Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1888)
- Date
- 1888-09-13
- Page
- Seite 582 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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582 bcm Studium. Was nun das erste betrifft, so ist das kein Uebelstand, der über Nacht behoben werden könnte, da er ja auch nicht von gestern datirt. Seit unser großer Maimonides gewirkt hat, sind nahezu sechs Jahrhunderte verflossen. In diesen sechs Jahrhunderten war die Entwickelung des Judenthums eine solche, daß die Beziehungen zwischen Glauben und Wissen immer bessere wurden, bis man anfing jede gegenseitige Beziehung beider zu leugnen, wie das von den Rabbinen der alten Schule noch heute allgemein geschieht, oder meinen Sie, daß einer der ungarischen Rabbiner aus der Schule Mose Sofers glaubt, er könne in Schrift- oder Taldmndkenntniß, kurz auf irgend einem Gebiete der jüdischen Theologie von unsereinem etwas lernen? Mir hat einer einmal gesprächsweise gesagt: „Ihr wißt, was in Jesajas steht! Wenn ihr werdet hören, wie ich einen Vers aus Jesajas „deutsche", dann könnt ihr wissen, was der Prophet meint." Selbstverständlich kennt er aber nur eine solche Auslegung des Propheten, mit welcher eine von Samuel Edels offengelassene Frage beantwortet wird. Bedenken Sie nun weiter, daß auch Mendelssohns Auftreten in dieser Richtung keinen Wandel geschaffen hat, indem Mendelssohn Judenthum und Wissenschaft nur nebeneinander bestehen, nicht in einander greifen lassen wollte. So datirt jüdische Theologie erst von Zunz an und ist also noch nicht siebzig Jahre alt. Bedenken Sie weiter, daß auch Zunz es sorgfältig vermied, sich mit Dingen zu beschäftigen, die auch nur im Mindesten auf dem Gebiete der Seelsorge strittig sind, daß also vielleicht Abraham Geiger der erste war, der in seiner ZeiU schrift die jüdische Theologie als Wissenschaft zu construiren versuchtes) so müssen Sie über den Uebelstand nicht klagen, daß wir kein Reallexicon nach Art von Herzogs Encyelopädie für Protest. Theologie haben, sondern zusehen, wie Sie selbst sich befähigt machen, ein solches für die Zukunft schaffen zu helfen. Es ist ja wahr. Das Bibelstudium liegt bei uns danieder. Unsere Theologen bringen nicht einmal so viel Kenntniß der hebr. Grammatik in das Fachstudium, als die preußischen Gymnasiasten auf dem Gymnasium erlernen. Nicht genug daran, sie verachten sehr häufig, wie das in solchen Fällen Sitte ist, das, was sie nicht gelernt haben. Ein Freund sagt Ihnen, wie Sie mir erzählen: die Grammatik ist eine Wissenschaft, die verhütet, daß der Inf. von etwa zk": lauten sollte. Da giebt es nun zwei Wege: Entweder spricht der Mann, um geistreich zu sein, gegen sein besseres Wissen, daun geben Sie am besten gar keine Antwort, wie l) Hierbei möchten wir doch bemerken, daß bereits im ersten Jahrgang dieser Zeitung (1837) von Nr. 20 an durch viele Nummern eine ..Eneyclopädie und Methodologie der jüdischen Theologie" gegeben worden, die grundlegend ward und noch heute nützlich zu beachten ist. Redaction. es König Salomo empfiehlt, oder sagen Sie: dann enthalte der Talmud eine Wissenschaft, die verhütet, daß man beim Händewaschen mit der Linken beginne. Spricht aber der Mann aus Unwissenheit, dann sagen Sie ihm, wie wesentlich die Erkenntniß ist, daß man in dem scheinbar zufälligen Gesetze findet und was diese Erkenntniß bedeutet, wenn sie nur verhütet, daß man aus Unkenntniß dieser Gesetze in die Schrift Gedanken hineinlegt, die ihr ferne sind. Hat ja ein Lumen der Orthodoxie behauptet, daß bei der Erzählung von Pinechas in dem Worte wpi das Dagesch fehle, um anzudeuten, daß Pinechas nicht um sich hervorzuthun, sondern aus uneigennützigem Eifer sein Werk gethan habe. Ware dem guten Herrn diese Exegese passirt, wenn er gewußt hätte, daß bei Sch'wa und nachfolgender Gutturalis das Dagesch in der Regel wegfällt? Sie erzählen mir weiter von einem andern Freunde, der Ihnen, als er Sie bei der Lectüre von Knobels Commentar zu Jesaja überraschte, sagte: Ein jüdischer Theologe muß Raschi lernen und nicht Knobel. Ich kann wieder nur sagen: Spricht der Mann aus Unverstand, so antworten Sie ihm mit dem Hinweise darauf, daß Raschi jene Unbefangenheit gegenüber der Tradition fehlt, welche die erste Vorbedingung einer vernünftigen Exegese ist, daß er in Folge dessen z. B. den Ausdruck Hiobs „er sendet in sie seinen heftigen Zorn, er läßt regnen aus sie zu ihrer Bekämpfung" durchaus von den Bewohnern Sodoms erklärt wissen will, daß schon Jbn Esra sich gegen die allzugroße Bedeutung, welche Raschi dem Midrasch einräumt, ausspricht, und daß endlich Raschi selbst in seinen alten Tagen sich geäußert hat, er würde, wenn er die nöthige Frische besäße, seinen Thora-Commentar ganz umarbeiten, und allereudlich, daß es komisch wäre, gegenüber den Ergebnissen der archäologischen und etymologischen Arbeiten der Neuzeit, der Autorität Naschis durch Canonisirung nachhelfen zu wollen. Damit will ich nun nicht sagen, daß Sie das Studium unserer großen mittelalterlichen Exegeten vernachlässigen sollen, denn Sie wissen ja, daß ich, als ich ihren Unterricht leitete, noch vor der Einführung in den Talmud mit dem Unterricht in der exegetischen Literatur begann. Allerdings wählte ich nicht Raschi, sondern David Kimchi und später Jbn Esra, weil ich von der Ueberzeugung ausging, daß der Unterricht neben dem Zwecke der Einführung in die neuhebräische Sprache und Literatur einen sachlichen Nutzen abwerfen soll. Darum meine ich: Lassen Sie sich von solchen Einseitigkeiten nicht beirren und schenken Sie Allem Aufmerksamkeit, was aus dem Gebiete der Exegese erscheint, so lange Ihnen die Universitätsstadt die Gelegenheit dazu giebt; wenn Sie ein bib Fisches Buch studiren, suchen Sie sich denjenigen Commentar I zu verschaffen, der die bisherige Literatur vollständig benutzt hat, und, wenn Sie unsere alten Commentare lesen, so ver-