Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1888)
- Date
- 1888-09-06
- Page
- Seite 567 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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567 Berlin, 2(5. August. ZUM Kapitel von -em Materialismus -er Juden. Bo» I. Silbermann. Einsichtige Leute haben unsere Zeit die naturwissenschaftliche Periode der menschlichen Cultur genannt, andere haben sie gerade wegen ihres naturwissenschaftlichen Charakters, gerade wegen des heutzutage sich geltend machenden rastlosen Strebens nach praktischer Verwerthung der Ergebnisse der Naturwissenschaft, die materialistische Zeit geheißen. Das Schlagwort „Materialismus" mit seinem bösen Beigeschmack ist von derjenigen Seite, welche ihr Ideal aus den dunkelsten Zeiten des Mittelalters hervorsucht, gern ausgenommen und ans alle Bestrebungen, alle Aeußerungen des modernen Lebens übertragen worden. Materialistisch soll die Wissenschaft sein, materialistisch die Kunst, materialistisch die Presse, materialistisch der Kaufmannsstand, und Deutschland zumal würde unter der Höllengluth des Materialismus verdorren, wenn nicht der antisemitische Hauch einen himmlisch frischen, idealen Zug in das nationale Leben brächte und die Seele des Volkes vor elendem Verschmachten bewahrte! Und an dieser Krankheit, welche die Kräfte der auf der Grundlage reiner Menschlichkeit ruhenden europäischen Cultur aufzehrt, sind natürlich nur diejenigen Leute schuld, die im Mittelalter die Brunnen vergiftet und bis in die neueste Zeit hinein unj schuldiges Christenblut zu religiösen Zwecken vergossen haben.! — Die Juden haben die Bronnen deutscher Einfachheit und! Sittlichkeit vergiftet und das unschuldige Blut christlich geri manischen Geistes vergossen als Opfer für ihren Götzen, den Mammon! Die materialistische Anschauungsweise der heutigen Zeit, deren eifrigste Vorkämpfer und Lehrer die Juden sein sollen, < zeigt sich, wie behauptet wird, nicht nur in dem Hasten und Jagen nach äußeren Gütern, sondern auch in einer niederen Denkungsweise über alle die Einrichtungen, welche die natürlichen Gesetze des Herzens und die formellen des Rechts- : staates heilig zu halten gebieten. Zn diesen Einrichtungen gehört in erster Linie die Ehe, welche nach dem Rechte der | Natur und den Satzungen der Cultur nicht bloß eine vor; der Welt formell geschlossene Verbindung fürs Leben zwischen zwei Individuen verschiedenen Geschlechts, sondern auch ein auf „Seelenharmonie" beruhender und durch diese bedingter Bund sein soll. In der Unterhaltung mit einem Nicht Juden über diese Materie hat der Verfasser Gelegenheit gehabt, etwa folgende! Aeußerungen, die ihm schon öfter zu Ohren gekommen waren, zu hören. „Daß das Unwesen der Heirathsannoncen, das^ heute so überhand genommen hat, nur auf den materiaj listischen Charakter unserer Zeit zurückzuführen ist, werden j Sie mir hoffentlich zugeben. Nun vergleichen Sie einmal! die betreffenden Annoncen in den verschiedenen Blättern, »nd Sie werden sinde», daß ein unverhältnißmäßig großer Procentsatz derselben von Bürgern jüdischen Glaubens ausgeht. Diese Behauptung stelle nicht bloß ich ans. Sie könne» Sie von viel größeren Autoritäten vernehmen, ja sie ist sogar in einem Jahrgange des statistischen Jahrbuches der Stadt Berlin ausgesprochen." Die Sache gab dem Verfasser zu denken, und er beschloß zu prüfen. Um sich von vornherein auf einen möglichst objectiven Standpunkt zu stellen, wählte er zwei der verbreitetsten Berliner Zeitungen freisinniger Richtung, welche von einer gewissen Partei mit dem Kosename» „Judenblätter" bezeichnet zu werden pflegen» und die auch bei derartigen Anzeigen unter allen Blättern vo» den Juden wohl am meisten berücksichtigt werden. Es sind dies die „Vossische Zeitung" und das „Berliner Tageblatt". Der Verfasser war selbstverständlich bei dieser Auswahl von vornherein von eineni für die Bevölkerung jüdischen Glaubens ungünstigen Ergebnisse überzeugt. Aber er glaubte eben diese Auswahl seiner Objectivität zu Liebe treffen zu müssen. Die Controle über die Heirathsannoncen in beiden Blättern erstreckte sich aus genau einen halben Monat, auf die Zeit vom 1. bis 15. August. Es ergaben sich folgende Zahlen. Bon männlichen Personen gingen 93, von weiblichen 48 Anzeigen dieser Art aus. Unter den ersteren rührten 5 von Juden, 34 von Nichtjuden her, während die übrig bleibenden 54 eine Angabe der Religion nicht enthielten. Bon diesen 54 Anzeigen ohne ausdrückliche Angabe der Religion ließen sich jedoch 6 sofort als von Nichtjuden herrührend erkennen (Adelige, Osficiere rc.). Das Berhältniß der sicher von Juden zu den sicher von Nichtjuden ausgehenden Annoncen stellt sich also wie 5 : 40, d. h. der 8. Theil der Anzeigen rührt von Juden her. Gegenüber der Thatsache, daß die Juden im deutschen Reich nicht viel mehr als Vioo der Gesammtbevölkerung bilden, ist dieses Resultat allerdings ein sehr ungünstiges, und es wird nur wenig besser, wenn man dem entgegenhält, daß in Norddeutschland, von woher die meisten Annoncen rühren, der Procentsatz der Juden zu der Gesammtbevölkerung ein etwas höherer ist. Gehen wir jedoch weiter und theilen die annoncirenden Personen nach ihrem Berufe ein, so finden wir folgende Zahlen: jüdische nichtjüdische Kaufleute (und Fabrikanten) 4 25 Nichtkaufleute 1 9 Die von Kaufleuten jüdischen Glaubens herrührenden Annoncen betragen also etwa den 7. Theil sämmtlicher von Kaufleuten ausgehenden Anzeigen. Nur scheinbar ist dieses Berhältniß noch ungünstiger als das vorangegangene. Denn es läßt sich doch keineswegs leugnen, daß das Berhältniß der