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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-09-13 · Heft 37 (13.9.1888) · p. Seite 591

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 37 (13.9.1888)
Date
1888-09-13
Page
Seite 591 (sequence 15)
Language
German
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591 Charaeter und Urtheil — mich beglückte, der drei Söhne und der Tochter, die vor mir in die Gruft sanken — sie alle umringen mich und strecken mir liebevoll die Hände entgegen. Fürwahr, das ist ein lieblicher Uebergang vorn Diesseits zum Jenseits! Ich weiß es, sie werden mich auf meinem letzten Lager umgeben, mein Sterben erleichtern und meine Seele hinauftragen zu den Höhen der Unendlichkeit, der Ewigkeit. Ich habe oben „merkwürdig" zugesagt. Tenn ich habe in meinem vergangenen Leben niemals den Blick in die Ver gangenheit geliebt und mit vergangenen Zeiten und Gestalten mich nur selten beschäftigt. Theils hatte ich viel zu viel mit der Gegenwart zu schaffen, zu arbeiten und zu sorgen; theils war die Grundlage meines Geistes auf gleichmäßige Heiterkeit, nicht auf Lust an Fest und fröhliche Ausgelassenheit, wohl aber auf Zufriedenheit und Gleichmuth gebettet; da liebte ich Bilder der Trauer nicht. Legte mir doch die Pflicht des Seelsorgeramtes allzu oft auf, Seenen des Schmerzes und des Leides anzuwohnen und mit Wort und That einzugreifen. Wozu dann noch die Erinnerung an schwere Verluste, an Zeiten der Bedrängniß, das Aufreißen von Wunden, die kaum vernarbt waren. Du wendest mir ein, daß ich mich auf diese Weise der Gegenwart entfremden möchte. Hege keine Besorgniß; ich fühle mich mit beiden Füßen in der Gegenwart stehend, und unzerreißbare Fäden knüpfen mich an den Bestand der Religion, an die Glaubensgenossenschaft, an das Vaterland und die ganze Menschheit. Bei jedem Gedanken an diese vier großen Gestalten schlägt mir das Herz feurig wie in der Jugend, und was mir an Kräften geblieben, ist diesen gewidmet. Kanaan vor dem Einzuge der Israeliten. Diesem geschichtlichen Gegenstände hat man bis jetzt geringere Aufmerksamkeit geschenkt. Um so willkommener sind folgende Mittheilungen, welche einige Streiflichter auf eine bis jetzt so dunkle Periode werfen. Die archäologische Forschung hat in diesem Jahre eine große, sensationelle Entdeckung gemacht. Es wurde eine Reihe von Tafeln mit Keilschrift in Tel-el Amarna in Ober-Egypten zu Tage gefördert, welche eine diplomatische Correspondenz enthalten. Tel-el Amarna nimmt die Stelle jener Stadt ein, welche Amenophis IV., der schismatische König Egyptens der achtzehnten Dynastie, nach seinem Bruche mit den Priestern von Theben, errichtete. Diese Stadt dauerte nur kurze Zeit nach seinem Tode, sie ward verlassen, als der egyptische Hof zur Orthodoxie zurückkehrte. Unter den Ruinen der Stadt fanden Fellahs eine ganze Bibliothek von Schiefertafeln, welche mit babylonischen Keilinschriften bedeckt waren. Diese Tafeln sind größtentheils Briefe oder Depeschen, welche an Amenophis III. oder IV. von den Königen oder Gouverneuren von Palästina, Syrien, Mesopotamien und Babylonien gerichtet wurden. Eine diesen Documenten zugefügte Notiz constatirt, daß sie vor Theben mit dem königlichen Archiv in die neue Hauptstadt transportirt wurden. Palästina war, laut dieser Correspondenz, zu jener Zeit von egyptischcn Garnisonen occupirt, welche als „Gardecorps" bezeichnet werden. Auf einer dieser Tafeln ist die Rede von einer Coalition, welche der König von Math znsammenbrachte^). Fünf dieser Briefe stammen von Burna Buryas aus Babylon, welcher ungefähr 1430 vor der christlichen Aera lebte. Dieser Umstand fixirt annährungsweise die Epoche der Regierung Amenophis IV. Die größte Zahl der Briefe ist an die Königin Tit gerichtet, die Tochter Dnsratta's, des Souveräns von Mitanni (?). Amenophis IV. hat wahrscheinlich von dieser Königin den Cultus der Sonne geerbt, welchen er vergebens seinen Unterthanen aufzildrängen suchte. In der Epoche der 18. Dynastie besaßen die Einwohner von Mitanni die Gegencoine in ganz Syrien. Diese unerwarteten Enthüllungen über politische und literarische Beziehungen zwischen den beiden äußersten Grenzen des civilisirten Orients vor dem Exodus der Israeliten sind geeignet, eine Revolution in der Kenntniß des alten Orients herbeizuführen. Das merkwürdigste Factum ist vielleicht, daß die Sprache und die Schrift dieser Correspondenz diejenige Babyloniens ist. Es ist erwiesen, daß das westliche Asien ausgezeichnete Schulen hatte, in welchen die babylonische Literatur sorgfältig eulti virt wurde. Der wichtigste Punkt dieses archäologischen Fundes ist jedoch die Gewißheit, welche er uns bietet, daß die größte Zahl der aus Kanaan erhaltenen Documente in der Keilschrift auf Tafeln geschrieben waren und nicht auf Papyrus. Es ist zu hoffen, daß eines Tages, wenn Städte wie Tyrus oder Kirjath-Sepher, „die Stadt der Bücher" ausgegraben werden, man dort die analogen Bibliotheken, wie in Ninive oder Babylon finden werde. Wir sind jetzt gewiß, daß das Volk von Kanaan nicht nur lesen und schreiben konnte vor der Eroberung Israels, sondern daß es auch einen regen diplomatischen und literarischen Verkehr hatte. 1) Es stimmt dies mit dem Buche Josua völlig überein, nach dessen Schilderungen ganz Kanaan in eine Menge von kleinen Königreichen vertheitt war, welche si» gruppenweise mit einander gegen die eindringenden Israeliten verbanden. Die Israeliten schlugen sie, tödteten die Könige und unterwarfen die von diesen regierten Städte. Redaction.

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