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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-09-20 · Heft 38 (20.9.1888) · p. Seite 597

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 38 (20.9.1888)
Date
1888-09-20
Page
Seite 597 (sequence 5)
Language
German
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597 tes Gefühl unser Gemüth. Wir werden freudig gehoben durch das Bewußtsein, einen solchen Mann und Fürsten vor uns wandeln gesehen zu haben, und doch von tiefer Wehmuth durchdrungen, daß ihn das Vaterland so schnell verloren hat. Wir haben in der Reihe der Hohenzollernschen Herrscher Männer von großem Geiste und entschlossener Thatkraft zu bewundern und nennen sie mit Stolz die unsrigen; aber keiner von ihnen war von solchem reinen Menschenthum, von solcher Menschenliebe und unbedingtem Gerechtigkeitsgefühl, von diesen« idealen und dennoch durchaus nicht schwärmerischen oder phantastischen Aufschwung, von solcher durchdringenden und zarten Empfindung für alles Schöne und Edle in Leben, Wissenschaft und Kunst beseelt, ohne daß dadurch dem Bewußtsein seiner Herrscherpflichten und Herrscherrechte ein Abbruch geschah, wie Friedrich III. von seiner Kindheit bis zu seinem von der ganzen civilisirten Welt betrauerten Tode. Es war daher ein glücklicher Gedanke des Di'. Kohut, die verbürgten Aussprüche des Heimgegangenen zusammenzuflellen und in Rubriken zu ordnen. Gewiß wird, wenn die „Aufzeichnungen des seligen Kaisers und Königs" veröffentlicht werden, diese Sammlung weit übertroffen sein. Für jetzt aber geben sie ein Zeugniß ab, von welchem zu wünschen ist, daß es in Aller Hände komme, nainentlich aber der Jugend zum Vorbilde und zu Nacheiferung übergeben werde. Die Sammlung ist gänzlich auf ganz unzweideutige Urkunden gestützt und Ansprachen, Briefen, Erlassen und verbürgten Aussprüchen entnommen. Der Verfasser ordnet sie unter den Rubriken: 1) Vorwort, 2) Religion, Christenthum, Reformation und religiöse Duldung, 3) Lebens- und Regierungsgrundsätze, 4) Preußen und Deutschland, Volk und Vaterland, 5) Krieg und Frieden, Armee und Marine, 6) Wissenschaft, Kunst und geistiges Leben, 7) Freimaurerei, Nächsten- und Menschenliebe. Die erste Stelle in dieser Sammlung gebührt dem Erlaß an den Fürsten Reichskanzler und den freimaurerischen Reden. Doch überall blickt uns derselbe Genius hervor. So möge denn dieses Büchlein überall Freunde finden, die es sich angelegen sein lassen, es zu verbreiten. — In den jüngsten Heften der „Revue äs äeux Nouäee" (VII. VIII.) setzt Renan seine „Etudes d’histoire israelite“ und zwar über David und Salomo fort. Wir halten uns nicht mehr für verpflichtet, diese geschichtlichen Skizzen zu analysiren und zu beurtheilen. Es giebt nicht bloß philosophische, sondern auch historiographische Sophisten, und unsere Zeit ist reich an denselben, in Frankreich >oie in Deutschland. Man setzt einige richtige Tinten auf und umgicbt sie dann mit dem buntesten Farbenschmuck nach Tendenz und Willkür. So auch Renan. Er nimmt eine Beduinenhorde mit ihrem Scheik, und so hat er das Modell für den König David fertig; einen kleinen asiatischen Despoten und er hat den Typus für Salomon. Von der Cultur früherer Nationen und deren Eigenthümlichkeiten wird keine Notiz genommen. Wozu ist auch das beliebte Schema da, in welches man hineindrückt und unterbringt, was vergebens auf Selbständigkeit und Freiheit Anspruch macht? — Wir haben früher mitgethcilt, daß Di-. Steckelmacher einen Vortrag über S. L. Steinheim als Dichter und Religionsphilosoph gehalten: dieser ist nun bei Brönner, Frankfurt a. M., 1888 erschienen. Wir belobten damals die Absicht des Redners, die Gestalt Steinheim's der gegenwärtigen Generation, die seiner fast ganz vergessen zu haben scheint, wieder vor- ,zuführen und bei ihr zur Anerkennung zu bringen. HerrSteckelmacher hat in dem uns nun vorliegenden Bortrage seinen Zweck vollkommen erreicht. Nach einem kurzen Lebensabriß stellt er Steinheini als Dichter und Religionsphilosoph in durchaus klaren und verständlichen Zügen dar. Wir sagen ihm dies besonders im Bezug auf das System Steinheims rühmend nach. Denn gerade hierin lag die Schwierigkeit, die er zu überwinden hatte. Wenn Steinheim so schnell vergessen worden, so lag die Ursache vorzugsweise darin, daß seine uninittelbaren Zeitgenossen ihn viel zu wenig lasen, studirten und zu würdigen suchten. Vielleicht gelingt es diesem Vorträge, die Lust zu wecken, die religionsphilosophischen Schriften Steinheims vorzunehmen und genauer kennen zu lernen. Allerdings hat der Grundgedanke Steinheims seine Schwächen. Die Offenbarungslehre zu einer exakten Wissenschaft zu machen, trägt eben zuviel Gegensätzlichkeit in sich. Aber seine Untersuchungen sind so scharfsinnig und geben so vielen Stoff ^zum Nachdenken und Erkennen, daß ihr Studium immerhin! bedeutende Früchte zu tragen vermag. — Deutschland. künftige Zeiten festzuhalten. Selbstverständlich treten dabei ganz entgegengesetzte Erscheinungen hervor, wie eben die Ge- Bcrlin, 9. Septbr. (Privatmitth.) Es ist die Auf-! genwart die verschiedensten Richtungen beherbergt. Fahren wir gäbe dieser Zeitung, die einzelnen Vorkommnisse, selbst wenn sie nur dem Tage angehören, zusammenzustellen, um so ein Bild der Zeit durch diese Uebersicht zu geben und für zudeshalb hierin fort.— Wie seitens der Antisemiten bei der Ersatzwahl im hiesigen sechsten Reichstagswahlkreise agitirt wurde, zeigt folgender Vorfall: In der „Pädag. Ztg.", dem

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