Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1888)
- Date
- 1888-09-06
- Page
- Seite 564 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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564 namentlich in dem Widerstande gegen die römischen Heere. Es werden uns, wie auch aus den Heeren der Ptolemäer, die Namen jüdischer Feldherren genannt. Später sehen wir in dem Chasarenreiche jüdische Könige den Thron besitzen. Der jüdische Einfluß muß hier sehr wohlthätig gewesen sein, denn Juden, Christen und Mohamedaner wohnten in Frieden mit einander und nahmen in gleicher Weise an den Staatsämtern Theil. Dies Alles aber war nichts Dauerndes und ging ohne Nachwirkung in den entlegenen Gegenden vor sich. Auch daß ein Jude als Gesandter am Hofe Karls des Großen weilte, kann nicht sehr betont werden. Während des ganzen Mittelalters bis auf die neueste Zeit sind die Juden ohne allen politischen Einfluß geblieben. Es mag wohl sein, daß hier und da ein Fürst zu seinen Kriegen des jüdischen Geldes bedurfte. Dies hatte aber gewiß nur selten einen Einfluß auf seine politischen Entschlüsse. Denn entweder nahm er ihnen in solchem Falle das Geld geradezu ab, oder erpreßte es von ihnen, oder versprach ihnen hohe Zinsen. Mit der Zeit kam es, daß einzelne Fürsten für ihre finanziellen Angelegenheiten „Hofjuden" hatten, und wohl auch in schwierigen Lagen ihren Rath eingeholt haben mögen. Bon großer Bedeutung war dies nicht, und z. B. Don Jsaac Abarbanell vermochte trotz seiner finanziellen Wichtigkeit die Austreibung der Juden aus Spanien durch Ferdinand und Jsabella, die jenem sehr gewogen waren, nicht zu verhindern und mußte selbst auswandern. Nicht besser erging es ihm in Neapel. — Werfen wir nun einen Blick auf die Stellung der Juden seit ihrer Emancipation in den verschiedenen Staaten, so zeigt es sich, daß sie da, wo ihre Gleichstellung gesichert und in keiner Weise bedroht ist, ein Jeder nach seiner Ueberzeugung, sich allen Parteien anschließen; in den Staaten jedoch, wo ihnen die Gleichberechtigung versagt wird oder wo gewisse Parteien dieselbe aufzuheben gesonnen sind, werde» sie, wie es höchst erklärlich ist, auf der liberalen Seite gefunden. Sicherlich ist das letztere nicht als eigennützig zu bezeichnen, denn sie wollen nur ihren zu erwerbenden oder wohlerworbenen Standpunkt als gleichberechtigte und gleich verpflichtete Bürger einnehmen oder behaupten, sie wollen eben Söhne des Vaterlandes sei», und zugleich vertheidigen sie jenes Fundament des modernen Staats- und Volkslebens, die Gleichheit vor dem Gesetze, ohne welche der Staat tiefgehenden inneren Zerrüttungen und Schwächungen nicht entgehen kann. In Großbritannien z. B. finden sich angesehene jüdische Männer unter den Tory's wie unter den Whigs und selbst unter den Radikalen und Socialisten. Daffelbe in Frankreich, wo unter Anderen Fould ein eifriger Anhänger Napoleon III., Cremieux ein ebenso eifriger Gegner desselben war; im Augenblick ist Senator Naquet ein Partisan Boulangers, während Joseph Reinach (uon der ßepublique t'ranij’aise) ihn mit allen Kräften bekämpft. Sicherlich wäre eine gleiche Erscheinung in Deutschland und Oesterreich vorhanden, wenn nicht namentlich im deutschen Reiche die Conservativen wiederholt ihre antisemitische Gesinnung, schließlich die Absicht, die Gleichstellung der Juden wieder zu beseitigen, zu erkennen gegeben hätten. Wie von selbst schließen sie hiermit die Juden aus ihren Reihen und machen es diesen nicht bloß zur Selbstvertheidigung, sondern sogar zum Berrath an sich und an dem Vaterlande» wenn sie den Conservativen irgend wie Gefolgschaft oder auch nur Mithilfe gewähren wollten. Abseitens dessen ist die Zersplitterung der Juden zu groß, um irgendwo einen wesentlichen politischen Einfluß üben zu können, und selbst da, wo sie in einer der großen Städte auch in einer größeren Zahl vertreten sind, ist dies immer doch im Berhältniß zur Gesammtbevölkerung der selben Städte nur ein im Ganzen verschwindender Bruchtheil. Es kommt vor, daß irgend ein sehr begabter Geist einen einzelnen Juden auf dem politischen Theater gewissermaßen in den Vordergrund führt und ihm eine politische Thätigkeit gestattet. Aber diese Männer, gering an Zahl, sind keine Männer des Judenthums und haben sich mit der politischen Bildung und den Interessen des Staates, wie sie dieselben auffassen, so identifieirt, daß sie an irgend eine jüdische Eigenart nicht erinnern oder an eine jüdische Tendenz durchaus nicht zu denken geben. Hat man es doch oft genug erlebt, daß, wenn in Parlamenten jüdische Interessen in Frage kommen, die jüdischen Mitglieder Stillschweigen beobachten. Jüngst haben sogar jüdische Mitglieder der französischen Deputirtenkammer für die Staatssubvention protestantischer Seminare und gegen eine solche zu Gunsten des Rabbinerseminars zu Paris gestiinmt! Ziehen wir aus allen diesen geschichtlichen Thatsachen die Folgerung: so haben die Juden zu keiner Zeit eine» wesentlichen und dauernden politischen Einfluß geübt. Die Ursache hiervon liegt darin, daß sie zu aller Zeit sich auf der Defensivlinie, zur Vertheidigung ihrer Existenz, befanden. Das Geschick hatte sie zu einer weiteren politischen Rolle nicht bestimmt und berufen. Ihre weltgeschichtliche Mission befand sich allein aus dem religiösen und sittlichen Gebiete, und um diese sich zu wahren und in dem mannigfaltigen Wandel der geschichtlichen Verhältnisse dieses Zweckes wegen bestehen zu bleiben, durften sie keine Offensivwaffen führen, die zu ihrer eigenen Vernichtung hätte führen müssen. Aus der vergleichenden Religionswissenschaft. ii. Wir haben im ersten Artikel die Abhängigkeit des „Neuen Testamentes" von unserer heiligen Schrift in zwei