Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-09-20 · Heft 38 (20.9.1888) · p. Seite 596

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 38 (20.9.1888)
Date
1888-09-20
Page
Seite 596 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227717-3227756--45615-3265139
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

596 bekannten Stellen des Talmud über Jesus. Nun, auch wir wissen längst, daß in dem großen Ocea» des Talmud viele Absurditäten und Fabeleien umherschwimmen, und dahin gehören sicherlich diese, der Vergessenheit würdigen Aeußerungen. — Doch kommen sie gewiß den mit traurigen Folgen begleiteten Absurditäten über Judenthum und Juden nicht gleich, welche durch so viele Jahrhunderte hindurch die grausamsten Verfolgungen einleiteten, wie Hostienschändung, Brunnenvergiftung, ritueller Mord, gegen welche ja Delitzsch selbst seine gelehrte Feder gerichtet hat, was wir stets mit bestem Danke anerkannten. Diese wollen doch ganz etwas anderes sagen, als einige verkehrte Erfindungen eines geschmacklosen Rabbi. — Wir verdenken es Delitzsch nicht, wenn er als strenggläubiger Theologe die Berichte der Evangelisten über den Tod Jesu ganz und gar glaubwürdig findet. Daß er aber über die gegen jene Berichte erhobenen Einwendungen schnell hinweggeht und z. B. unsere bekannte Schrift „Haben die Juden wirklich Jesum gekreuzigt?" mit den Worten ablhut, das sei „wie die Jnquisitionstribunale die Hinrichtung der von ihnen verurtheilten Ketzer dem Arme der weltlichen Obrigkeit zugeschoben", steht dem gelehrten Forscher nicht zu. Unsere Untersuchung richtete sich gegen die Autenthicität dieser Berichte, welche so viele Widersprüche unter einander enthalten. Diese Kritik mußte Delitzsch widerlegen, wenn er es konnte. Jndeß ist dies für ihn nur die Einleitung, die alte Meinung der christlichen Theologen und in Folge des christlichen Volkes über den auf den Juden lastenden „Fluch" zu erneuern. Freilich giebt Delitzsch zu: „wir sind weit entfernt, jeden einzelnen, der später und außerhalb Palästinas lebenden Israeliten als Mitthäter bei jener religionsgeschichtlich entscheidungsvollen Gerichtsproccdur anzusehen." Dieses Zugeständniß, für das wir in unserer Zeit wohl kaum dankbar zu sein brauchen, wird aber von Delitzsch alsbald so gut wie zurückgenommen. Denn sofort sucht er zu beweisen, das jene Procedur eine Nationalsünde und Nationalschuld für das jüdische Volk für alle Zeiten sei. Was also sonst als „Fluch" bezeichnet wird, ist hier „Sünde und Schuld", die noch heute auf jedem Juden lastet. Wer erkennt hier einen Unterschied? Herr Delitzsch huldigt also einer Ansicht, welche uns als eine Verletzung jedes Begriffes von der Gerechtigkeit Gottes erscheint. Hieraus formulirt Delitzsch die Frage an die Juden, ob sie dies nicht daraus erkennen, daß sie nun 18 Jahrhunderte aus ihrem Baterlande vertrieben und trotz Bußgebete und Fasten noch nicht dahin zurückgeführt seien? Nun, wir wollen diese Frage nicht mit einer Auseinandersetzung beantworten, die wir schon so oft über den Zweck dieser Zerstreuung gegeben haben, und die auch Herr Delitzsch wohl kennen mag. Wir stellen vielmehr seiner Frage eine andere entgegen. Im Neuen Testamente wird recht oft versichert: „Das Reich Gottes ist nahe!" Die Geschichte zeigt uns aber, daß während der seitdem verflossenen 18 Jahrhunderte vom F„Gottesreiche". snoch wenigzzu^verspüren ist. Bis jetzt fallen die christlichen^NationenEnoch immer mit Krieg, Mord, Plünderung, Verwüstung von Städten und Dürfen über einander her, und wer weiß nicht was die Franzosen in Deutschland anrichten würden, wenn sie sich stark genug fühlten, und wie die Russen nicht anstünden, nicht bloß die Türkei, sondern auch Oesterreich zu verspeisen, sobald sie die Macht^dazu hätten. Dieser Zustand, wie er durch alte, mittlere und neuere Zeit und in der Gegenwart herrschte und herrscht, ist wahrlich ein^größe-! rer „Fluch", als die Juden zu erleiden haben. Wir könn-! ten also die göttliche Weltordnung fragen, warum sie diesen! Fluch trotz Christenthum und Islam auf den Nationen! lasten läßt? Aber wir fragen nicht, denn wir sind der; Ueberzeugung, welche unsere heilige Schrift an so vielen! Stellen uns giebt: Die Rathschlüsse Gottes sind unerforsch-!lich, aber allweise und geleiten zu den höchsten Zielen. Dies möge auch Herr Delitzsch beherzigen. — (Forts, f.) Literarischer Wochenbericht. Bonn, 4. September. Mit Befriedigung nahmen wir soeben folgende Schrift entgegen: „Goldene Worte des deutschen Kaisers Friedrich. Ein Bermächtniß für das deutsche Volk. Zusammengestellt und zum ersten Male systematisch geordnet von Dr. Adolph Kohut. (Dresden, Pierson 1888.)'' In der That erscheint es nothwendig, daß das so schnell verschwundene Bild des Kaisers Friedrich in seinen wahren Zügen fixirt, und daß es in dem Gedächtniß der Nation immer wieder anfgefrischt und ins Bewußtsein zurückgerufen werde. Hierdurch wird es eine Mahnung zum Vorwärtsstreben, ohne welches der Bestand eines Volkes bedroht wird, ein Damm gegen andrängende Reaction, ein Wegweiser für die Pfade, die wir einzuhalten haben. Ist es schon ein großer Gewinn, im Leben einem Menschen zu begegnen, welcher von den edelsten Idealen erfüllt ist, und diese, soweit ihm Raum vergönnt war, in Wort und That verwirklichte, einem Menschen also, in welchem Idealismus und Realismus in ergiebigster Weise sich vereinigten, so daß durch denselben das schwankend gewordene Vertrauen auf die Menschennatur neu belebt und gestärkt wird, um wieviel mehr einem Fürsten, der solchen hohen Anforderungen genügt und das reine Menschenthum in wahrhafter Größe darstellt. Dies ist mit Friedrich III. der Fall. Wenn wir die in der angeführten Schrift zusammengestellten Aussprüche des hochseligen Kaisers und Königs durchlesen, und wir wissen, daß keine Handlung seines Lebens gegen diese Aeußerungen zeugt, vielmehr jede seiner Thaten von diesem Geiste beseelt finden, so füllt ein gemisch-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.