Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1888)
- Date
- 1888-09-06
- Page
- Seite 566 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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566 meinen Boten vor dir her, der den Weg vor dir bahnet". — Für scharfsinnig wird wohl niemand das Citat erachten, welches Matth. 12, 16 heranbringt. Jesus heilte viele und „schärfte ihnen ein, daß sie ihn nicht bekannt machten, auf daß der Ausspruch Jesaias des Propheten erfüllet werde, welcher sagt (42, 1—4) „„Siehe, mein Knecht, den ich erwählet habe, mein Geliebter, an welchem meine Seele Gefallen hat: ich lege meinen Geist auf ihn, und das Recht soll er den Völkern verkünden. Er wird nicht zanken, noch schreien, noch wird Jemand seine Stimme auf der Gasse hören. Zerknicktes Rohr wird er nicht zerbrechen, und glimmenden Docht nicht auslöschen, bis er sieghaft das Recht verbreite. Und auf seinen Namen werden die Völker hoffen." " Daß hier diese großartige Verkündigung vom Siege der Wahrheit und des Rechts, nicht durch Gewalt, sondern durch die freie, von der göttlichen Vorsehung geleitete Entwickelung der Menschheit vollbracht, auf einen so nebensächlichen Gegenstand, wie das Bekanntwerden jener Heilungen verwendet wird, können wir uns nur aus dem den Evangelisten beherrschenden Drange, durch Jesus die Aussprüche der heiligen Schrift erfüllt zu zeigen, erklären. Daß auch in diesem Abschnitte Jesaias' „der Knecht des Ewigen" kein Anderer als das Volk Israel in seiner Gesammtheit ist, haben schon die Septuaginta und Raschi erkannt, und ist deutlich aus 41, 8.9. 43,10. 44,1. 45,4. zu ersehen (vgl. unfern Commeutar zur Stelle). Es ist hieraus zu folgern, daß Matthäus bei der Abfassung seiner Schrift vorzugsweise die Juden im Auge hatte, da in jener Zeit unsere heilige Schrift den Heiden noch nicht als eine solche Autorität erschien und erscheinen konnte, daß auf diese die Autorität der neuen Religion gegründet werden konnte. — Nicht minder trifft das Citat nicht zu, welches 13, 34 angeführt wird, und erklären soll, warum Jesus nur „in Gleichnissen" gesprochen habe. Es heißt da: „alles dies trug Jesus in Gleichnissen dem Volke vor und ohne Gleichniß trug er ihnen nichts vor, auf daß der Ausspruch des Propheten erfüllet würde, welcher sagt: ,ich thue auf meinen Mund zu Gleichnissen; ich verkünde Verborgenes seit Gründung der Welt'." (Psalm 78, 2.) Der Psalmist hatte aber durchaus „Gleichnisse" gar nicht im Sinne. Der Psalm will vielmehr die Wohlthaten in Erinnerung bringen, welche Gott durch die Ertheilung seiner Lehre, durch den Auszug ans Aegypten, die Wunder in der Wüste, die Eroberung Canaans, die Errichtung des Heiligthums an Israel vollbrachte, und er thut dies mit dichterischen, aber sehr verständlichen Worten. — Bemerken wir noch einige Parallelen. So 17, 2: Jesus geht mit seinen Jüngern auf einen hohen Berg, „und er ward verwandelt vor ihnen und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne und sein Gewand war weiß wie das Licht". Wer wird hierbei nicht an 2. Mos. 34, 29 erinnert, wo „die Haut des Angesichts Moses strahlte". als dieser vom Berge Sinai kam, „daß sich Aaron und das ganze Volk fürchteten, ihm zu nahen". Ebenso 18, 20: „Denn wo Zween oder Drei versammelt sind auf meinen Namen, da bin ich mitten unter ihnen". Was hier Jesus von sich aussagt, verheißt 2. Mos. 20, 24 Gott: „An jeglichem Orte, wo ich meines Namens gedenken lasse, werde ich zu dir kommen und dich segnen". Ferner 21, 33, wo Jesaias 5, 1 ff. wörtlich verwendet wird, aber schließlich in nicht sehr festem Zusammenhänge auf Psalm 118, 22 verwiesen wird. Auf „Erfüllung der Schrift" wird 26, 54 und 56 berufen, ohne daß darüber Schriftstellen angeführt sind. — Ein eigenes Ding ist es um die Stelle 27, 9. Judas, berichtet der Evangelist, hat den schändlichen Berrath an seinem Meister verübt und dafür dreißig Silberstücke erhalten. Dann aber erwachte die Reue in ihm auf und er brachte die dreißig Silberstücke den Hohenpriestern zurück. Diese „kauften dafür den Töpfer-Acker zum Begräbniß für Fremde. Da ward der Ausspruch Jeremias, des Propheten, erfüllt, der da sagt: Und sie nahmen die dreißig Seckel Silbers, den Preis des Geschätzten, welchen Söhne Israels geschätzt, und gaben sie für den Töpfer-Acker; sowie uns der Herr befohlen". Dieser Bericht, der bei den übrigen Evangelisten sich nicht wiederfindet, ist um so auffallender, als das Citat bei Jeremias gar nicht vorhanden ist, vielmehr Secharja 11, 12. 13., und hier auf einer irrigen Auslegung beruht. Es heißt da: „Sie wogen mir (dem Hirten) als Lohn dreißig Silberstücke ab. Da sprach der Ewige zu mir: Wirf ihn, den werthlosen Preis, den ich ihnen werth bin, in den Schatz. Und ich nahm die dreißig Silberstücke und warf sie in das Haus des Ewigen in den Schatz". — Nun steht hier das Wort für is'r oder der Schatz, wie der Zusatz 'n irn zweifellos erweist und schon der Targum erklärt. Der Evangelist läßt sich aber von der Lesart wahrscheinlich durch die Uebersetzung der Septuag. zb xcovevtr^iov verleiten, den Schatz in einen „Töpfer-Acker" zu verwandeln, obschon von einem „Acker" gar nicht die Rede ist, denn lur heißt bisweilen „der Töpfer", die Analogie besteht also nur in den dreißig Silberstücken und an eine „Erfüllung" eines Prophetenwortes kan» nicht gedacht werden. So wird denn auch schließlich 27, 35 von der Bertheilung der Kleider nach dem Loose erzählt, um den Psalmvers 22, 19 als „erfüllt" anzügeben, der jedoch an seiner Stelle keine Voraussagung enthält, sondern eine Klage über die Mißhandlungen, die der Sänger von seinen Feinden erfahren hat. — Hiermit schließen wir diese Uebersicht über das Evangelium Matthäi, und wir brauchen wohl hiernach die bewußte und beabsichtigte Abhängigkeit des Evangelisten von unserer heiligen Schrift und die hierbei von ihm verfolgte Tendenz nicht noch einmal auseinanderzusctzen. (Forts, folgt.)