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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-09-13 · Heft 37 (13.9.1888) · p. Seite 590

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 37 (13.9.1888)
Date
1888-09-13
Page
Seite 590 (sequence 14)
Language
German
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590 die Luft wird rauher, die Vögel sind verstummt und weggezogen, das Laub welkt und fällt auf den dunkel und sparsam gewordenen Rasen, die Bäume werden kahl, und was die Hand Gottes uns in diesem Jahre geboten, ist eingeerntet, und Flur und Garten sind verödet. Trotz dieses Erntesegens befällt den Menschen eine gewisse Bangigkeit; er sieht den Stürmen und Frostwettern entgegen, die seine Wohnstätten befallen und erschüttern werden und die ihn zu einem beschränkten Dasein innerhalb der Schutzmauern nöthigen, die er sich errichtet hat, um den Kampf mit den Elementen bestehen zu können. Da fühlt sich der Mensch zur Ernkehr in sich selbst, in die Betrachtung seiner Verhältnisse und Geschicke, in sein eigenes Thun mld Lassen gezogen. Die Vergänglichkeit des Irdischen drängt sich ihm aus dem 'Anblick der Natur aus, der Wechsel und Wandel in allen irdischen Dingen. Hier ist es, wo das mit dem Gedanken des Jahreswechsels und der Erinnerung an das göttliche Gericht bereicherte Drommetenfest, und jener Tag, der uns besonders zur Buße, d. i. zur Umkehr und zur Erlangung der Vergebung unserer Schuldhaftigkeit aufruft, mit voller Wirkung eintritt. Es giebt draußen nichts mehr, was uns abzöge, vielmehr mancherlei Mahnung, nach der Bergung leiblicher Nahrung auch an das Leben unserer Seele, an ihre Stärkung und Läuterung, an ihr Heil zu denken. Zögern wir nicht, mein Bruder und meine Schwester, schiebe es nicht auf, rechne dir nicht die Jahre vor, die dir noch nach der Zeit deines Lebensalters vergönnt sein könnten, denn „das Verhängniß schreitet schnell", die Zukunft ist für uns unberechenbar. Freilich, das Leben der gegenwärtigen Geschlechter ist voll Drängens und Treibens und gewährt die Ruhe zu ernsterer Betrachtung nur wenig, der Moment einer Empfindung, eines Gedankes eilt rasch vorüber. Um so mehr müssen wir wach sein und entschlossen fassen, was sich uns bietet, was sich uns als heilsam, ja als nothwendig darstellt. Anders war es in früheren Zeiten und in jenen Gegenden, in welchen unsere Religion und ihre Institutionen erstanden sind. Wir rühmen uns jetzt, ein wärmeres Gefühl für die Schönheiten der Natur und ein schärferes Auge für ihre Gebilde zu haben; dafür lebten die früheren Menschen viel mehr mit und in der Natur und ihre Stimmungen neigten sich derselben unmittelbarer zu; sie waren von der Natur nicht so vielfach abgelöst, wie wir es sind durch die geistige und politische Entwickelung. Es liegt deshalb durchaus nicht fern, die Bestimmung der Zeit für diese hohen Feiertage mit den Vorgängen in der Natur zu vereinbaren. Nun, in unserer Zeit gesellt sich noch eine Gewohnheit hinzu, die sich so überaus stark ausgebildet hat. Im Sommer werden die jetzigen Menschen zu Zugvögeln, die nach allen Gegenden, nach allen vier Winden ausschwärmen. Mit dem Herbste kehren sie in ihr Heim zurück und schicken sich an, mit vollen Kräften in das bürgerliche und gesellschaftliche Leben einzutreten. Wie könnte das besser begonnen werden, ja was wäre wohl vor diesem Eintritt nothwendiger, als die Kraft des Geistes durch die von der Religion gegebene Mahnung zu stärken, das Bewußtsein der höheren Welt, der höheren Bestimmung des Menschen und aller sittlichen Tugenden von neuem zu wecken und als eine Triebfeder für unsere bevorstehende Thätigkeit in unserer Seele zu beleben. XI. Du verlangst, mein Theurer, „Selbstbekenntnisse" von mir, daß ich die Resultate meines inneren Lebens, meiner Erfahrungen und Beobachtungen vor dem Schluffe meines Lebens kundgeben solle. Ich werde dies nicht thun. Ich glaube, daß. wer nun über sechszig Jahre und zwar ununterbrochen in der Publicistik thätig war, seine Erfahrungen und Beobachtungen, den Gang seiner Gedanken und die Triebfedern seines inneren Lebens genugsam ausgesprochen hat. Andererseits halte ich solche Schlußbetrachtungen seines Lebens llicht für gut, d. h. nicht für recht. Wie sehr jemand auch nach einem allgemeinen und unparteiischen Standpunkt ringt, er theilt dennoch das Schicksal seiner Erdgenossen, die Dinge durch das Glas anzuschauen, welches ihm seine eigene Anlage und die Berührungen und Consticte mit seinen Mitmenschen eonstruirt und gefärbt haben. Wie? entgeht ein Sterblicher den Enttäuschungen, schweren und leichteren? Wo er auf Liebe hoffte, trifft er auf Gleichgültigkeit, wenn nicht auf Neid oder gar Haß; wo er Früchte zu ernten gedachte, findet er, daß die Blüthen taub gewesen oder die Früchte vor ihrer Reife zu Boden gefallen; wo er Bildung und Fortschritt zu euvarten sich berechtigt schien, gewahrt er Stillstand, Rückschritt, Verdunkelung des Bessern, Rohheit und andere schöne Tinge. Wie sollte ihm da der Blick ungetrübt bleiben? . . . Doch eine Beobachtung will ich dir nicht verhehlen. Je höher ich in meinem Alter steige, desto mehr verschwinden die Gräber vor meinen Augen, in welche ich diejenigen betten mußte, die meinem Herzen theuer waren. Die Gräber schwinden und die Gestalten der Dahingeschiedenen treten mir immer lebhafter, immer lebendiger entgegen und kommen aus mich zu. Auch ich eile zu ihnen und blicke in ihr Antlitz und ihre Augeu: „Seid Ihr zufrieden mit mir? zürnet Ihr nicht über die Fehler, die ich begangen, über die Schwächen, die ich an mir haften ließ? „Da nahen sich mir die ehrwürdigen Gestalten der Großeltern und Eltern — die des Vaters freilich allzu dunkel, da ich ein Kind war, als er hinweg gerufen ward — der Brüder, von denen der eine das Ideal, der andere der Liebling meines Herzens war, der Schwester in jugendlicher Blüthe, da der Rasen sie nunmehr schon über 60 Jahre deckt, der Gattin, die sieben Jahrelang durch ihre Liebe, ihre Sanftmuth, ihre Engelsgüte — bei dnrchgebildetem

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