Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1888)
- Date
- 1888-09-06
- Page
- Seite 572 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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572 auch auf dem gesetzgeberischen Boden verhalten werde. Aber trotzdem kann die gesammte Partei nicht als antisemitischer Tendenz betrachtet werden und z. B. ein Mann wie Rudolf von Bennigsen — der soeben zum Oberpräsidenten der Provinz Hannover ernannt worden — kann unmöglich den Grundsätzen seines ganzen Lebens so ins Gesicht schlagen, die von der Verfassung verbürgte Gleichheit aller Preußen vor dem Gesetze Umstürzen zu wollen. Wir wissen, was auch die Conservativen und unsere Feinde in den Reichen der Nationalliberalen sagen mögen, daß ein großer Theil der deutschen Juden nationalliberal ist und sich nur sehr schwer entschließen würde, sich dieser Partei zu entziehen. Jemanden aus seiner politischen Anschauung einen Vorwurf zu machen, wenn er dieselbe aufrichtig und nicht bloß aus persönlichen Interessen sesthält, erachten wir für eine Ungerechtigkeit, für eine Anmaßung, die wir ja sonst den Parteien verdanken. Unsere Ansicht geht deshalb dahin, daß jeder Jude nach seiner politischen Ueberzeugung zu wählen habe, jedoch die Pflicht hat, sich genau zu überzeugen, daß der Candidat, dem er seine Stimme geben will, gegen die Juden gerichteten gesetzgeberischen Acten nicht zustimmen, sondern entgegentreten werde. Hat er sich hierüber betreffs des Candidaten unterrichtet, so kann er wählen je nach seinem Parteistandpunkte. Aber diese letztere Verpflichtung, keinem Antisemiten seine Stimme zu geben, hat er in vollem Maße. Wir brauchen nicht zu wiederholen, daß er hierbei durchaus nicht auf einem specifisch jüdischen Standpunkte sich befinde, sondern daß es hierin uin die Grundsätze und Grundpfeiler des vaterländischen Staates sich handle. Man darf auch nicht einwenden, daß es bei der Vereinzelung der Juden innerhalb des ganzen Landes doch nur eine oder wenige Stimmen gelte; jeder Bürger ist verpflichtet, nach bestem Wissen und Gewissen zu wählen, ohne Berücksichtigung, ob er damit der Mehrheit oder der Minderheit angehöre. Schon die Thora legt cs uns als eine Pflicht auf, „sich nicht der Mehrheit zuzuneigen, das Recht beugend" — das Recht liegt hier aber in der eignen Ueberzeugung. — Als eine erfreuliche Erscheinung begrüßen wir folgende Mittheilung. Professor Max Pappenheim (Israelit), ist ein Berliner Kind. Der jugendliche Ordinarius - er zählt erst 28 Jahre — hat die Staffeln der aeademischen Laufbahn rasch zurückgelegt. Allerdings bezog er schon im Alter von 16 Jahren die Berliner Universität, nachdem er am Kölnische» Gymnasium das Abiturienten - Examen mit Auszeichnung bestanden hatte. 1881 promovirte er in Berlin mit einer Dissertation über „Begriff und Arten der Papiere auf Inhaber im Sinne des Artikels des deutschen Handelsgesetzbuches." Er habilitirte sich dann als Privatdvcent für deutsches Recht, Handelsrecht und preußisches Civilrecht an der Universität und entfaltete zugleich rege literarische Thätigkeit auf diesen Gebieten. So verdient ein Werk über „Die altrömischen Schutzgilden," ein Beitrag zur Rechtsgeschichte der germanischen Genossenschaft, das 1885 erschien, besondere Hervorhebung. Zu Anfang dieses Jahres erhielt er einen Ruf als außerordentlicher Professor nach Kiel, dem fast unmittelbar die Ernennung zum ordentlichen Professor gefolgt ist. — Die „Berl. Börsen-Zeitung" bemerkte auf den Anti semiten-Artikel der „Kreuzzeitung", daß ihr von vertrauenswürdiger Seite mitgetheilt worden sei, der Kaiser habe sich gelegentlich einer Unterredung mit einein jungen Staatsmanne, mit dem wohl Graf Herbert Bismarck gemeint ist, geäußert: Ich kenne nur Vaterlandsfreunde und Gegner unserer gesunden Entwickelung. Niemand wird mir zutrauen, das Rad der Zeit zurückschrauben zu wollen. Im Gegentheil, es ist der Hohenzollern Stolz über das zugleich edelste und gereifteste Volk zu regieren, und in dieses Lob schließe ich Alldeutschland ein. Unsere ganze Gesetzgebung ist von humanen Grundanschauungen dictirt. Wer dies verkennt und die Geister gegen einander hetzt, gehöre er welcher Richtung immer an, hat auf meinen Beifall nicht zu rechnen. Es giebt wahrlich Ernsteres zu thun. Die „Nat.-Ztg.", welche ja auch neulich den aus der eigensten Initiative des Kaisers hervorgegangenen Schritt, welcher die unbefangene Stellung des Monarchen zu der Gesammtheit der inneren Politik darthun würde, angekündigt hat, erfährt von berufener Seite, daß eine genaue Controle bezüglich dieser kaiserlichen Aeußerungen nicht möglich ist, da weder der Name des Staatsmannes noch die Zeit der Unterredung genannt ist, daß aber Aeußerungen wie die berichteten wiederholt von dem Kaiser gethan worden sind und die von der „Börsenzeitung" mitgetheilten Worte jedenfalls den kaiserlichen Intentionen vollständig entsprechen. Die „Post" kann sich der Furcht nicht entschlagen, daß die jetzt schärfer in der hochconservativen Presse zum Ausdruck kommende antisemitische Tendenz der conservativen Sache bei den bevorstehenden Landtagswahlen Schaden zufügen werde. Jedenfalls in diesem Sinne schreibt das freiconservotive Blatt: Die offene Patronisirung des Antisemitismus durch jene l extrem-eouservative Presse hat ohne Frage schon jetzt die Wirkung gehabt, der deutschfreisinnigen Parteicasse reiche Mittel, der Partei Hunderte von eifrigen Agitatoren zuzuführe». Zieht die ausgegebene Parole weitere Kreise, so dürfte selbst der Verlust deutscher Mandate an die Polen die Folge sein. Berlin, 31. Aug. (Privatmitth.) Die viel besprochene Ersatzwahl im 6. Berliner Reichstagswahlkreise ist unter weniger starker Betheiligung vor sich gegangen, als man erwartet > hat. Während bei den letzten Wahlen in diesem Kreise 68,4 | Procent der Wahlberechtigten ihre Stimmen abgaben, ist dies