Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1888)
- Date
- 1888-09-20
- Page
- Seite 595 (sequence 3)
- Language
- German
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595 hundert der christlichen Zeitrechnung bis heute, auf einem so zu sagen heiklen Bode» stehen. Denn noch heute können wir solchen Fragen christlicherseits gegenüber nicht unumwunden, nicht entschieden unsere Meinungen über das Christenthum aussprechen, ohne .schwere Gefahren über uns herauf zu beschwören. Wir meinen hiermit nicht persönliche Gefahren, solche, welche dem Antwortenden allein drohen, denn diese dürften nicht berücksichtigt werden, sondern Gefahren, in welche die ganze Judenheit hinein gezogen würde — was der einzelne Scribent nicht verantworten könnte. Gerade die Schwächen, welche die Schrift Delitzsch' gleich ihren Vorgängern an sich trägt, läßt uns voraussetzen, daß auch sie nur geringen Einsluß auf „die Gebildeten jüdischer Religion" ausübeu werde. Jndeß fühlen wir uns doch verpflichtet, wenn auch unter den gerade in der Gegenwart gegebenen Umständen die Fragen des gelehrten Theologen nicht zu beantworten, doch seine Schrift zu charakterisiren. Schon auf den ersten Seiten tritt uns ein Widerspruch entgegen, in welchen Delitzsch geräth. Er beruft sich auf den Glauben Aller, der Juden wie der Christen, an Einen Gott, welchen Glauben er durch unsere Vernunft, z. B. durch die logische Kette von Ursache und Wirkung, als unerschütterlich begründet ansieht. Bald darauf behauptet er, daß „die Dreieinigkeit die Einheit nicht ausschließe." Hier beruft er sich nicht auf die Vernunft, und gesteht, freilich nicht unmittelbar, zu, daß dieses Dogma von der Vernunft nicht zu erweisen sei. Er meint nur, daß auch die Juden „an Gott und seine Schechina und seinen heiligen Geist glauben." Fürwahr, eine sehr schwache Beweisführung. D. weiß ja recht gut, daß Schechina die Allgegenwart Gottes bedeutet, sowie die Heiligung, die vom allerheiligsten Gotte ausströmt, durchaus aber nicht eine göttliche Persönlichkeit. Ebenso wenig „der heilige Geist", der von Gott diesem und jenem auserwählten Menschen eingegeben wird. D. muß also das christliche Dogma von der Dreieinigkeit, von der Gottheit Jesu als „des eingeborenen Sohnes" und der des heiligen Geistes, überaus abschwächen, genau genommen verneinen, wenn er es mit der, im eigentlichen Glaubensbekenntniß des Judenthums gar nicht vorkommenden Schechina und dem heiligen Geiste, der Moses und die Propheten beseelte, gleichstellen will. In dieses Capitel gehört ja auch das Dogma vom Satan als einer Weltmacht, als dem Widersacher Gottes, von den bösen Geistern, welche die Menschen zu Besessenen machen und vom Exorciren. In der That, wir greifen die christlichen Dogmen hier durchaus nicht an; wir überlassen sie der christlichen Kirche, wie die Dogmen des Judenthums diesem angehören. Aber wir können deren Abschwächung zu Missionszwecken, zur Heranziehung der Juden, nicht unbesprochen lassen. So sagt D. Seite 4: „Auch das Zugeständniß darf ich dir nicht vorenthalten, daß der christliche Cultus hier und da mit seinen Cultushandlungen und seiner Cultussprache in Widerspruch mit dem Bekenntniß der Einheit Gottes zu stehen scheint. Mit manchen Mißbräuchen und Irrlehren, welche heidnische Art an sich tragen, weil sie die Ehre des Einen Gottes schmälern, hat die Reformation gebrochen." Man bemerke die das Zugeständniß wieder abschwächendcn Worte „hier und da" und „scheint". D. will hier die Einwendungen der Juden nur gegen die katholische Kirche gelten lassen, aber wir meinen, daß auch nach der Reformation und bis auf den heutigen Tag jene Eiuwände ihren vollen Platz haben, und erinnern deshalb nur an die Bekenntnißschrifte», die Taufformel rc. Es erweist sich dies auch durch die heftigen Streitigkeiten und Spaltungen, die in der protestantischen Kirche vorhanden und sich vorzugsweise um die Dogmen und deren Consequenzen im Cultus drehen. Wir wären wirklich begierig zu erfahren, wie weit hier Delitzsch von seinen Standesgenossen Zustimmung erhielte. . . . Bon hier an beginnen die eigentlichen, längstchekannten Missionsstückchen. Es werden theils Stellen aus dem Neuen Testamente citirt — was für uns doch nur eine Bewegung im Kreise bedeutet — theils die bekannten Stellen des Alten Testaments, welchen eine christologische Auslegung gegeben wird. Diese, vorzüglich dem Jesaias und dem Secharjah entlehnten Stellen sind jenen Versuchen gegenüber schon so oft erörtert und auf ihre richtige Bedeutung erklärt worden, daß wir hier füglich darüber hinweggehen können. Sind es doch nicht bloß die jüdischen, sondern auch die meisten neueren protestantischen Exegeten, welche ihnen den christologischen Sinn absprechen. — Dann kommt die Ausbreitung des Christenthums an die Reihe, welcher das Judenthum nichts Aehnliches aufzuweisen habe. Herr Delitzsch kennt doch wohl die Gründe, die dem Judenthume das Proselytenmacher: zuerst erschwerten, dann unmöglich machten. Um die Heiden an sich zu ziehen, hätte es sich der heidnischen Sitte anbequemen und heidnische Elemente in sein Bekenntniß aufnehmen müssen. Und doch klagten die römischen Schriftsteller darüber, daß sich so viele Römer dem Judenthume anschlössen. Auch war ihnen hierfür nur ein sehr kurzer Zeitraum gegönnt. Schon im 4. Jahrhundert wurde auf den Uebertritt zum Judenthume eine schwere Strafe gesetzt, und dies galt bis vor Kurzem in allen Staaten, wie noch jetzt in Rußland, wo für einen solchen Fall Confiseation des Vermögens und Verbannung nach Sibirien bestimmt ist. Uebrigens waren ja die ersten Verbreiter des Christenthums, z. B. Paulus, Juden. Endlich spräche der Islam und der Buddhismus durch ihre Ausbreitung ebenso für sich, und der elftere besitzt bekanntlich noch heute eine bei weitem größere Expansionskraft, als das Christenthum, wie z. B. Jnnerafrika erweist. — Alsdann citirt Delitzsch die, durch die Censur längst gestrichenen und den Juden selbst wenig 38*