstande eine Resolution gegen die Stöcker'sche Stadtmission eingebracht und die letztere als geradezu nachtheilig für das organisirte Kirchenwesen bezeichnet worden. Jedenfalls zeigt es sich, daß die befürchtete Reaction doch noch nicht zur Herrschaft gelangt und von oben her nicht begünstigt ist. — Die Altersversorgungsanstalt der hiesigen israelitischen Gemeinde vor dem Schönhauser Thor hat durch die Hochherzigkeit ihres Begründers, des Herrn Commerzienrathes Mannheimer, eine sehr beträchtliche Erweiterung erfahren. Der Neubau gewährt einigen zwanzig Pfleglingen Aufnahme, so daß also insgesammt in dieser Anstalt einige fünfzig alte Bersorgungsbedürftige untergebracht werden können. Die einzelnen Zimmer sind hell, freundlich, luftig, mit Luftheizungs¬ und Lufterneuerungsvorrichtungen versehen und machen in ihrer freundlichen Einfachheit einen anheimelnden Eindruck. Ehepaare erhalten zwei, einzelne alte Leute je ein Zimmer. Wer in der Lage ist, sich sein Zimmer selbst zu möbliren.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.