Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1888)
- Date
- 1888-09-06
- Page
- Seite 565 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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565 Momenten durch Beispiele hervorgehoben, nämlich daß die Evangelisten Parallelen zu Vorgängen, welche in der letzteren berichtet werden, aufstellen und nachbilden und dann, daß sie aus dem Leben Jesu Ereignisse erzählen mit der von ihnen selbst ausgesprochenen Absicht, zu zeigen, daß durch Jesus die Weissagungen der Propheten auf den Messias erfüllt sein sollen. Der letztere Umstand ist natürlich für die Kritik wichtig, da eine specielle Tendenz gegen die Glaubwürdigkeit eines Berichtes in die Waage fällt. Wir wollen deshalbfür dieses zweite Moment noch mehrere Beispiele anführen. — Matthäus beginnt sein zweites Kapitel: „Als aber Jesus geboren war zu Bethlehem in Judäa in den Tagen Herodes des Königs u. s. w." Joseph und Maria wohnten zu Nazareth. Nun soll aber Jesus zu Bethlehem geboren sein. Matthäus giebt über diesen Wohnungswechsel keinen Aufschluß, wohl aber Lucas, der erzählt, Kaiser Augustus habe befohlen, daß Jeder in seine Stadt eingeschrieben werde, und darum seien Joseph und Maria nach Bethlehem gezogen, wohin Joseph als Nachkomme des Königs David, der bekanntlich in Bethlehem geboren war, zu gehören meinte. Matthäus hingegen giebt den Zweck an, weil „geschrieben ist vom Propheten Micha 5, 1): „Und du, Bethlehem, Land Juda's, keineswegs (!) bist du das geringste unter den Fürsten Juda's; denn aus dir geht hervor der Herrscher, welcher mein Volk Israel weiden wird". Hierbei ist aber der Text Micha's unrichtig citirt. Denn dieser lautet: „Du aber, Bethlehem Ephrathah, das gerinste seiend unter Juda's Geschlechtern, aus dir wird mir hervorgehen, der Herrscher sei in Israel". — Joseph flieht mit Maria und dem Kinde vor Herodes nach Aegypten. Auch hierfür derselbe Zweck. Matthäus sagt V. 15: „Und er blieb daselbst bis zum Tode des Herodes, auf daß der Ausspruch des Herrn durch den Propheten erfüllt würde, der da spricht: „Aus Aegypten rief ich meinen Sohn". (Hosea 11, 1.) Der Vers heißt bei dem Propheten: „Als Israel jung war, liebte ich es und aus Aegypten rief ich meinem Sohne. Ja, ihnen rief man, um so mehr wandten sie sich ab, den Baalim opferten, den Bildern räucherten sie". Da kann es wohl nicht zweifelhaft sein, daß unter dem, welcher aus Aegypten gerufen wird, Israel und zwar das dem Götzendienst zugeneigte gemeint ist, wie denn das Kapitel des Hosea hinlänglich erweist, daß auf die Vorzeit Israels hingewiesen wird. —In gleicher Weise wendet Matthäus den Vers Jerem. 31, 15 ganz gegen den Sinn desselben an. Herodes, erzählt er, brachte alle Knaben in Bethlehem und in der ganzen dortigen Gegend um, und fährt fort (V. 17): „Da ward der Ausspruch Jeremia's, des Propheten, erfüllt, der da spricht: Geschrei ward zu Rama gehört, Aechzen und Weinen und bittere Klage. Rahel weinte über ihre Kinder und wollte sich nicht tröste» lassen, weil sie dahin sind". Wir brauchen kaum zu bemerken, daß der Prophet mit diesen Worten die K>age über die in Juda Gefallenen und die nach Babel Weggeführten zum Ausdruck bringt, worauf er die Tröstung giebt, daß sie wieder zurückgeführt würden. — In V. 20 wird eine Parallele zu 2. Mos. 4, 19 gegeben und V. 23 heißt es: „Und er kam und wohnte in der Stadt, die da heißet Nazareth, auf daß der Ausspruch der Propheten erfüllt würde: Er wird Nazaräer heißen". Für die letzten Worte war man in Verlegenheit. Man gab Richter 13, 5 an, wo jedoch von Nazareth durchaus keine Rede ist, sondern von Simson: „kein Scheermesser soll über sein Haupt kommen, denn ein Nasir Gottes soll der Knabe sein von Mutterleib an". Jedermann weiß, was nach der Thora ein „Nasir" bedeutet, Jemand, der für eine gewisse Zeit das Gelübde auf sich nimmt, sein Haar nicht scheeren zu lassen und Wein und starkes Getränk nicht zu genießen. Man nahm deshalb zu Jesaias 11, 2 seine Zuflucht, wo aber gewiß kein auch nur annäherndes Wort davon enthalten ist. Gleich darauf (3, 1) tritt Johannes der Täufer auf und verkündet in der Wüste von Judäa und sagte: „thuet Buße, denn das Himmelreich ist nahe! Denn dieser ist es, von welchem Jesaias, der Prophet, spricht: ,Die Stimme eines Rufenden in der Wüste: bereitet den Weg des Herrn, machet eben seine Pfade!'" (Jesaias 40, 3.) Wir bemerken hierbei, daß „in der Wüste" nicht zu „eine Stimme ruft", sondern zu „bahnet des Ewigen Weg" gehört, wie die weiteren Worte erweisen: „ebnet in der Steppe eine Straße unserem Gott". Die Anwendung also, daß Johannes in der Wüste von Judäa auftrat und verkündete, ist unrichtig. — Von Kapitel 8 an werden viele durch Jesus vollbrachte Heilungen, namentlich an „Besessenen, aus welchen er die Geister durchs Wort austrieb", erzählt und hinzugefügt: „auf daß der Ausspruch Jesaias, des Propeten, erfüllet würde, der da spricht: er nahm unsere Krankheiten dahin und trug unsere Gebrechen hinweg". (Jes. 53, 4.) Der Sachkundige weiß, daß »ach den gewissenhaftesten Erklärern die Rede Jesaias 52, 13 bis 15 und Kapitel 53 nicht auf den Messias, sondern auf das Volk Israel geht, welches nach dem Propheten das schwere Geschick zwar als Strafe für seinen Abfall, aber zugleich zum Heile aller Völker zu tragen habe, weil durch die Wiedererhebung dieses verachteten Volkes alle Nationen die erlösende Kraft Gottes erkennen sollen. Die angeführten Worte sprechen die Völker nach Erlangung dieser Erkenntniß und meinen, daß Israel auf diese Weise ihre, der Völker, Gebrechen und Schmerzen auf sich geladen habe. Von „dahinnehmen und hinwegtragen" ist im Text nicht die Rede, vielmehr nur von „tragen und auf sich laden". — Da : Johannes der Täufer als der geschildert wird, welcher auf j Jesus als den kommenden Erlöser hinweist, so wird es nicht auffallen, daß er mit Elias verglichen und auf ihn die; Worte Maleachi's 3, 1 angewendet werden: „Siehe, ich sende