Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1888)
- Date
- 1888-09-20
- Page
- Seite 594 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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594 bleibend ist, zur Seite (vergl. Psalm 76, 3.) Sie ist aber vorzugsweise als ein Schutzmittel hervorgehoben. So heißt es Jesaias 4, 6: „Und eine Hütte wird (Euch)' sein zum Schatten am Tage vor der Hitze und zu Schutz und Zuflucht vor Ungewitter und Regen." Psalm 27, 5 heißt es: „Denn in seiner Hütte birgt er mich am Tage des Unglücks"; und 81, 21: „Du schützest sie im Schutze deines Angesichts vor den Verschwörungen der Menschen, birgst sie in einer Hütte vor der Zungen Hader." Wir sehen hier, wie Wanderer oder die sich außerhalb der Ortschaften und festen Häuser befinden, von Unwetter und Sturm, von Gewitter und Regen überrascht werden und sich glücklich fühlen, wenn sie eine Hütte erreichen, in der sie sich bergen können vor dem Unwillen der Elemente. Dies wird übertragen auf ein hereinbrechendes Unglück, oder auf böswillige, verläumderische Angriffe der Menschen. Außerdem aber dienten Hütten zur Wacht in Weinbergen und Feldern, wie es Jesaias 1,8 heißt, wo „eine aus einer Belagerung gerettete Stadt einer Hütte im Weinberge, einer Nachtherberge im Gurkenfelde" verglichen wird. Doch gerade diese Stelle weist uns vielmehr auf den Zustand der Hütte hin, wenn die Ernte vorüber und die Hütte verlassen ist. Sie hat da keine lange Dauer; von Sturm und Regen zerfällt sie, keine Hand hilft bessernd aus und bald gleicht sie nur einem Haufen dürrer Aeste mit den Resten ehemaligen Bewohntseins. Deßhalb sagt Hiob 27,18: „Der Ungerechte und Frevler baut wie die Motte sein Haus, wie die Hütte, die der Wächter gemacht; man blickt hin und sie ist nicht mehr." Darum vergleicht auch Amvs 9, 11 das Haus Davids nach dem Vorübergehen des göttlichen Strafgerichts mit einer „verfallenden Hütte", die jedoch „aus ihren Trümmern wieder aufgerichtet wird." — Wohlan, mit diesen Gedanken lasset uns denn auch von dem abermaligen Kreislauf der hohen Feste scheiden. Vorübergehend wie eine Hütte, wie der Aufenthalt in einer solchen, ist das ganze Erdenleben des Menschen. Sagt doch Hiob selbst von Fürsten, „ daß sie sich nur Trümmer erbauen." Es ist kein festes aus Steinen gebautes Haus dieses Leben für den Menschen, sondern nur wie eine Hütte im Weinberge, eine Nachtherberge im Gurkenfelde, leicht erbaut, bald wieder verlassen, und in geringe Ueberreste zerfallend. Aber gerade deshalb ist unsere Bestimmung, darin strenge Wacht zu halten, damit das Böse in und rings um uns nicht hereinbreche, und die Früchte verzehre oder wie das Wild zertrete. Strenge Wacht auf uns selbst, das ist die Forderung, die fort und fort an uns gestellt wird um unser und Anderer Heil. Ueberlassen wir uns der Trägheit und Nachlässigkeit, oder lehnen wir uns gegen die Pflichten, die uns obliegen, auf, oder lassen wir uns sogar von dem Wahne bethören, daß es auf unser Thun und Lassen gar nicht ankomme, so werden wir die Folgen selbst tragen und der, welcher uns als Wächter in die Hütte eingesetzt, wird wissen, welchen Lohn er uns zu crtheilen habe. Aber nicht minder mögen wir die Zuversicht mit uns in das Leben nehmen, daß uns in den Kämpfen und Nöthen desselben die göttliche Lenkung der Geschicke einen festen Schutz gewährt, einen Schutz, der nicht der Mauern und Wälle bedarf, sondern uns auch in der geringen Hütte zu Theil wird, „zum Schatten vor der Hitze des Tages und zur Zuflucht vor Regen und Unwetter." Fürwahr, eine solche Zuversicht, unerschütterlich festgehalten in allem Wechsel unseres Erdenlebens, ist die herrlichste Gabe der Religion, denn sie schützt uns vor Verzagtheit, sie zerstreut selbst die Verzweiflung' aus unserer Seele, weckt die Hoffnung, daß unsere „verfallende Hütte" wieder aufgerichtet werde, und verleiht uns so Widerstandskraft und Muth, den Kampf mit den Widerwärtigkeiten von Neuem zu beginnen, bis wir ihn glücklich bestanden haben. Diese Gedanken nimm' mit dir, lieber Leser, und du wirst den Segen derselben sicher erfahren, bis die Befriedigung, bis die Freudigkeit des Daseins wieder bei dir eingekehrt ist. Dies ist unser Wunsch zum Schluffe der Feste. Franz Delitzschs neueste Schrift. i. Der ausgezeichnete Kenner des hebräischen Schriftthums, auch des Talmud's, der verdienstvolle greise Prof. Franz Delitzsch, hat jüngst eine Schrift veröffentlicht: „Ernste Fragen an die Gebildeten jüdischer Religion". (Leipzig, Institutum judaicum, 1888.) Niemand kann mehr als wir die Verdienste Delitzsch' schon seit seiner ersten Schrift „Zur Geschichte der jüdischen Poesie seit Abschluß der Bibel bis jetzt" (Leipzig, 1836) bis auf seine jüngsten Vertheidigungsschriften des Talmuds und des Judenthums gegen Rohling würdigen. Aber von Anfang an haben wir auch seine Neigung zur Missionsthätigkeit, seine Bestrebungen zur Bekehrung der Juden gekannt. Die vorliegende Schrift ist nun nichts anderes als eine Missionsschrift, in etwas weniger salbaderndem, und etwas gemildertem Tone als die gewöhnlichen Kundgebungen der Missionsgesellschaften und Missionäre. Wir finden in derselben die Gedanken, die Argumente und besonders die bekannten Auslegungen von Schriftstellen, wie in allen Missionsschriften, zugleich mit dem Bestreben, die Bedeutung der christlichen Dogmen abzuschwächen, die Gegensätze zwischen Christenthum und Judenthum zu verwischen. Dies letztere ist uns seitens des strenggläubigen lutherischen Theologen etwas auffallend, da wir doch sonst an Delitzsch Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe zu rühmen hatten. Selbstverständlich müssen „Fragen" Antwort erheischen. Aber hier ist es, wo wir Juden, schon vom 3. Jahr-