Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1888)
- Date
- 1888-09-06
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Iudmthums. Ein mparteiWes Organ siir alles jüdische Jnlcrcssc. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Durch Buchhandel oder Post bezogen Preis vierteljährl. 3 M., direct von der Expedition in Leipzig unter Streifband 3,50 M. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Donn. Expedition: Leipzig, Kospitakstraße 2. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in rBorm direct^ in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 52. Jahrgang. Leipzig, den 6. September 1888. Nr. 36. Inkslt. Leitende Artikel: Zu beu hohen Festen. — Die Politik und das Judenthum. — Aus der vergleichenden Religionswissenschaft. II. — Zum Kapitel von dem Materialismus der Juden. — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Von der Spree, Ans Hessen, Gießen, Breslau, Crailsheim.— Oesterreich- Ungarn: Wien. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Kurze Bemerkungen. IX. ZetttnSe Clzti&ef. Bonn, 2. September. Btt den hohen Festen. 3. Alt und Reu. Der jetzige Mensch hat eine schwierige Aufgabe. „Laß dir die Errungnisse der Vergangenheit nicht rauben! man ihm von der einen Seite zu, und von der qnderen: „Verschließe dich nicht den Erwerbnissen der Neuzeit, dem was die Menschheit in rastloser Arbeit erringt!" Welchem Ruse sollen wir nun folgen? Es entgeht uns ja nicht, daß wir trotz allen neueren Erscheinungen immer und in Allem auf dem Boden stehen, den unsre Vorfahrem geebnet und gefestigt, aus dem Grunde unsre Nahrung ziehen, welchen sie urbar gemacht. Und wenn wir in den Hallen der Heiligthümer, der mächtigen Bauwerke und Denkmäler wandeln, welche die früheren Geschlechter aus den Tiefen ihres Geistes, aus den Empfindungen ihrer Herzen und mit gewaltigen Kräften aufgebaut, wie werden wir begeistert, wie steigert sich unsre Bewunderung, welche große Eindrücke empfangen wir! Dennoch gewahren wir ringsum die Trümmer dessen, was in Ruinen verfallen und bald von der Oberfläche verschwinden wird. Da treibt uns das Leben hinaus und vorwärts. Wir können der Strömung nicht widerstehen und wie Welle nach Welle sich drängt, eilen wir weiter und weiter durch unabsehbare Fluren, und je weiter wir gelangen, desto unabsehbarer öffnet sich die Aussicht. Sind wir glücklich burc^ ] die Strudel gedrungen, die uns in die Tiefe hinunterziehen wollten, vor den Klippen vorübergekommen, ohne an ihnen zu scheitern, vor den Untiefen, auf welchen wir stecken bleiben konnten, so steigt in uns das Bedürfniß nach einer Ruhestätte auf, auf der wir rasten könnten; wir blicken zurück auf das hohe Gebirge und dessen üppige Thäler, die wir verlassen haben,schauen über die unbegrenzte Ebene, in welcher unsere Wallfahrt sich ergeht. Wir gelangen zu neuen Wohnstätten, die uns behaglich anmnthen, und glauben uns darin sicher und wohlig. Dann aber kommen Stürme und Winter, und wir gewahren, daß das Dach schlecht gefügt, bie Wände leicht gezimmert sind, das Fundament feucht und schwankend ist. Weithin sind unterdeß die Forscher und Arbeiter gezogen und haben einen neuen Grundausgesucht, wo sie abermals neues Bauwerk aufrichten, Ruhe und Sicherheit versprechend, und rufen die Zurückgebliebenen laut herbei, selbst mit Scheltworten. Sollen wir ihnen Nachfolgen? Wird uns daselbst Besseres, fester Gegründetes erwarten? Dies ist ein Bild des Dilemma, in welches der neuere Mensch versetzt ist, und in dem er sich nach Rath umsieht. Er fühlt sich nicht mehr heimisch auf den Stätten seiner Vorfahren und noch weniger heimisch auf den neuen, welche seine Zeitgenossen und noch eifriger das junge Geschlecht bereiten. Führt doch der Pfad des Lebens durch Wüsten, in welchen oft genug Hunger und Durst ihn ereilen oder die Fata Morgana vom rechten Wege verlockt . . . Und doch liegt der gute Rath recht nahe. Wenn du, sei es aus eigenem Gelüste, aus dem Bedürfniß, die frische freie Luft zu athmen, sei es weil das Leben und seine Verhältnisse dich 36