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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-09-06 · Heft 36 (6.9.1888) · p. Seite 562

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 36 (6.9.1888)
Date
1888-09-06
Page
Seite 562 (sequence 2)
Language
German
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562 drängen und nöthigen, hinaus zu treten in das bewegte Treiben, in das Gewühl der nimmer rastenden Menschheit, so erhalte dir die Verbindung mit den Heiligthümern deiner Väter, mit den unerschütterlichen Werken der Vergangenheit, schneide die starken Fäden nicht ab, die dich im vollen Zusammenhänge mit ihnen verbinden. Auf die neuen Pfade, die du beschreitest, nimmst du dann den Stab mit, der dich vorm Straucheln und Fallen schützt, die Leuchte, die dich den rechten Weg erkennen und einhalten läßt, den Compaß, der dich aus dem bewegten Meere des Lebens zurecht leitet, den Anker, der zur stürmischen Zeit dein Schiff den wilden Wogen nicht überläßt. Nur dann wirst du nicht irre gehen, nur dann ein sicheres Ziel nicht verfehlen. Du bist unter solchem Schutze nicht dem Wandrer gleich, der sich willenlos dem Begehren Anderer überläßt oder einen Pfad verfolgt, von dem er nicht weiß, wohin er führt, der vielleicht in einer Wildniß oder dicht am Rande des Abgrundes abbricht. Zu den stärksten Fäden, die dich an das Heiligthum, das uralte unsrer'Väter knüpfen, die dir den Zusammenhang mit der Lehre und dem Gesetze fest halten, gehören die hohen Feste, die wir jetzt begehen. Sie sind alt und ewig neu. Denn sie waren geheiligt allen Geschlechtern unsrer Väter, geleiteten sie durch alle Zeiten, deren Wandel und Mühsale und stärkten sie in jeglichem Kampfe. Ewig neu aber sind sie, weil sie sich unmittelbar an das Herz jedes Menschen wenden und ihm die Gedanken und Gefühle höherer Art wecken, die ihm nöthig sind in allen Verhältnissen des Lebens, mögen diese! im Lause der Zeiten noch so sehr wechseln und sich verän-! dern. Denn, Freund und Glaubensgenosse, es giebt auch! einige Wahrheiten, die keine neue Forschung, kein neuer Fort-! schritt zu verdrängen, aus dem Bewußtsein des Menschen-! geistes zu beseitigen vermögen, ein ewiges Bedürfniß der Menschenseele, das sie allein zu befriedigen, zu beschwichtigen im Stande sind. Dies dürfen wir niemals vergessen. Was auch der Strom der Zeit mit sich bringt, bald die Fluren überschwemmend, bald in Dürre dahinschleichend, die innerste Natur des Menschen bleibt dieselbe und feine Sehnsucht wird stets über das Sinnliche und Wahrnehmbare hinaus streben und nach den Höhen verlangen, wo wir Gott gewahren, ihn zu erkennen und anzubeten uns gedrungen fühlen und ihm durch Streben nach Recht und Liebe nahe zu kommen glauben. Darum weile an diesen Festen im Heiligthume unsrer Gemeinden und gieb dich der Erholung und der Andacht hin. Wohl und erleichtert wirst du dich fühlen und aus lange hin gestärkt, den Weg deines Lebens weiter zu be schreiten. Ja, das Alte und das Neue in uns zu vereinigen, zu verschmelzen, das Alte durch das Neue zu bilden, das Neue durch das Alte zu festigen, dies ist die Lösung der Aufgabe, die uns gestellt ist. Die Politik und das Äu-enthurrr. Man hat mit Fug und Recht dem ausgezeichneten Geschichtsforscher Theodor Mommsen den Vorwurf gemacht, allzusehr moderne politische Begriffe in seine Darstellung der römischen Geschichte verpflanzt und hierdurch die richtige Vorstellung und Beurtheilung geschädigt zu haben. Hierzu rechnen wir, wenn er die in Rom ansässigen Juden beschuldigt, ein „zersetzendes Element" innerhalb des römischen Staats- und Volkslebens gewesen zu sein. Es ist dies offenbar eine Anschauung, die aus dem modernsten Antisemitismus nach Rom verlegt wird. Mommsen hat auf diese Weise nur einen neuen Beweis dafür geliefert, daß Gelehrte, die sonst liberale Ansichten hegten, dennoch in gewisser Einseitigkeit recht schief urtheilen und hier und da reactionär sein können. Huldigt doch Mommsen gar sehr dem Cäsarismus, als dem Träger „des römischen Staatsgedankens". Es ist die Melodie, die wir schon so oft gehört haben, daß eine Hand voll Juden Millionen der Nation, in deren Mitte sie lebt, beeinflussen, wenn nicht gar beherrschen, zersetzen und umgestalten sollen! Wie ist es denkbar, daß die etwa 10,000 Seelen zählenden Juden in der Millionenstadt Rom „zersetzend" auf das römische Volk und den römischen Staat gewirkt haben sollen? Wenn es einen mächtigen Factor gab, der das römische Reich „zersetzte" und es dem Zusammenbruch immer näher brachte, so war es das Christenthum. Man erinnere sich der blutigen Sectenaufstände in Byzanz, des Dogmenstreites in den beiden Hälften des Reiches, der Schlachtfelder, auf welchen der Arianismus vernichtet wurde, so brauchen wir nicht einmal auf die Spaltung zwischen dem sich immer mehr verbreitenden Christenthum und dem zurückweichenden Heidenthum zu blicken. Was will hiergegen sagen, wenn in Rom ein paar Hundert ganze und halbe Proselyten sich zum Judenthum bekannten? Von politischem Einstuß kann also von Seiten der römischen Juden gar nicht die Rede sein, und hat auch Mommsen nicht den geringsten Beweis für einen solchen gebracht. Aber ethnisch, also zersetzend auf das Bolksleben? Mommsen führt als Grund seiner Behauptung an, daß auch in Rom die Juden ihre Absonderung in Bezug auf Religion und Sitte beibehalten hätten. Dies ist richtig, und die Juden konnten auch nicht anders. Del in ihnen festgewurzelte Monotheismus mit dem Abscheu gegen bildliche Darstellung Gottes und die den metallenen, steinernen und hölzernen Bildern dargebrachte Anbetung, sowie ihr sittlicher Gegensatz gegen die Ausschweifung und Entartung der heidnischen Masse und noch mehr der Großen und Reichen, diese beiden die Juden beherrschenden Motive mußten sie in religiöser und sitttlicher Absonderung erhalten. Aber gerade in Rom halte eine solche kleine abgegrenzte Gemeinde keinen wesentlichen Einfluß auf das Volksleben. In Rom war jede Form des

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