Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1888)
- Date
- 1888-09-13
- Page
- Seite 581 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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581. welche die Autorität des Rabbiners schädigen, die Wirkung der Predigt und des Unterrichts doch nicht zu unterschätzen ist. Sie fragen sich nun weiter, wie die freie Auffassung der Religion, ganz besonders die für die jüdische Theologie, wenn sie eine Wissenschaft sein soll, nöthige kritische Durchforschung ihres Stoffes, sich mit der Praxis des religiösen Lebens vertrage? Darauf erwidere ich Ihnen, daß Wissenschaft überhaupt sich nur Selbstzweck sein müsse, sie batf keiner Tendenz dienen, weder einer conservativen, noch einer radicalen, und wie Sie ein Zerrbild erhalten, wenn Sie nach dem Vorgänge eines Führers der Orthodoxie das Verhalten König David's nach dem Tode des ihm von Bath-Seba geborenen Kindes dadurch mit dem Schulchan-Aruch in Einklang bringen wollte, daß Sie annehmen, das Kind sei noch nicht einen Monat alt gewesen, weshalb der Vater nicht verpflichtet war, die rabbiuifchen Trauergebräuche zu halten, so bekommen Sie ein Zerrbild, wenn Sie Leon Modena durchaus zu einem Reformrabbiner im Stile des 19. Jahrhunderts erheben wollen. Soll aber Wissenschaft frei sein von jeder Tendenz, so müssen die Forscher von vornherein jede Absicht verschließen, die Resultate ihrer Forschung augenblicklich und besonders propagandistisch im praktischen Leben zu verwerthen. Der Forscher ist in diesem Falle ein Priester der Wissenschaft und muß bedenken, daß sein Opfer, wie der Talmud lehrt, die Weihe verliert, wenn er bei der Darbringung auch nur einen unheiligen Gedanken hatte. Eine solche Anschauung verdient durchaus nicht den Borwurf der doppelten Wahrheit, denn sie ist im praktischen Interesse der Wissenschaft wie des Lebens gelegen, sie ist ein stillschweigender Vertrag, wie ihn kluge und friedliebende Nachbarn schließen, um bei collidirenden Interessen einen modus vivendi zu finden. Das praktische Leben erhält seine Befehle von praktischen Bedürfnissen. Nun ist die religiöse Handlung der symbolische Ausdruck des Gefühles. Das Gefühl aber muß an das Herkömmliche sich anlehnen. Das Symbol darf nicht ein erkünsteltes Hoseeremouiell sein, sondern muß der unmittelbare, nicht mißzuoerstehende Ausdruck des Gefühls sein. So ist aber unsere herkömmliche Anschauung von dem, was wir jüdische Frömmigkeit nennen, berechtigt, von Jede,mann Achtung zu verlangen, es ist ein gemüthliches Bedürsniß sie zu üben und geübt zu sehen, und in dieser Anerkennung des geschichtlich Gegebenen liegt ebenso wenig oder noch viel weniger eine Heuchelei, als wenn wir gegenüber einem mißliebigen Bekannten die Schranken conventioneller Höflichkeit einhalteu. Sagen Sie nun ja nicht, daß alle religiöse Uebung unbedingten Glauben zur Grundlage haben müsse. Es ist ja lvohl richtig, daß die mosaischen Gebote den Grund ihrer Uebung in dem Willen Gottes sehen, welcher sie dietirt hat. Doch tragen sie mehr oder minder ausgesprochen die Absicht in sich, die Heiligung des Menschen anzubahnen. Und in* sofern hat Mendelssohn Recht, wenn er sagt: Weil sich Gesinnungen nicht befehlen, sondern nur anerziehen lassen, so hat die göttliche Weisheit uns nur Handlungen befohlen, um uns zur frommen Gesinnung zu erziehen. Dieser Satz behält seine Richtigkeit, wenn auch des Autors theologische Gesammtauffassung vom Judenthum mit dem Rationalismus, auf welchem sie fußt, längst überwunden ist. Diese Absicht der Heiligung nun, welche in den Geboten liegt, verbietet es, daß wir dieselben als Launen eines absoluten Weltmonarchen betrachten, und gebietet uns, sie zu üben, um unserer Heiligungsanfgabe gerecht zu werden. Sie irren, wenn Sie meinen, daß es im Judenthnm je anders gewesen ist. Die alten Rabbinen wußten ja auch, daß die Trauertage um die Zerstörung Jerusalems (mit Ausnahme des 9. Ab) nicht unbedingt geboten sind, und sie hielten sie doch. Der Talmud stellt es als Regel aus: Heilige dich durch das, was dir erlaubt ist, oder er sagt von einem Lehrer der alten Zeit, der das Gesetz strenger nahm als nöthig war: Seine Vorfahren haben ihm einen Platz gelassen, um welchen er einen Zaun zog. Von einem Andern wird wieder gesagt, daß er sich Erschwerungen auferlegte, die er selbst als für Andere nicht verbindlich erklärte, und in diesem Sinne hat jeder fromme Rabbiner der jüngst vergangenen Zeit gehandelt, wenn er R. Toms Tefillin legte, oder sich weigerte, eingemachte Früchte zu genießen, aus Furcht, man könnte darin Würmer übersehen haben. Ich habe also Recht, wenn ich sage: Das Judenthum hat zu allen Zeiten die Uebung des Gesetzes zum Theil als freiwillig übernommene Pflicht der Heiligung betrachtet, wenn es auch die Grenze des freiwillig Uebernommenen nicht soweit zog, als wir es beute ihun dürfen und nach unserer wissenschaftlichen Anschauung thun müssen. Wenn Sie also Anfechtungen erleiden, wenn Sre, uue es in der Zeit des Ueberganges am meisten vorkommt, sich in der Stimmung fühlen, mit Gott zu rechten, dann stärken Sie sich durch fromme Uebung, durch Lesen der heiligen Schrift, besonders der Psalmen, durch Gebet, durch Studium, wie der Tulmud empfiehlt, mit den Worten: Wenn dir oer Abscheuliche (d. h. die Anfechtung tt^) begegnet, ziehe ihn ins Lehrhaus. Sie werden dann den Frieden der Seele gewinnen, der nöthig ist, um der Berufsfreudigkeit, welche die Vorbedingung ersprießlichen Wirkens ist, theilhaftig zu werden. Der Geist Gottes offenbart sich uns nicht, sagt der Talmud, wenn wir träge oder verdrießlich sind, oder Alltagssorgen uns hingeben, sondern nur in der Stimmung der Freudigkeit nach erfüllter Pflicht. Ihre weiteren Klagen betreffen die Schwierigkeit des Studiums, durch den Mangel an methodischer Durcharbeitung des Stoffes und den schlimmeren an richuger Anleitung zu