Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1888)
- Date
- 1888-09-13
- Page
- Seite 588 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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588 Strache (mit erhobener Stimme): Als Jahn im Jahre 1813 „alle Deutschen ohne Unterschied des Glaubens" dazu aufrief, das Vaterland zu säubern von den fremden Eroberern, da wurde nicht danach gefragt, ob in den Reihen der Baterlandsvcrtheidiger nicht etwa auch ein Jude stünde! (Tosendel- Beifall, in dem die Gegenrufe ungehört verhallen.) Auch heute wird es unsere Reihen nicht schänden, wenn in ihnen Einer steht, der seine Pflicht treu erfüllt, wenn er auch unserer Confession nicht angehört. (Großer Beifall.) Bei mir entscheidet die Gesinnung, nicht die Confession. Es giebt eben, wie ich mich oft zu überzeugen Gelegenheit hatte, „jüdische Christen" und „christliche Juden", um mich eines gebräuchlichen Ausdruckes zu bedienen! (Großer, stürmischer Beifall, der etwaige Oho-Rufe nicht aufkommen läßt.) Und schließlich verweise ich auf die so schlagenden Kundgebungen im deutschen Kreist.irurathe; ein Dr. Götz, ein Georgi, ein Dr. Maul werden wohl auch noch wissen, was deutsch und turnerisch ist! (Stürmischer Beifall.) Es ist heute auch ein Drahtgruß hier verlesen worden von einem Manne, dem gewiß das Zeugniß nicht vorenthalten werden kann, daß er ein Deutscher ist, ich meine Hans Kudlich. (Stürmischer Beifall.) Dieser Mann wird wohl auch noch wissen, was national ist und was nicht!!" (Jubelnder Beifall.) Hiernach scheinen die Antisemiten auf weitere Demonstrationen verzichtet zu haben. Wien, 2. September. Bekanntlich hat Schönerer durch seine Berurtheilung auch sein Mandat für den Reichscath verloren. Mau berichtet nun, in Schönerer^ Wahlbezirk wird für die bevorstehende Ersatzwahl zum Reichsrath eine starke Agitation für die Wiederwahl des Jnhaftirten eingeleitet und durch die Drohung unterstützt, Schönerer werde, im Falle er nicht gewählt würde, den Wahlkreis verlassen, wo er sehr begütert ist. Frankreich Paris, 30. Aug. (Privatmitth.) Dem sorgfältigen Beobachter kann es nicht entgehen, daß sich in der französischen Republik ein gewisser Umschwung in dem Verhalten gegen die positiven Religionen vorbreite, und abgesehen von dem allgemeinen Interesse würde dies auch für die jüdische Confession nicht ohne Folgen, und zwar günstige, bleiben. Tie Republikaner kommen zu der Einsicht, daß sie die feindseligen Maßnahmen gegen die Religion zu weit getrieben haben, da sie nicht bloß den Cnltusetat von Jahr zu Jahr mehr beschneiden und ihn völlig zu beseitigen beabsichtigen, sondern auch jeden Religionsunterricht aus der Schule ans allen Stufen der Lehranstalten entfernt haben und ihm nicht einmal die Sck ulräume gestatten, auch alle Confessionsschulen abschaffen. Sie kommen zu dem Bewußtsein, daß sie sich hiermit einen großen Theil des französischen Volkes entfremden, und die Erfahrung hat ihnen gezeigt, wie gefährlich dies für den Bestand der Republik ist. Eine jede Staatsregierung trägt in sich die Pflicht — die wie immer im Leben zugleich die größte Klugheit ist, über den Parteien zu stehen und den extremen Tendenzen einer Partei nicht zu huldigen. Der Staat ist ja eben eine Vereinigung aller Parteien. Namentlich ist der Staat darauf angewiesen, die aus der Vergangenheit überkommenen Richtungen und Verhältnisse zu berücksichtigen, zu schonen und nicht einem jeweiligen Hirngespinnste zu opfern. Das Volk wird ihm nicht darin folgen, vielmehr treibt er auf diesem Wege einen großen Theil seiner Angehörigen in die Arme ihm feindseliger Parteien. Die französische Republik hat in ihren! früheren Phasen die Unklugheit und Ungerechtigkeit, diesen I Starrrsinn für ein bestimmtes Princip schwer gebüßt, und i so mögen wohl die nicht ganz verblendeten Anhänger der! dritten Republik durch die neuesten Vorgänge zu der Ueber- . zeugung gelangen, daß sie bei weiterer Verfolgung der ein- ''geschlagenen Bahn ihrer jetzigen Verfassung den Sturz bereiten. Die Republik hat schon starke Feinde genug: die Clericalen, die Royalisten, die Bonapartisten, die Boulangisten; ihre Parteigänger sind unter sich gespalten und bekämpfen einander auf's heftigste, wenn nicht gerade eine starke Gefahr sie bedroht. Die besonnenen Repltblikaner sehen nun mit Beängstigung diese gegnerischen Parteien immer mehr anwachsen und machen es sich deshalb klar, daß sie von ihren Extremen ablassen müßten, und es erwacht in ihnen das Bedürfniß, mit der Kirche friedlichere Verhältnisse anzustreben. Dies ist allerdings von ihrem jetzigen Standpunkte aus ein etwas weiter und schwieriger Weg. Sie müssen einige Etappen zurück. Große republikanische Blätter wie der „Temps" haben bereits dahingehende Artikel veröffentlicht, und da sie dies nicht ohne Zustimmung der Parteiführer thun können, muß man es als Symptom von Plänen betrachten, die sich bereits Raum geschaffen haben. In Frankreich, wo der jüdische Cultus eine völlig gleiche Stellung wie die katholische und die protestantische Kirche einnimmt, ist dies von Belang, sowohl was die staatlichen Subventionen betrifft, als auch die Freiheit des consessionellen Religionsunterrichtes und der confessionellen Schule. Serbien. Belgrad, 25. August. Von panslavistischer Seite wird hier ein antisemitisches Unternehmen versucht, um Kaufleute zu bewegen, sich durch Unterschrift zu verpflichten, von jüdischen Kaufleuten keine Waaren zu kaufen.