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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-09-06 · Heft 36 (6.9.1888) · p. Seite 568

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 36 (6.9.1888)
Date
1888-09-06
Page
Seite 568 (sequence 8)
Language
German
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568 jüdischen Kanflente zn den nichtjüdischen ein viel größeres ist, als das der Inden im Allgemeinen zn der Gesammtbevölkerung. Während das letztere etwa 1:10V ist, dürfte sich jenes mindestens wie 5:100 stellen. Das Berhältniß wird dadurch für die jüdische Bevölkerung um ein Erkleckiches günstiger. Aber wir müssen noch einen Schritt weiter gehen. Wie fiiib wohl die unter keiner Religionsangabe veröffentlichte» Anzeigen zu rubriciren? Dabei dürsten folgende Erwägungen maßgebend sein. Die Heirathsannoncen sind, soweit es sich nicht um bloßen Scherz handelt, sämmtlich Geldspeculationen. Nun weiß jeder Jude wohl, daß ein Mädchen nichtjüdischen Glaubens, wenn es ein gewisses Capital überhaupt besitzt, ihn nicht heirathen wird; unsere Zeit ist ja trotz ihres aufgeklärten Materialismus dazu noch viel zu vorurtheilsvoll. Man weise mir doch unter den betreffenden Mischehen von hundert auch nur einen einzigen Fall nach, in welchem ei» Jude ein nichljüdisches Mädchen mit Bermögen oder um ihres Vermögens willen geheirathet hat! Und wenn eine Einschaltung zu machen erlaubt ist, so kann man wohl sagen, daß umgekehrt ein Nichtjude ein jüdisches Mädchen ohne Geld kaum jemals geehelicht hat. Ferner fühlt sich der Jude, zumal wenn er nicht zu den oberen Zehntausend gehört — und es soll auch solche Juden in einiger Anzahl geben — in dem Gewühle der Welt niemals so ganz recht als bloßer Mensch; die Hindernisse und Hänseleien, welche ihm überall in den Weg treten, lassen nie in ihm das Gefühl einschlummern, daß er auch Jude ist, d. h. zu einer Bevölkerungsklaffe gehört, die im Grunde genommen nur geduldet wird. Ganz anders der Nichtjude, und da wir hier von Deutschland sprechen, der Christ! Frei und unbehindert, wie er ist, tritt er überall und jederzeit mit dem Vollbewußtsein seiner Menschenwürde auf, und wenn er sich auf dem Wege der Annonce eine bemittelte Frau verschaffen will, so denkt er in den seltensten Fällen daran, daß sich auch ein Jndenmädchen unter den Bewerberinnen finden kann. Diese und noch manche andereGründe weisen mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit darauf hin, daß die ohne Religionsangabe veröffentlichten Anzeigen von Nichtjuden herrühren. Theilt man nun die Annoncen dieser Art widerum nach dem Berufe der sie veröffentlichenden Personen ein, d. h. in Kaufleute (Gewerbetreibende) und Nichtkaufleute, so wird das Berhältniß ein nicht gar so anormales sein. Zieht man nun noch die Auswahl der Blätter in Betracht, so wird das Ergebniß Niemand Wunder nehmen. Man gebe sich einmal die Mühe — mancher antisemitisch feudale Müssiggänger dürste Zeit genug dazu haben — und vergleiche, wie hier in zwei „Judenblättern" geschehen ist, alle größeren Zeitungen Deutschlands auf ihre Heirathsannoncen hin, und der Verf. ist überzeugt, daß!das sich ergebende Resultat keineswegs zu Ungunsten der ^jüdischen Bevölkerung ausfallen wird. Eine solche Arbeit würde auf den Punkt über den jüdischen Materialismus, wenigstens nach der in obigen Zeilen behandelten Seite hin, ein ganz anderes Licht werfen, als die Beleuchtung ist, in welchem er dem größten Theil unserer Beölkerung heutzutage erscheint. Es soll dem Verfasser lieb sein, wenn er mit seinen wenigen, skizzenhaften Ausführungen dazu in etwas beigetragen hat.') Literarischer Wochenbericht. Aus Ungarn, im Aug. sTempelgesänge in ungarischer Sprache^ Vor ca. 30 Jahren verfaßte der sei. vr. Meisel für den Gottesdienst im Pester Tempel deutsche Lieder, zn welchen der Pester Obercantor M. Friedmann die Melodien componirte, welche mit der Einführung der ungarischen Predigt von einem Arzt ins Ungarische übertragen wurden. Doch bald stellte sich heraus, daß diese ungarischen Lieder sprachlich uncorrect seien, und vor einigen Jahren betraute der Vorstand der hiesigen israelitischen Gemeinde Herrn Joseph Kiss, einen Juden, der als Lyriker in der ungarischen Poesie einen sehr geachteten Platz einnimmt und dessen Poesien durch Uebersetzungen auch dem Auslande bekannt sind, mit der Abfassung neuer Tempelgesänge. Wenn Kiss diesen Auftrag annahm, so durfte man sich zum Schluffe nicht darüber wundern, daß etwas ganz Anderes herauskam, als man erwartete: die Commission, welche zur Prüfung dieser Gesänge eingesetzt wurde, hat dieselben als nicht zweckentsprechend verworfen. Trotzdem sind dieselben im Drucke erschienen und liegen unter dem Titel „Ünnsxnapok" „Feiertage" in prachtvoller Ausstattung (Budapest 1888) nunmehr vor. vr. A. Silberstein, der Verfasser der „Bibel der Natur", welcher diese „Feiertage" kritisch beleuchtet, sagt u. A.: Kiss hat das Judenthum in seine eigene moderne Individualität untergetaucht, und dieser chemische Proceß hat etwas weit Werthvolleres zu Tage gefördert, als wenn er auf Bestellung das jüdische Dogma mit sklavischer Treue versificirt hätte. Wenn wir sagen: Kiss meistert die religiöse Leier so sehr, daß er jeden Leser mit der Weihe des Urprincips zn erfüllen vermag, so ist diesen Liedern das höchste Lob gespendet. Diese Lieder sind, wenn auch nicht stets jüdisch, so doch immer sehr religiös, es ist das Judenthum Spinoza's, Heinrich Heine's. Ist es ja bezeichnend, was Kiss in seinem i) Bei dem hier erörterten Gegenstände hatten wir für besonders zu berücksichtigen, daß die Juden in meist kleine Gruppen vertheilt leben, wo sich Nur selten junge Leute zusammenfinden, um einen Ehebund zu schließen, weshalb sie gezwungen sind, irgend vermittelnde Wege zu suchen. Redaction.

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