Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1888)
- Date
- 1888-09-13
- Page
- Seite 583 (sequence 7)
- Language
- German
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583 gessen Sie nicht, daß deren Werth mehr ein litterar-historischer als ein practischer ist. Sie klagen ferner über die Schwierigkeit, sich in talmudischen Fächern zu bilden. Der eine, bei dem man sich unterrichten könnte, setzt zu viel voraus, der andere ist nickt methodisch genug und ein Dritter räumt dem populistischen Witze zu viel Recht ein. Ich kann Ihnen rathen, sich hauptsächlich mit der Mischna zu beschäftigen, denn der Talmud muß wie jedes andere Wissensgebiet historisch-kritisch behandelt werden, darum muß Ulan zuerst unbefangen die Grundlage prüfen, auf welcher dieses mächtige Gebäude mit allen seinen späteren Zubauten errichtet wurde. Des Ferneren müssen Sie fleißig die talmudische Haggada studiren, denn durch diese lernt man viel direeter die sittlichen und religiösen Anschauungen kennen, als durch die sehr oft von kleinlich exegetischen Anschauungen getragene Halacha. Allerdings müssen Sie den Muth haben, gelegentlich zu gestehen: Das und Jenes weiß ich nicht, wie der Talmud es von dem sittlich gebildeten Gelehrten verlangt, und nicht die üble Gewohnheit haben, welche sich bei manchen ihrer Collegen findet, einem Schnorer, der seine Marktwaare auskramend, mit R. Simsons Erklärung zu Tvharot beginnt, um dieselbe in Einklang zu bringen mit Sabbatai Kohens Bemerkungen zum Choschen Mischpat, zuzunicken, als müßten Sie derlei Dinge immer im Kopfe haben. Ja, ich hatte einen Collegen, der sich die großpolnische Art so aneignete, daß er bei einem Dispute gleich herauspolterte Sehen Sie doch nach, was der Ture Sahab im Cap. so und so, § so uni) so sagt, worauf ich gelassen erwiderte: Der Ture Sahab! hat, ohne daß ich ihm nahe treten will, manches nicht ge- ’ wußt, was ich weiß, daher sehe ich gar nicht ein, warum j ich Alles wissen muß, was er weiß. Derartige Heuchelei,! die so thut, als könnte sie nicht ruhig schlafen, so lange sie nicht R. M. Schiffs Werk bis auf den letzten Buchstaben auswendig gelernt hat, muß mit ausdrücklicher Verachtung gestraft werden, denn sie ist der Urquell jenes Uebels, woran j unsere theologische Entwickelung so sehr krankt, daß man, um - sein Besserwissen zu zeigen, den Buchstaben über sich regieren! läßt. Alle diese Leute erinnern mich an R. Jehudas Aus-i spruch im Talmud: „Haltet mir die Schüler Meirs fern, weil sie zänkisch sind. Sie kommen nicht, sich zu belehren, sondern nur, um mich wie Straßenräuber zu überfallen mit | ihrer Gesetzeskenntniß". Des Weiteren beschwert es Sie, daß ein Mann, den Sie wegen seiner hervorragenden talmudischen Gelehrsamkeit mit Recht hoch verehren, als man ihn um eine Entscheidung in Dingen der Ritualpraxis anging, sagte: Wie bin ich würdig, eine Scheöla zu „paßkenen". Ich kann Ihnen darauf nur sagen, daß ich eine solche Rede komisch finde. Wer sich Manns genug fühlt, um den Nachweis zu führen, daß diese oder jene Stelle in den Talmud eingeschoben und von den Späteren als in den Text gehörig betrachtet und darum falsch interpretirt wurde, wer ferner zeigen kann, wie dadurch, daß man zwei halachische Bestimmungen nebeneinander statt nacheinander setzte, eine falsche Gesetzesconsequenz entstand, wie man einzelne Bestimmungen, die der Mischna fehlen, (z. B. nrr^E) naiverweise als verbindlich annahm, der muß auch den Muth haben, sich ein Nrtheil zuzutrauen, wenn er danach gefragt wird, ob ein Ei mit einem Blutstropfen genießbar ist und alle die Herren, die scheinbar so scheu sind in der Geltendmachung ihrer eigenen Meinung, liefern durch ihr Festhatten an ganz willkürlich geglaubten Dogmen den Beweis, daß sie sich in Fragen von größerer Wichtigkeit denn doch eine Entscheidung Zutrauen. Lassen Sie sich derlei Aeußerungen gefallen und wenn Sie deren Urheber auch verehren, denken Sie daran, daß auch R. Me'ir nach dem Zeugnisse des Talmuds, von der Lehre seines Meisters die Schale wegwarf. Wenn Sie nun fragen, wie Sie es anzufangen haben, um sich die nöthige Kenntniß der Ritualpraxis zu verschaffen, so rathe ich Ihnen: Studiren Sie die Werke Abraham Danzigers cnx "n und cnx nom. Man wird wohl hie und da zu Ihnen verächtlich von diesem Manne und seinen Werken sprechen. Lassen Sie sich aber das nicht anfechten. Diejenigen aber, welche so von oben herab über diesen Mann sprechen, sind wahrscheinlich dieselben, welche nicht wollen, daß man errathe, woher sie die Entscheidungen des Eliah Rabbath^ des Krethi und Plethi und ähnliche Autoritäten geholt haben. Sicher ist, daß sie die halachische Literatur nicht in dem Maße beherrschen, als es dieser Mann konnte. Und, wenn er auch mit einer uns kleinlich erscheinenden Vorsicht eine eigene Meinung über den Ersatz einer vergessenen Einschaltung im Gebete vortrügt, so hat er doch das Bestreben, die Strenge des Gesetzes zu erleichtern und, wenn er auch mitunter sogar kabbalistischen Aberglauben in's Gesetz hineinträgt, so hat er doch wieder einzelne Bräuche als alten Weiber - Aberglauben bezeichnet und über Frömmlerinnen nnonnD ntw tadelnd gesprochen. Uns aber sind seine Werke unentbehrlich, weil sie das compendiöseste und jüngste Handbuch über Ritualien sind. Gestatten Sie mir, mein lieber Freund, zum Schluffe Sie zu mahnen, daß Sie den festen Vorsatz fassen, nicht bei einer geringfügigen Widerwärtigkeit, die Sie erfahren, die Flinte ins Korn zu werfen. Betrachten Sie die Hindernisse, welche Sie auf Ihrem Wege vorfinden, als Prüfungen, die Gott sendet, um Ihre Festigkeit zu erproben und alle die Leute, die mit ihren Paradoxen scheinbar Recht haben, sind wie der falsche Prophet, den Gott sendet, „um euch zu prüfen, ob ihr ihn liebet mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele". Vor allem Andern bewahren Sie sich selbst die