Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1888)
- Date
- 1888-09-06
- Page
- Seite 571 (sequence 11)
- Language
- German
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571 sichtiger auftreten. So hält es gegenwärtig der Hofprediger Stöcker, der vorigen Freitag nach einem Stillschweigen von mehreren Monaten zum ersten Male wieder, und zwar vor einer kleinen Versammlung in einem antisemitisch-conservativen Bürgerverein, also weder in einer Volksnoch Wählerversammlung, gesprochen hat. Uns Juden ließ er fast ganz ungeschoren, und im übrigen fehlte der gewohnte Schwung, und man konnte gut bemerken, daß er sich nach allen Seiten hin sehr zurückhaltend ausließ. Stoff genug wäre vorhanden gewesen, z. B. der Fall Harnack. Dieser Vorfall scheint einen völlig anderen Weg eingeschlagen zu haben, als die hochorthodoxe Kreuzzeitung und der Oberkirchenrath gehofft hatten. Hier sind auch die Schranken für Hrn. Stöcker. Das Staatsministerium, also auch der Reichskanzler, haben gegen die Orthodoxie Front gemacht, und gegen dies kann wohl die „Kreuzzeitung", nicht aber Stöcker persönlich losgehen. Die Spannung ist daher ziemlich groß; allein der Gang, welchen die Dinge bis jetzt in jedem derartigen Conflicte nahmen, wird auch diesmal beschritten werden, d. h. der Reichskanz« ler und das Staatsministerium werden den Sieg davontragen. Sonstige Anzeichen, namentlich wiederholte Artikel der „Nordd. Allg. Ztg." gaben zu erkennen, daß die Berücksichtigung der Nationalliberalen gegenwärtig nicht außerhalb der inneren Politik des Reichskanzlers liegt, und hiermit ist das Programm hinsichtlich der Beseitigung der Gleichstellung der Juden selbst beseitigt. Gewiß brauchen wir die Schimpfereien und Verläumdungen der „Kreuzzeitung" nicht in gleichem Maße zu beantworten, wozu wir doch Gelegenheit und Stoff genug hätten. Kommt es doch auch in dieser hochwichtigen Angelegenheit nur auf den Erfolg an. Scheitern auch diesmal die Versuche der Reactionären gegen die Gleichheit aller Preußen vor dem Gesetze, so werden wir wieder eine längere Zeit Ruhe vor ihnen haben, wie dies nach 1856 geschah. Berlin, 31. Aug. (Privatmitth.) ©tu ungewöhnliches Aufsehen macht eine Rede, welche in einer Versammlung der Cartellparteien ein Oberlehrer Dr. Lortzing, der sich als ein Führer der Nationalliberalen gerirt, jüngst gehalten hat, in welcher er seine antisemitische Gesinnung offenmüthig bekannte. Die „Franks. Z." schreibt darüber: „Die scharfe Concurrenz, die den Cartellbrüdern im 6. Berliner Wahlkreise durch ihre frühere antisemitische Gefolgschaft erwachsen ist, wirkt klärend auf viele Verhältnisse. Die „Kreuzzeitung" überbietet bereits die Antisemiten der schärfsten Tonart mit Forderungen, die darauf hinauslaufen, den Juden die bürgerlichen Rechte und das Vermögen zu nehmen, sie müßte also logischer Weise für den Candidaten der Antisemiten eintreten, von dem sie freundliche Förderung dieser Pläne erwarten darf. Aber auch der Nationalliberalismus sieht sich, um nicht ganz ins Hintertreffen der Berliner Bewegungen zu gerathen, genöthigt, die Maske der Toleranz, und des Einstehens für die Gleichberechtigung der Bürger, mit der er sich bisher bei Tage auf der Straße zeigte — im traulichem Dunkel daheim wußte er sich dafür durch antisemitisches Munkeln schadlos zu halten — ein wenig zu lüften und ein Gesicht zu zeigen, das auch einer Stöcker'schen Versammlung gefallen könnte. Einer der Führer der Natianalliberalen Berlins, der Oberlehrer Dr. Lortzing. hat in einer Versammlung der Cartellwähler ein Bekenntniß zum Antisemitismus abgelegt, das sich sehen lassen kann, und nach welchem der Kampf gegen die Juden, allerdings in moderirter Form, fortan ein Jnventarstück der nationalliberalen Politik sein wird. „Mit den Antisemiten", so ließ sich der nationalliberale Redner vernehmen, „bekätnpfe er die Ausbeutung der arbeitenden Klassen, die Unterdrückung der ehrlichen Arbeit und die Schamlosigkeit der Presse. Diese Dinge seien nun allerdings zum großen Theil den Juden zuzuschreiben, und so bekämpften denn auch die Nationalliberalen hierin die Inden. Dazu komme, daß der Freisinn sich zum großen Theil aus Juden rekrutire; der nationalliberale Kampf gegen den Freisinn richte sich also ebenfalls gegen die Juden". Genau so hat Herr Stöcker seine Agitation begonnen, auch bei ihm fehlte die Verwahrung nicht, die Herr Lortzing anzuhängen für gut fand, daß er die Iw den nicht als Juden bekämpfe. Nicht als Juden, aber als Staatsbürger welche sich erkühnen, von der Gleichberechtigung und von der Freiheit der politischen Ueberzeuguug Gebrauch zu machen; weil sie dieses thun, hat der Antisemitismus auch in nationalliberalen Augen seine „Berechtigung". Nun sage noch Einer, die Cartellbrüder gehörten nicht zusammen. Die Einen schreien ein wenig lauter und wüster, als die Anderen, das ist der ganze Unterschied, deshalb aber einander zu bekämpfen, ist kindisch. Verträgt der Cartellmagen in Siegen einen Stöcker, so sollte er sich auch in Berlin nicht gegen einen Förster sträuben". Was uns betrifft, so glauben wir, daß die „Franks. Z." die Aeußerungen des Lortzing doch wohl zu sehr als Sache der ganzen nationalliberalen Partei ansieht. Allerdings unterliegt es längst keinem Zweifel, daß ein großer Theil der genannten Partei antisemitisch gesinnt ist. Die Wahl Stöckers in Siegen durch die Nationalliberalen, der Baurath Kyllmann, der Beschützer des antisemitischen „Deutschen Tageblatts", die Haltung der „Köln. Z." und anderer nationalliberaler Blätter in manchen recht sichtlich antisemitisch gefärbten Artikeln, die Gefolgschaft, welche die Nationalliberalen Berlins bei den letzten Reichstagswahlen dem Antisemiten Wolff geleistet haben, und andere Aeußerungen nationalliberaler Parteimitglieder lasset! keinen Zweifel darüber, daß namentlich der rechte Flügel der Nationalliberalen dem Antisemitismus huldigt und vorkommenden Felles sich dermaßen 36*