Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-09-06 · Heft 36 (6.9.1888) · p. Seite 573

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 36 (6.9.1888)
Date
1888-09-06
Page
Seite 573 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227717-3227754--45590-3265112
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

573 gestern von weniger als 50 pCt. geschehen. Das Ergebniß der Wahl war: der Socialdemokrat Liebknecht erhielt 26,067 Stimmen, der Deutschfreisinnige Knörcke 7507, der Cartellcandidat Holtz 3847, der Antisemit Förster 4321 Stimmen. Der Socialdemokrat hatte also über 10,300 Stimmen mehr als die drei anderen Candidaten zusammen. Bei einer Vergleichung mit der vorigen Wahl im Februar 1887 stellt sich das Resultat so heraus: der Socialdemokrat 30,453 Stimmen, der Freisinnige 11,750 und der Candidat der vereinigten konservativen, nationalliberalen und antisemitischen Wähler 16,836 Stimmen. Daß alle Parteien zurückgegangen, liegt in der geringeren Betheiligung. Wer daß die Conservativen auf 3847 geschmolzen sind, also nur die Hälfte der Freisinnigen erreichten, ist bezeichnend. Die Antisemiten haben diesmal die größten Anstrengungen gemacht und noch in den letzten Stunden eine Menge Anhänger in Droschken und Kutschen herbeigeholt, brachten es aber doch nur bis zum 10. Theil der Stimmenden. Jedenfalls dient diese Wahl zum Vorspiel für die bevorstehenden Landtagswahlen, und es ist wahrscheinlich, daß sich zu diesen die Conservativen und Antisemiten wieder vereinigen werden. AuS Hessen, 29. Aug. Am 19. August hat in Neustadt im Regierungsbezirk Cassel der Abg. Di-. Böcke! eine Wählerversammlung abgehalten und eine seiner bekannten Hetzreden darin zum Besten gegeben. Die Wählerversammlung wurde unter freiem Himmel auf dem Turnplatz der dortigen Turngemeinde abgehalten. Die Einladungen waren öffentlich angeschlagen an vielen Gebäuden. Sehr viele Frauen und ein großer Theil der Schuljugend nahmen an der politischen Versammlung Theil. Am letzten Montag sind nun in der Nacht in der im vorigen Jahre neu erbauten Synagoge fast sämmtliche Fenster demolirt worden. Jüdische Bürger wurden Abends auf der Straße gröblich insultirt, auch thatsächlich angegriffen. Die israelitischen Bürger haben sich beschwerdeführend über die Ortspolizei an die Staatsanwaltschaft in Marburg, sowie an die Regierung in Cassel gewandt. Gießen, 28. August. (Privatmitth.) Herr Rabbiner vr. Hirsch in Franlfurt a. Mhat in einem Circulare die Rabbinen Deutschlands ersucht, einer von ihm, wegen des benöthigten Schreibens am Samstag bei den Reifeprüfungen, beabsichtigten Eingabe bei der höchsten Staatsbehörde, ihre zustimmende Namensunterschrift anfügen zu dürfen. Von mehreren Seiten aufgefordert, die Gründe anzugeben, warum ich glaubte, meinerseits sie versagen zu müssen, theile ich sie in Folgendem mit, nicht zweifelnd, daß viele meiner College» sie billige» und ihnen zustimmen werden: 1) Es ist mir ein Ministerialerlaß, der solche Eingabe nvthig machte, amtlich nicht bekannt. 2) Steht mir, dem Großherzogl. Hess. Rabbiner nicht zu, mich an einer Eingabe an die Königl. Preuß. Regierung zu betheiligen. 3) Dünkt mich der Gegenstand viel zu geringfügig, um seinetwegen die Federn der gesammten Rabbinerwelt in Bewegung zu setzen. Um diese zu dem seltene» Schritte gemeinsamen Auftretens und Petitionirens bei höchster Staatsbehörde zu veranlassen, dazu müssen höhere religiöse Motive (wie z. B. die Schlachtfrage) vorhanden sein. Mit so kleinlichem Gegenstände machen wir uns nur lächerlich. Dazu dürfte die Eingabe eines einzelnen Rabbinen oder Rabbinats vollkommen genügen. 4) Weitaus die große Mehrheit der Gymnasial- und Realschüler schreiben mit Vorwissen ihrer Eltern und ohne äußere Nöthigung am Sabbath; ebenso thun sie es bei den Reifeprüfungen; ja, sie wollen gar nicht davon dispensirt sein. 5) Diejenigen, die nicht schreiben wollen, werden auf ihr specielles Ersuchen unschwer davon dispensirt, wie das beispielsweise bei dem jetzigen Rechtsanwalt St. in A. seiner Zeit auf mein Gutachten hin geschehen ist. 6) Die studirten Israeliten, wenn sie in die Praxis treten, die Lehrer, die Aerzte, die Referendare, die Rechtsanwälte, die Richter, die Professoren u. A, mit sehr wenigen Ausnahmen, schreiben am Samstag, müssen am Samstag schreiben. 7) Es scheint mir höchst bedenklich, diejenigen, die nach Schulordnung oder landesgesetzlicher Vorschrift am Samstag schreiben und diejenigen, die ihr Beruf dazu zwingt, für Religionsgesetz-Uebertreter zu erklären, wir müßten denn alles Streben und Bewerben um höheres wissenschaftliches Berufsleben pcrhorresziren, was keinem vernünftigen Menschen in den Sinn kommen wird. Rabb. vr. Levi. Breslau, 26. Aug. (Privatmitth.) Die Neumann'sche Zusammenstellung der jüdischen Abgeordneten läßt sich noch weiter ergänzen. Ich kenne noch den verstorbenen Reichstagsabgeordneten vr. jnr. H. B. Oppenheim, Privatdocent an der Berliner Universität, der seiner Zeit in der „Gegenwart" gegen Treitschke geschrieben; er war ein tüchtiger Nationalöconom und vertrat Reuß j. L. im Reichstag 1874—7; ferner den verstorbenen preußischen Landtagsabgeordneten Stadtrath Hirsch-Danzig, der neben Rickert zur selben Zeit seine Vaterstadt im Abgeordnetenhause vertrat, beide, Oppenheim und Hirsch, waren nationalliberal; dann den Stadtrath Dagobert Friedländer, Vertreter von Bromberg im preußischen Herrenhause, (jetzt in Frankfurt a. M., Privatier) betheiligt an der Debatte über das Austrittsgeseh. Unser Freund (jetzt Stadtverordneten Vorsteher)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.