Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1888)
- Date
- 1888-09-13
- Page
- Seite 586 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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586 ligt ist. Er zeichnet sich durch Wahrhaftigkeit und Entschiedenheit aus und lautet: „Seitdem die „Kreuzztg." in Berlin vor bald zwei Monaten einen ersten Artikel gegen die Juden gebracht hat, der keinen Zweifel darüber ließ, daß die extremen Confervativen die Zeit zur Jnscenirnng einer neuen Judenhetze für gekommen erachteten, ist das dankbare Thema nicht mehr aus den „nationalen" Blättern verschwunden. Die „Kreuzztg." selbst vor allem hat dasselbe weiter ausgebeutet und schließlich ein Programm ausgestellt, welches sich zu folgenden Punkten zusammeufasseu läßt: „Die Juden foöeit sich nicht in großen Städten ansammeln, nicht die Börse cultiviren, nicht Rittergüter und Bauernhöfe erwerben oder zertheilen dürfen und keine mißliebigen Zeitungen und Witzblätter herausgeben." Letzteres namentlich ist sehr hübsch. Wenn man nicht wüßte, daß es der „Kreuzztg." blutiger Ernst mit der Aufhebung der Emancipation der Juden ist, so könnte man ihre blödsinnigen Vorschläge ruhig bei Seite lassen; so aber muß man sich damit beschäftigen, wie in unseren Tagen mit vielem, was man lieber ganz unbeachtet ließe. Denn es ist eben kein Zweifel mehr, daß wir es mit einem geschlossenen Versuch der Conservativen zu thun haben, die Judenhetze in Deutschland neu zu entfachen, wozu die preußischen Landtagswahlen als Anlaß dienen. Worauf die rechte Seite ihre Hoffnungen stützt, weiß jeder unserer Leser, ohne daß wir es auszusprechen brauchen. Ob diese Hoffnungen berechtigt sind, wissen wir nicht; es ist uns aber sehr fraglich. Wahrscheinlich nehmen die Herren zu früh die Maske vom Gesicht. Sie sollten sie nur auch gänzlich fortnehmen und einfach erklären, daß die Juden aus Deutschland vertrieben und ihre Güter confiscirt werden müßten, dann zeigte sich der unglaubliche Barbarismus dieser urgermanischen Christen, die vor lauter Germanenthum vom Christenthum nichts spüren lassen, erst im rechten Lichte. Wenn sie das wagen würden — ihrem Sinne entspräche es jedenfalls — so würde dies vielleicht für gewisse Seiten am besten aufklärend lvirken. Sie wagen das aber nicht und behelfen sich deshalb mit Vorschlägen, die von ihrem Standpunkte aus bloße schwächliche Halbheiten sind, denn die einzig richtige Confequenz des Antisemitismus wäre die Forderung zur Ausschließung der Inden aus dem Deutschen Reiche". „Die Herren, in deren Reihen so viele sitzen, die noch nie im Leben bürgerlich gelernt und bürgerlich gearbeitet haben, reden beständig von der „Ausbeutung der arbeitenden Klassen", an welcher Erscheinung die Juden schuld sein sollen. O, wenn die lieben Leute doch einmal in dem Schuldbuch ihrer eigenen Partei nachblättern wollten, um sich zu überzeugen, wo eigentlich die „Ausbeutung der arbeitenden Klassen" sitzt. Sind sie es denn nicht, die durch Steuern und Zölle aller Art, welche den armen Mann unverhältnißmäßig hoch belasten, die „arbeitenden Klaffen" „ausbeuten", um die Taschen der Großgrundbesitzer und der Schnapsbrenner zu füllen? Und wenn dieselben Herren die „Schamlosigkeit der Presse" beständig den Juden zum Vorwurf machen, so wissen wir freilich nicht, ob in den Redactiouen der nationalen Blätter hauptsächlich Juden sitzen, aber das wissen wir, daß diese Blätter erst in den letzten Monaten an Schamlosigkeit das Größte geleistet haben, was jemals auf Papier gedruckt erschienen ist. Solche Wendungen sind ja auch nichts als Vorwände; sie dienen nur dazu, die blinden Jnstincte der Massen aufzuregen, damit die Conservativen dann bei denen, welche sie verführt haben, für ihre elenden Parteizwecke im Trüben fischen können. Aber es wird nicht gelingen, die Tage von Neu-Stettin und Hinterpommern wieder heraufzubeschwören. Das Programm der „Kreuzztg." ist so albern, daß sich wohl nicht viele finden werden, die es gern vertreten wollten. Selbst dann nicht, nachdem man den schmählichen Versuch gemacht hat, Kaiser Friedrich für die Bestrebungen des Antisemitismus zu reclamiren, und seine Aeußerung: „Man hätte früher etwas thun sollen" zu interpretiren als: „Man hätte früher gegell*die Juden etwas thun sollen." So lange Kaiser Friedrich lebte, hat kein Mensch es gewagt, diesen Monarchen, der die Judenhetze als eine Schwach des Jahrhunderts bezeichnet, antisemitischer Gesinnungen zu bezichtigen. Aber natürlich, nun er gestorben ist, kriecht das Gewürm aus seinen Höhlen, um den kaiserlichen Todten noch im Grabe zu verunglimpfen. Und doch weiß die ganze Welt, was er in seinem Erlasse ausgesprochen: „Ich will, daß der seit Jahrhunderten in Meinem Hause heilig gehaltene Grundsatz religiöser Duldung auch ferner allen Meinen Unterthanen, welcher Religionsgemeinschaft und welchem Bekenntnisse sie auch angehören, zum Schutze gereiche. Ein Jeglicher unter ihnen steht Meinem Herzen gleich nahe — haben doch alle gleichmäßig in den Tagen der Gefahr ihre volle Hingebung bewährt". Und das ist doch wirklich ein Kaiserwort, an dem man nicht deuteln kann, wenngleich schon andere Kaiserworte gesprochen wurden, an denen es gar viel zu deuteln giebt". „Für den Liberalismus nun ist die Stellung in der ganzen Frage so klar gegeben, daß es einen fast anekelt, anläßlich solcher Bestrebungen, wie sie die „Kreuzztg." in ihrem mageren Busen nährt, noch mit solchen Selbstverständlichkeiten hervortreten zu sollen. Man wird jeder Beschränkung der Gleichberechtigung der Juden wie überhaupt irgend einer „Klasse" der Staatsbürger mit aller Schärfe widerstehen, genau so wie man jede Bevorzugung irgend einer anderen „Klasse" bekämpfen wird. Die „Kreuzztg." hat den famosen Versuch gemacht, die Angriffe auf den Adel seitens liberaler Blätter deren Verurtheilung der Judenhetze gegenüberzustellen, um daraus den Schluß zu ziehen, daß für den entschiedenen