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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-09-13 · Heft 37 (13.9.1888) · p. Seite 587

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 37 (13.9.1888)
Date
1888-09-13
Page
Seite 587 (sequence 11)
Language
German
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587 Freisinn der Jude sacrosanet, der Adel aber vogelfrei sei. O du liebe „Kreuzzeitung"! Das arme Weib, das vor Herrschsucht den Verstand verloren zu haben scheint, übersieht ganz, daß wir uns gegen die ungerechtfertigte Bevorzugung, die Lhatsächliche Privilegirung eines „Standes" vor anderen wenden, während sie die Aufhebung der Gleichberechtigung unserer israelitischen Mitbürger anstrebt. Was wir wollen: das ist die volle Gleichberechtigung jedes Bürgers im Reiche mit dem anderen, wie das Gesetz und Verfassungsrecht ist; jede Bevorzugung bestimmter Klassen ist einfach ungesetzlich. Wir vertheidigen die Juden nicht, um für sie besondere Privilegien herbeizuführeu, sondern weil sie, die von unseren Ahnen durch den ganzen Verlauf der vaterländischen Geschichte geschuldet wurden, so gut Menschen von Gemüth, Verstand und Schaffenslust, Tugenden und Fehlern wie alle andern Menschen sind, weil sie jetzt endlich unsere verfassungsmäßig gleichberechtigten Mitbürger sind und weil, nur es für empörend und dem Entwickelnngsgange der menschlichen Cultur widersprechend halten, eine specielle Bolksklasse gesetzlich zu entrechten. Diesen Kampf für die Gleichberechtigung der Staatsbürger werden wir nun und nimmer aufgeben; wir werden ihn führen jederzeit mit aller Kraft für Jedermann im Volke, mögen diejenigen, die man entrechten will, Juden, Katholiken, Socialdemokmten oder sonst was sein und heißen". — Freiburg i. Br., 5. September. (Privatmitth.) In hiesiger Stadt wird in diesen Tagen die jährliche Generalversammlung der deutschen Katholiken abgehalten. Wir heben hervor, daß in der ersten Sitzung der Abg. Windthorst, welcher mit ungeheurem Beifall empfangen wurde, eine Ansprache hielt, in welcher er unter Anderen: erklärte, daß die Katholiken, durch das Centrum vertreten, niemals ihre Zustimmung zu irgend einer Verletzung der Gleichberechtigung aller Staatsangehörigen ihre Zustimmung geben würdell. Aehnliche Aussprüche thaten auch andere Redner. Es ist dies gewiß Neulich, und das Centrum bei Gelegenheit im deutschen Reichstage hat sich auch also geäußert. Schade, daß dies nicht früher schon den ultramontanen Hetzkapläneu eingeschärft worden, welche viele Jahre hindurch mit der Kreuzzeitung und ähnlichen Organen wetteiferten, Judenthum und Juden zu beschimpfeu und zu verläumden. Diese giftschwangeren Stimmen haben sich seitens der Katholiken in den letzten Jahren verloren, was wir gern anerkennen. Hat sich doch jüngst ein bedeutendes katholisches Blatt offen und nach drücklich gegen den Antisemitismus ausgesprochen. Daß sich noch überlebte Knaben, wie Sebastian Brunner u. A., in jener gehässigen Weise hören lassen, hängt mit ihrer Gewohnheit und der augenblicklichen Wiener Strömung zusammen. Aus Schlesien, 31. August. Die letzten Ausfälle der „Kreuzztg." gegen die Juden veranlassen die „Neiffer Ztg.", ein hervorragendes Organ der Ceutrumspartei, an das katholische Volk die Bitte zu richten, die Hand abzulassen von der Judenhetze, sich an der Verfolgung der Juden in keiner Weise und keiner Form mehr zu betheiligen, damit man nicht die Schmach erlebe, daß das in der Minorität befindliche katholische Volk, nachdem es jahrelang Bedrückungen, Verfolgungen und Zurücksetzungen erfahren und dieserhalb vor aller Welt Klage geführt hat, sich von den Kreuzzeitungsleuten und ungläubigen Judenhassern zur Hetze wider die Juden gebrauchen lasse. „Der Geisteskampf soll allein gelten, — so schließt das ultramontane Blatt — beflecken wir unser ruhmvolles Banner nicht durch Theilnahme an Gewaltmaßregeln plumper Majoritäten." (Es ist dies gewiß eine erfreuliche Erscheinung und weist abermals darauf hin, daß das Ceutrum Anträgen auf Beseitigung bet Gleichberechtigung nicht zustimmen werde, i Wenn der Ultramontanismus der protestantischen Reaction! gegenüber hierin mehr echte Religiosität erweisen würde, könnte j man es nur als ein erfreuliches Zeichen der Zeit betrachten.) Oesterreich-Ungarn. Wien, 30. Aug. Zu Leipa in Böhmen fand dieser! Tage ein Gauturufest des nordböhmischen Turngaues statt. ' Während des Commerses hielt der Abg. Prof. Bendel eine i Rede, iu welcher er die confessionelleu Hetzereien verurteilte. Darauf brachte ein antisemitischer Redner Namens Höhne unter lärmender Zustimmung der anwesenden, meist der Wiener Hochschule angehöreuden Studenten, einen Trinkspruch auf das „unverfälschte" Bennächtniß Jahn's aus. Die kurze Rede überraschte dermaßen, daß die Studentenverbindung „Hilaria", Turnverein „Obergrund" und ein Theil der Leipaer „Jahn-Verbindung" (alle antisemitisch) ungestört Beifall klatschen konnten. Nach einem Toast Lindner's aus Leipa „auf die Josephinischen Ideen" erhob sich Strache unter allgemeiner Spannung zur Schlußrede. Er sagte nach einem Bericht der „D. Z." Folgendes: „Der geehrte Herr Redner aus Obergruud wird uns gewiß das Zeugniß nicht versagen können, daß die Redefreiheit bei uns gewahrt bleibt. Wir haben seine Ausführungen mit der größten Geduld angehört, wenngleich die große Mehrheit der hier Versammelten mit seinen seltsamen Ansichten nicht einverstanden war! (Großer Beifall. Lärm und Oho-Rnfe.) Trotz des großen Geräusches Ihrerseits ist meine Ueberzeuguug nicht erschüttert! (Stürmischer Beifall.) Streiten wir uns heute nicht mehr nur den Leib Jahn's. Jahn ist gestorben, sein Geist lebt in uns fort! Aber ich weiß nicht, ob Jahn, wenn er jetzt unter uns träte, den Geist, den ihm ein Redner unterschieben wollte, als den seinen anerkennen würde! (Lärm, der vom Beifall übertönt wird.) 37*

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