Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1888)
- Date
- 1888-09-13
- Page
- Seite 584 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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584 '!| | •i'j Ij|I.S Lauterkeit der Gesinnung, indem Sie ihre Neberzeugung keiner herkömmlichen Ansicht opfern und einzig und allein Ihr Gewissen zu Ihrem Gebieter machen. „Mehr als jedes Kleinod wahre dein Herz, denn von ihm ist der Ausgang des Lebens." Ihr oberstes Princip sei aber die Neberzeugung, daß Sie einer heiligen Sache dienen, wenn Sie auch hie und da in der Richtung itren, wie der Talmud, den Verehrer wie Verleumder so oft verkennen, so schön sagt in den Worten: „Die kürzeste Zusammenfassung der Hauptpuncte der Gotteslehre ist der Spruch: ,Auf allen deinen Wegen erkenne ihn, selbst ans den Wegen des Unrechts' und die heilige Schrift sagt uns die tröstenden Worte: „Der Mensch sieht nach den Augen und Gott sieht nach dem Herzen". Berlin, 12. September. Oie Ergebnisse der / vom 30. August in Berlin. Mit großer Emphase hat Stöcker in Wort und Schrift den Umfang der „Berliner Bewegung" gerühmt und es sich als besonderes Verdienst angerechnet, und mit Weihrauch umgeben, daß er der Urheber dieser „Bewegung" sei. Er schrieb derselben eine zweifache Wirkung zu, die Belebung und Stärkung des kirchlichen Sinnes und die antisemitische Strömung. Das erstere Moment lassen wir selbstverständlich außerhalb unserer Betrachtung. Welche Bedeutung aber diese ganze „Bewegung" in Berlin bis jetzt erlangt habe, darüber hat die Wahl vom 30. August ziffermäßigen Aufschluß gegeben. Die erste Folge des Wahlkampfes war die Trennung der entschiedenen, oder wie man sie nennt, der Radau-Antisemiten von den Conservativen. Beide unterscheiden sich innerlich dadurch, daß die ersteren von der Orthodoxie und dem Junkerthum, denen die Conservativen huldigen, nichts wissen, und einen eigenen Candidaten in die Parlamente bringen wollen. Auf das Ergebniß mußte man gespannt sein. Nun ist es hervorzuheben, daß diese beiden Parteien alles Mögliche aufboten, um alle ihre Anhänger zur Wahlurne zu bringen. Die „Kreuzzeitung" brachte Hetzartikel, in welchen sie sich selbst an unglaublicher Heftigkeit und schwankenloser Verläumdung nberbot, was bei der „Kreuzzeitung" seit dem Jahre 1849 gewiß sehr viel sagen will. Sie hatte hierbei den Bortheil, daß jeder Antisemit sich ihren Reihen anschließen konnte. Die Radauantisemiten hielten Versammlung über Versammlung, in welchen sie Gift und Galle ausspieen auf alle anderen Parteien. Die Conservativen bestanden aus den Anhängern der Kreuzzeitungspartei, den Freiconservativen und den Nationalliberalen. Es versteht sich, daß diese vereinigte Cartellpartei besonders auch auf die Beamten zu zählen hatte, wie es sich denn auch factisch herausstellte, daß in den Bezirken des großen Wahlkreises, in welchen die meisten Beamten wohnten, die Conservativen eine verhältuißmäßig größere Anzahl von Stimmen erhielten. Trotz aller dieser Anstrengungen erfuhren die Conservativen und die Antisemiten eine eclatante Niederlage! Bon den 93,000 eingeschriebenen Wahlberechtigten erhielten die Antisemiten nur 4321 Stimmen, also nur den 21. Theil und die Cartellgenossen nicht mehr als 3847, also den 22. Theil. Rechnen wir sie beide zusammen, so erhielten sie die Stimmen des N. Theiles der Wahlberechtigten. .Nach so vielen Jahren der mit dem größten Aufwands von Kräften und mit Mitteln aller Art betriebenen „Bewegung" ist das sicherlich ein kläglicher Erfolg, noch dazu, da dieselbe grade, in den niederen Schichten des Volkes ihre Wirksamkeit haben sollte. Außer diesen hat auch die Socialdemokratie die möglichste Anstrengung gemacht. Sie hat die immerhin sehr beträchtliche Stimmenzahl von 26,067 erhalten, doch hierbei gegen die vorige Wahl um 4000 weniger, obschon seitdem der Kreis 6000 Wahlberechtigte mehr zählt, durch Zuzug meist von Arbeitern. Freilich, im Februar 1887 zählte die Nationalliberal-Conservativ Antisemitische Partei 16,836 Stimmen, sodaß sie, zählen wir diesmal die Antisemiten und Cartellgenossen zusammen, diese um 8000 Stimmen verloren haben. Am lässigsten in der diesmaligen Wahl waren die Freisinnigen, die 1887 11,750 Stimmen zählten, diesmal nur 7507, also ebenfalls 4000 Stimmen weniger. War demnach die Wahlbetheiligung eine geringere,, sodaß statt 68,4 Procent nur 50 Procent, wählten, so muß wie gesagt bei den Conservativen und Antisemiten bei deren gewaltigen Anstrengungen und der durch sie angestrebten fanatischen Leidenschaft dies nicht in Rechnung gebracht werden. Wie dem auch sei, so^ viel hat sich herausgestellt, daß in Berlin, diesem eigentlichen Heerde des Antisemitismus in Deutschland, dieser durchaus nicht jenen Umfang erreicht hat, den man ihm von reactionärer wie von freisinniger Seite zugeschrieben hat. In einem Organ der letzteren wurde vor kurzem behauptet» daß ein Drittel der Bevölkerung Berlins antisemitisch sei. Nun ist der 6. Berliner Wahlkreis der bei weitem bevölkertste, und anstatt des Drittels stellt sich nur ein Elftel der Bevölkerung als antisemitisch gesinnt heraus. Wir mögen nun zugeben, daß das Verhältniß in anderen Wahlbezirken Berlins für uns ein ungünstigeres sei; allein im. großen Ganzen wird sich dies doch nicht viel nehmen und auf einige Procente mehr oder weniger kommt es bei einer solchen Minorität nicht an. Denn eben so entschieden wahr ist es, daß von den sechs Berliner Wahlkreisen in vieren die Freisinnigen die Majorität haben, nur in einem haben die Socialdemokraten noch das Uebergewicht. Die letzteren haben sich stets entschieden gegen den Antisemitismus erklärt und in ihren Versammlungen, soweit diese gestattet waren, das Verdammungsurtheil über ihn ausgesprochen. — Selbstverständlich