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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-09-06 · Heft 36 (6.9.1888) · p. Seite 563

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 36 (6.9.1888)
Date
1888-09-06
Page
Seite 563 (sequence 3)
Language
German
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563 religiösen Lebens gewissermaßen willkommen, und längst hatten! die ägyptischen und die vorderasiatischen Götter und Priester ihren Einzug in Rom gehalten und waren dort in großem Umfange cultivirt. Der große Unterschied, der hier bestand, war, daß alle diese heidnischen Culte dem Geiste und den Gewohnheiten der Römer nicht widersprachen, sie vielmehr durch ihre Neuheit anzogen und auf diesem Wege eine allgemeine Anerkennung fanden, die jüdischen Ideen und Satzungen sie vielmehr abstoßen und von sich fern halten mußten. Es kann demnach die Behauptung Mommsens nur als aus einem Borurtheil geflossen angesehen werden. Zeitweise mußte der jüdische Freiheitskrieg und der Aufstand Bar-Kochba's eher einen Haß gegen die Juden bewirkt haben, der sich auch in harten Gesetzen kund gab, jedoch aus dem immer noch freien Geiste der Römer bald wieder schwand, so daß den Juden das römische Bürgerrecht gewährt wurde. Die Novellen der christlichen Cäsaren bezeugen, daß die Juden von diesem Gebrauch machten und in Staats- und Stadtämtern thätig waren. Aber die Leichtigkeit, mit welcher die Cäsaren sie daraus verdrängten, erweist wieder, daß sie hierin von keiner Bedeutung waren. — Wir haben bei diesem Umstande länger verweilt, weil die besprochene Periode bis auf die Gegenwart wohl die einzige war, in welcher die Juden auf einen andern Staat einen politischen Einfluß hätten haben könne». Blicken wir deshalb rückwärts und vorwärts auf die Geschichte unseres Stammes. Es ist jetzt durch die neueren und neuesten Funde sicher gestellt, daß die Pharaonen in vielleicht langen Zeiträumen ihre siegreichen Waffen bis zum Euphrat getragen und namentlich über Canaan und Syrien herrschten. Sie hatten überall hin ihre Garnisonen zerstreut und hielten dadurch die großen und kleinen Könige — in Canaan hatte fast jede Stadt ihren König — in Zaum. Bor dem Auszuge Israels aus Aegypten muß aber dieses Verhällniß aufgehört haben und die ägyptische Herrschaft in das Nilthal zurückgedrängt sein. Denn am Ufer des rothen Meeres war die Grenze der ägyptischen Macht erreicht; in Canaan hatten die Israeliten gegen Aegypter nicht zu kämpfen und erst mit Salomo hören wir wieder etwas von Aegypten. Jedermann weiß, daß in den ersten Jahrhunderten die Israeliten nur mit den benachbarten Völkerschaften zu kämpfen hatte», siegten und unterlagen, bis David sein Volk gegen jene sicherte und die Grenzen des Reiches ausdehnte. Daß jedoch hiermit der Kampf mit diesen benachbarten Nationen nicht aufhörte, ersieht man aus den Reden der Propheten, die so oft gegen diese feindlichen Stämme sich richten. Erst mit dem Exil hörte dieses aus. Salomo hatte freundliche Verbindungen mit Aegypten und Phönizien angeknüpft. Aber nicht lange, so entbrannte der Kamps zwischen den Aegyptern und Assyrern und nach die sen den Chaldäern, und der jüdische Staat war oft genug i das Streitobjekt der beiden rivalisirenden Mächte. Das Reich Israel ging darüber zu Grunde, »nd Juda schwankte zwischen Aegypten und Babel, bis auch dieses das Opfer der Niederlage Aegyptens und des Sieges der Chaldäer ward. Alles dies bezeichnet nur eine passive Rolle, und der genauesten Nachforschung wird es nicht gelingen, zu erkunden, daß Israel einen activen politischen Einfluß selbst nur auf die benachbarten Völkerschaften geübt hat. Eine Ausnahme macht nur Edom, das zeitweise der jüdischen Herrschaft unterworfen war. Wohl mag von den ursprünglichen Bewohnern, welche mitten unter Israel ansässig geblieben, sich ein Theil mit diesem vermischt haben, und Ein- und Auswanderer sind wohl ausgetauscht worden, aber wir haben keine Nachricht, daß eine dieser Völkerschaften in Israel aufgegangen sei. Im Gegentheil zeigt die Betonung, welche auf die Aufnahme der Gibeoniten gelegt ward, daß dies eine Ausnahme gewesen. — Tie spärlichen Mittheilungen, die uns aus dem babylonischen Exil überkommen, lassen vermuthen, daß jüdische Männer vorübergehend eine politische Rolle gespielt haben; sie wurden zu einflußreichen Staatsämtern erhoben. Aber es war dies eben nur vorübergehend, sie fielen wieder in Ungunst und man erinnerte sich ihrer erst im Augenblicke des Sturzes, wo auch sie nichts helfen konnten. Während des sechshundertjährigcn zweiten Bestandes, wo nach dem Tode Alexanders bald wieder der Kampf zwischen Aegypten und Syrien wegen der Herrschaft in Vorderasien ausbrach, war Palästina wieder ein Kriegsschauplatz. Einen wesentlichen politischen Einfluß übten die Inden eine kurze Zeit hindurch unter den heldenninthigen Hasmonäern, indem sie die syrische Herrschaft abschüttelten und dem syrischen Reiche empfindliche Niederlagen beibrachten. Aber auch dies währte nur eine kurze Zeit, denn jetzt traten die Römer in Syrien auf, und diesen konnte das kleine Judäa, noch dazu bei zerrüttenden inner« Bruderkämpfen, keinen Widerstand leisten. Es lag nun einmal im Geschicke des israelitischen Stammes, einen weltgeschichtlichen politischen Einfluß nicht zu üben. Denn als sich die Juden erhoben, das römische Joch abzuschütteln und ihre Existenz als Nation dafür einsetzten, blieb die ganze den Römern unterlvorfcne Welt ruhig, nicht einmal die Parther rührten sich. Wie anders wäre es gekommen, wenn mehrere der unterworfene» Nativtionen gleichzeitig gegen den verhaßten römischen Druck aufgestanden wären. So konnte der römische Cäsar seine tapfersten Legionen selbst aus Britannien holen, und Inda unterlag. Das gleiche Schicksal hatten die jüdischen Anfstünde in Cyrene, auf Cypern und in Palästina etiva ein halbes Jahrhundert später. — Einigen Notizen »ach niuß man wohl den Inden in den Ländern des Euphrat und des Tigris, wo sie schon seit dem babylonischen Exil in großer Anzahl ansässig waren, einigen politische» Einfluß zuschreiben. 36*

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