Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1888)
- Date
- 1888-09-06
- Page
- Seite 570 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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570 %dtiAVU^1>Vt<XC Deutschland. Berlin, 28. August. (Privatmitth.) Die Zeit vor irgend einer Wahl, sei es tn eine der parlamentarischen Körperschaften, sei es in die Stadtverordneten-Bersammlung, ist immer eine bewegte. Die Parteien bekämpfen sich, um ihren Candidaten durchzubringen oder wenigstens neue Anhänger zu gewinnen und ihre Stärke zu messen. Hierzu giebt schon die Ersatzwahl im 6. Berliner Reichstagswahlkreise ein düsteres Bild, das für die bevorstehenden Berliner Landtagswahlen keine erfreulichen Aussichten eröffnet. Daß es Parteien giebt, daß jede derselben nach der Mehrheit strebt, und daß dies vor Wahlen besonders zum Vorschein kommt, ist etwas ganz natürliches. Das „düstere Bild" entsteht aus dem Hasse, aus der Erbitterung mit der man kämpft, aus den Mitteln, die dazu verwendet werden und welche keine Verläumdung, keine Lüge, keine Uebertreibung scheut, um die feindliche Partei möglichst zu vernichten. Es zeugt dies von einem inneren Bürgerkriege, der zwar zu keinen oder doch nur geringen Thätlichkeiten führt, doch aber tiefe Risse zwischen den Söhnen eines und desselben Vaterlandes bewirkt. Daß sich nach dem Tode Friedrichs III. die Antisemiten mit um so größerem Geräusch zur bevorstehenden Wahl in den Vordergrund drängen, ist nicht auffällig. Ruft doch der Hofprediger Stöcker in einem Bürgerverein, da er zum ersten Male seit Monaten wieder einen Vortrag hielt, nach der „Post" aus: „In wie glänzender Weise hat er (Kaiser Wilhelm II.) seine Regierung angetreten, wie war seine Reise nach dem Norden ein Sieges- und ein Friedenszug zu gleicher Zeit; alles im Lande hat das Gefühl: „Gott sei Dank, jetzt haben wir wieder eine sichere Regierung, eine Regierung, ganz in den Bahnen Kaiser Wilhelms, welch eine Sicherung nach außen und nach innen liegt in einem solchen Zustande!" Gewiß, auch unsere innigsten Wünsche sind auf glückliche Erfolge gerichtet, welche Kaiser Wilhelm II. zum Heile des Vaterlandes und zu seinem Ruhme erreichen möge, und daß ihm hierzu ein freundliches Geschick die Wege ebne! Aber gestehen müssen wir, daß, wenn Stöcker mit diesen Worten auf den hochseligen Kaiser Friedrich III. einen Schatten werfen wollte, wir ihn entschieden zurückweisen. Es gab bis jetzt zwei geistesgewaltige Herrscher von Preußen, denen die Geschichte den Beinamen „der Große" gegeben und bewahrt hat, Friedrich Wilhelm, der große Kurfürst, und Friedrich II., der große König, — aber beide gefielen den Pfaffen nicht, beide waren keine Freunde der Bigoterie, und haben doch den preußischen Staat begründet und groß gemacht! — Bekanntlich hat sich zwischen der antisemitisch-confervativen Partei und den Radau-Antisemiten ein Bruch vollzogen, und jene hat einen Herrn Holtz, diese haben Paul Förster als ihren Candidaten aufgestellt. Die Folge ist, daß Beide sich bekämpfen und eine weitere Folge, daß sie in ihrem Antisemitismus einen Wettlauf eingegangen. Die Letzteren halten Bersammlangen und Reden, die Conservativen machen sich in den heftigsten Hetzartikeln der „Kreuzzeilung" Luft. In einer jüngsten Antisemitenversammlung für den 6. Berliner Reichstagswahlkreis ironisirte der antisemitische Candidat Förster die „Rordd. Allg. Ztg.", indem er sich als den von dieser gesuchten parteilosen Candidaten empfahl. Die Berchristlichung müsse etwas kräftiger angegriffen werden, als dies Stöcker gethan habe. Mit der Bekehrung aller Juden zum Christenthum aber sei die Judenfrage noch keineswegs gelöst. (Zuruf: „Sie wollen sie wohl verbrennen?") Das ist ja thöricht, das was man im Mittelalter „Verbrennen" nannte, das heißt man heute „durch gesetzliche Maßregeln eindämmen" und das wollen wir." Der Redner ging nunmehr noch auf die Candidatenfrage ein und hielt es für „naturgemäß", daß der „Förster" „Holtz" schlage. Viel toller treibt es die „Kreuzzeitung", die in einem Artikel des vr. Kropatschek es unternimmt, alle gegen den Antisemitismus von Kaiser Friedrich III. als Kronprinz gerichteten Aeußerungen theils zu läugnen, theils so lange zu drehen, bis der sel. Kaiser ein richtiger Antisemit geworden. Dann erst ist er auch für die „Krenzzeitung" ein „geliebter und edler Kaiser Friedrich." Vor Allem hält sie sich an den jetzt regierenden Kaiser fest und ruft aus: „Der Lebende hat recht." Sie dringt darauf, auf gesetzgeberischem Wege die Gleichstellung der Juden aufzuheben und ihnen den Erwerb von Grund und Boden zu verbieten. Man kann sich also über die Zwecke und Ziele der Antisemiten keinem Zweifel mehr hingeben, auch nicht über das, was die eonservative Partei in Preußen beabsichtigt. Wie weit die Partei ihrem äußersten Organ folgen werde, müssen wir abwarten. Vorläufig werden wir ihre Stärke aus dem 6. Wahlkreise erfahren, wenn sie auch in anderen, z. B. im 1. Wahlkreise numerisch stärker ist. Von der Spree, 29. Aug. (Privatmitth.) Es ist eine alte psychologische Beobachtung, daß viele Menschen um so lauter schreien, je mehr Furcht sie empfinden. Ich glaube, daß dies bei der „Kreuzzeitung" der Fall ist, wenn sie gegenwärtig in ein wahres Jndianergebrüll gegen die Juden ausbricht. Allerdings nicht aus Furcht vor den Juden, aber unter dem Drucke der augenblicklichen Lage, die ihr vielmehr Enttäuschung als Erfüllung von Hoffnungen zu bringen scheint. Und eine andere Beobachtung ist, daß, je kriegerischer eine Partei vorgeht, die einzelnen Glieder derselben, die etwas für ihre Person zu fürchten haben, um so vor-