Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1888)
- Date
- 1888-09-13
- Page
- Seite 585 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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585 suchen die beiden Parteien bei dem anfänglichen Schreck, den sie nach Verkündigung des Wahlresultates batten, ihre Niederläge zu verdecken oder zu maskiren. Die Frage bleibt, werden dieselben auch bei den bevorstehenden Landtagswahlen getrennt marschiren? Es ist sehr ergötzlich, zu sehen, wie sich der Antisemitismus mit seiner Niederlage abfindet, er spielt als glorieux vaincu den Zttkunftssieger. Herr Liebermann von Sonnenberg apostrophirte die getreuen Radaugenossen am Abend des Wahltages wie folgt: „Das Resultat des heutigen Tages ist: Der Antisemitismus ist im 6. Wahlkreis eitle Macht, die verlangen kann, daß man sie in Zukunft nicht an die Wand drückt. Das Eine ist klar, das nächste Cartell wird sich in Berlin anders zusanimensetzen wie bisher, und wird gebildet werden aus den Antisemiten, den Christlich-Socialen und denen, die sonst in Berlin noch konservativ sind, und dann werden wir sagen, wir Antisemiten verlangen drei Wahlkreise, die Christlich-Socialen mögen ihren zweiten Wahlkreis nehmen und sonst verlangen, was sie glauben verlangen y\ können, und wenn dann die Andern nicht mitmachen woll.'ii, könilen sie sehen, wo sie bleiben." Milchmädchen, Milchmädchen! Hieraus ist wohl zu ersehen, wie sich die Dinge weiter abspielen werden. Deutschland. Berlin, 2. September. Bor Kurzen: wurde mitgetheilt, daß zur Bekämpfung freisinniger Anschauungen in Hehrerkreisen eine conservativ-orthodoxe Lehrerzeitnng unter Redaktion eines evangelischen Geistlichen demnächst erscheinen werde. Die erste Nummer dieses Blattes liegt nun vor. Ihr Inhalt kennzeichnet die neue Gründung als ein antisemitisches Hetzblatt ungeschicktester Mache, auf das die deutsche Lehrer weit ganz gewiß nicht hereinfallen wird. — — Neben den fünf großen Synagogen und dem Reformtempet haben sich mehr als ein Dutzend Betstätten in großen Sälen auch diesmal etablirt; zum größeren Theite wird in denselben auch gepredigt und einige haben sogar Chorgesang. Es ist dies bei der beständigen Zunahme der jüdischen Bevölkerung erklärlich, da die Zahl der größeren Synagogen nur allmählich nachwachsen kann, sodaß sich der größere Theil der Juden ohne die Gelegenheit sehen würde, ihre Andacht zu verrichten. Hierbei ist auch die große Ausdehnung der Stadt zu berücksichtigen, sodaß jene gottesdienstlichen Privatunternehmungen gar nicht zu verineiden sind. — In den letzten Jahren ward die hiesige Post durch die Gratulalionsbriefe zum jüdischen Neujahrsfeste außerordentlich in Anspruch genommen, sodaß die Beförderung an einem Tage bedeutende Schwierigkeiten hatte. Deshalb haben in diesem Jahre Biele ihre Glückwunschbriefe einige Tage vor dem Feste aufgegeben, wodurch die Sache sicherer ist. — Die „Kreuzzeitung" mit ihrem ganzen Anhänge spricht jetzt viel wieder „von der Ausbeutung des Volkes durch die Juden", und sogar die freiconservative „Post" läßt sich in einem Artikel gegen die „Kreuzzeitung" doch in solchem Tone vernehmen. Die Absichten dieser Partei bei diesen Anklagen sind leicht zu erkennen; man will die Augen von! denjenigen Klassen ablenken, durch welche die oft besprochene „Ausbeutung der Arbeitskräfte des Volkes" wirklich stattfindet und wählt deshalb die Juden zum immer bereiten Prügelknaben. Diese Gebiete sind unzweifelhaft die Industrie und der Großgrundbesitz. Beide suchen den Arbeitern den Arbeitslohn stets herunterzudrücken und dies ist die wahrhafte Ausbeutung der Arbeitskräfte. Bekanntlich ist aber die Industrie nur zu einem allergeringsten Theile in den Händen von! Juden, und noch wenigere Juden zählen zu den Reichen unter den Großgrundbesitzern, in ganzen Provinzen kein einziger. Gerade aus den Provinzen des preußischen Staates, in welchen der Großgrundbesitz eine mächtige Ausdehnung hat, wandern jährlich Schaaren von Auswanderern nach Amerika, wie aus Ost- und Westpreußen, Pommern und Mecklenburg. Diese Leute wissen sehr wohl, daß auch in Amerika das Gold nicht auf den Straßen liegt, daß sie auch durch Spekulationen reich zu werden nicht im Stande sind, vielmehr auch in diesem Lande schwer arbeiten müssen. Aber sie glauben dort die Aussichten zu haben, sich und ihren Familien ein Stück Land zu erwerben und so zu Besitz und Selbstständigkeit zu gelangen. Es ist nicht unsere Sache, Industrie und Großgrundbesitz anzuklagen. Wohl aber müssen wir dagegen protestiren, wenn man versucht, die öffentliche Meinung zu fälschen, sie von dem eigentlichen Sitze des Nebels abzulenken und zugleich den Haß gegen eine bestimmte Klasse zu erwecken, gegen welche das Vorurtheil die Menge bereit gemacht hat, den Anklagen Glauben zu schenken. Stuttgart, 2. September. (Privatmitth.) Ich übersende Ihnen anbei den „Beobachter" vom heutigen Datum, dieses bedeutende und einflußreiche Organ für Süddeutschland, insbesondere für Württemberg. Es findet sich darin ein Leitartikel gegen die „Kreuzzeitung" und ihre Genossen, welcher in der A. Z. d. I. eine Stelle zu finden wohl berech 36