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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-09-06 · Heft 36 (6.9.1888) · p. Seite 569

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 36 (6.9.1888)
Date
1888-09-06
Page
Seite 569 (sequence 9)
Language
German
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589 Vorworte erzählt, daß nämlich die Reminiscenzen an das bigotte Dorf, in welchem er seine Jugend verbracht, in ihm anläßlich dieser Dichtungen erst wieder erwacht seien. Noch verblüffender ist die Aufrichtigkeit des ersten Liedes, welches den Titel: „Mein Gebet" trägt. Kiss sagt es in den schönsten Versen, daß er kaum wisse, was eine Synagoge sei. Und dieser Mann wurde zum Regenerator der synagogalen Dichtung auserwählt!! In dem schon erwähnten Einleitungsgedicht: „Mein Gebet" legt Kiss sein spinozistisches Glaubensbekenntniß ab. Sein Gott hat nicht die persönlichen Züge, also auch nicht die Beschränkungen des rituellen Gottes. (!?) Es ist das absolute Ideal, der Pantheos, der auch alle Natur in sich begreift. Und wie wunderschön präcisirt Kiss das Verhältniß des endlichen Menschen zu dem Unendlichen! Der Poet verlangt von seinem Gott weder Reichthum, noch Ruhm, noch Macht, noch Weisheit, noch irgend ein Glücksgut dieser Welt. Er verlangt von ihm nur das nimmermüde Streben; denn nur im Streben ist Leben, im Kampf der Sieg, im Ringen der Fortschritt. Nach dem Einleitungsgedicht geht Kiss zu den rituellen Momenten über und beginnt mit dem „Sabbath". In diesem Abschnitt lehnt er sich fast ganz an die biblische Tradition an und ahmt den Ton der Kirchengesänge in einer! wundervollen melodischen ungarischen Sprache nach. Auch \ ihm ist die Sabbathruhe ein bräutlicher Zustand der Seele,! die sich für kurze Zeit mit dem Himmelsfrieden vermählt, um dann neugestärkt an die Arbeit gehen zu können. Diese Gesänge können getrost in den orthodoxesten Kirchen gesungen werden. Doch auch in dieser Abtheilung verleugnet sich Kiss nicht, seine Individualität bricht sich Bahn in dem Liede: „Um das tägliche Brod". Hier behandelt er einen christlichen Gedanken und färbt ihn so national und so socialistisch, daß Petöfi und Böranger ihre Freude daran gehabt hätten. Es ist das Lied des armen Mannes, das Lied vom Rechte auf Brod, eine bittere Anklage gegen die Schwelger und Prasser dieser Erde. Doch ist der Dichter zugleich voll Stolz; denn der Mensch, wie Kiss ihn sich denkt, soll eher darben, als sich zum Betteln erniedrigen, soll nur vor Gott, nicht vor den Menschen auf die Knie fallen, soll Reichthum und Ueberfluß eher meiden können, als das Licht der Weisheit und des Gesetzes. Diese Schlußwendung, welche das „Gesetz" als höchstes Glück hinstellt, ist nun wieder der reinsten jüdischen Ethik entnommen und dieses Gedicht eines der originellsten der ganzen Sammlung, ein Compromiß zwischen Socialismus und Philosophie. In der darauf folgenden Abtheilung „Ostern" bricht in dem Hymnus auf Gott, als den Befreier, der ganze Freiheitsfanatismns des Ungars, des Schülers Petöfi's und B«ranger's hervor. In religiösem Gewände steckt politische Lyrik von höchstem Schwünge, wird vielmehr die Freiheit selbst zur Gotteseigenschaft und zum Gottesgebote gemacht. In dein Liede: „Die Anserwähluug", sowie in dem Flehen »in „Ttiau und Regen" hat Kiss dem jüdischen Cultusbewußtsein, sowie dem volksthümlichen Utilitarismus des Gebets Rechnung getragen. In dem darauf folgenden Hymnus auf das „Gesetz" repräsentirt Kiss das Judenthum abermals in seiner schönsten Reinheit. Die Liebe und Achtung, die unverbrüchliche Treue gegen das Gesetz sind ein welthistorischer, fundamentaler Zug des antiken Judenthums, und seitdem zum Gemeingut der Menschheit geworden. Wer horchte nicht gern den begeisterten Tönen, in welchen Kiss die seit Jahrtausenden vererbte Gesetzesliebe preist? Auch der folgende Abschnitt vom „Laubhüttenfest" verherrlicht die Gesetzesliebe und erhebt sich zu dithyrambischem Schwünge. Das Gebet um den „Herbstregen" trägt der obigen bereits erwähnten ntilitarischen Richtung jeder Religion Rechnung. Das „Neujahr" und der „Bersöhnungstag" gehören bekanntlich zu den erhabensten Festen der Juden. An diesen Tagen erinnert sich der Jude an die großen Probleme des Lebens und des Todes und der Sündigkeit aller Erdencreatur. Die ganze Demuth, die ganze Furcht der menschlichen Creatur vor dem Absoluten, der Abscheu vor der Sünde, der Schrei nach Erlösung drängt sich in diesen Tagen zusammen, welche selbst das verstockteste Gemüth in eine zitternde, innere Aufregung versetzen. Und dieser erhaben > schaurigen Stimmung hat Kiss so machtvolle Worte zu verleihen gewußt, daß er kühn mit den besten religiösen Poeten wetteifern kann. Wir möchten nebstbei behaupten, Kiss habe manche Accente der Selbstanklage, der Selbsterniedrigung, der im Staube sich verkriechenden Demuth den christlichen Kirchengesängen entlehnt. Der Abschnitt „Trauergesänge", in welche der Schmerz beim Eingreifen des Todes sich ausschüttet, sind von einer so reinen Lyrik, daß sie die Zierde jedes Gesangsbuchs, ja jeder Liedersammlung bilden könnten." Kiss' „Feiertage" sind für den Gebrauch ini Tempel nicht geeignet. Der Gemeinde-Vorstand hat nun einige Zöglinge des hiesigen Rabbiner-Seminars, die bereits einige poetische Uebersetzungen aus dem Hebräischen ins Ungarische geliefert haben, mit der Abfassung ungarischer Tempelgesänge betraut. —r. 36

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