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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-08-30 · Heft 35 (30.8.1888) · p. Seite 557

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 35 (30.8.1888)
Date
1888-08-30
Page
Seite 557 (sequence 13)
Language
German
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557 durch sie auch nicht geringe Schwierigkeiten in mancherlei Privatvcrhältnisse kommen, das Volk fühlte, daß erst durch diese» Act Brasilien in die Reihe der Culturvölker wirklich trete, und glaubt, einen neuen Aufschwung des nationalen! Geistes und selbst in Handel und Industrie erblicken zu dür-! fcn. Ich landete deshalb mit frohen Gefühlen an dieserj herrlichen Küste. Es war mir dieser Beschluß zugleich ein! Beweis, daß die alte portugiesische Intoleranz und Aus-! schließlichkcit gewichen sei und in Zukunft jede Nationalität und Confession einen ungestörten Aufenthalt nehmen könne. Wie ich Ihnen versprochen, sah ich mich auch bald nach unseren Glaubensgenossen um. Es ward mir schwer, diesen oder jenen aufzufinden, den ich als solchen erkennen könnte und der sich auch dafür ausgab. Denn ihre Zahl ist noch sehr gering und soll in ganz Brasilien noch nicht ein Hundert erreichen. In solchem südlichen Lande fällt die jüdische! Physiognomie nicht in die Augen; der Ausländer nimmt die hierländische portugiesische Mundart an und folgt in der äußeren Erscheinung der Sitte des Landes. Auch wird Rio de Janeiro als ein bedeutender Handelsplatz von einem beträchtlichen Gemisch aller Nationalitäten besucht, in welchem sich der einzelne Jude verliert. Und vereinzelt sind in der Hauptstadt Brasiliens unsere Glaubensgenossen nicht blos der Zahl nach, sondern auch weil irgend eine Verbindung eine Gemeinschaft unter ihnen noch nicht existirt. Ich glaube nicht, daß die Regierung der Bildung einer jüdischen Gemeinde in den Weg treten würde; wahrscheinlich möchte sie aus Ansuchen das Terrain zu einem Friedhofe abgeben. Versuchen will ich cs, wenn ich bis dahin Local- und Personenkenntniß genug erlangt haben werde, für die hohen Feste eine gottesdienstliche Vereinigung zu Stande zu bringen. Den Ritus könnten wir nach der Mehrheit der Personen wählen; natürlich müßte man sich in die vorhandenen Mittel schicken. Ueberhaupt ist es auffallend, daß Rio de Janeiro und die cultivirteren Landschaften nicht von einer größeren Anzahl unserer Glaubensgenossen zur Ansiedelung gewählt werden, da sie doch für Handel und Industrie noch einen tveitcn Spielraum gewähren und für tüchtige Kräfte einen fruchtbaren Boden verheißen. Sicher ist es, daß — wie ich auch in Spanien gefunden — der katholische Fanatismus in einem großen Theile des Volkes verschwunden ist und die Bigotterie sich immer mehr verliert. Hierauf tvollte ich besonders aufmerksam machen. Allerdings müssen die Einwanderer einiges Vermögen und die geistige Kraft mitbringen, bald in die obwaltenden Verhältnisse Einsicht zu erlangen und Bedürfniß sowie den Weg der Befriedigung zu erkennen. Geivandtheit, Besonnenheit, Mäßigkeit und Fleiß werden dann zu den besten Zielen führen. — Wir fügen obiger Correspondenz folgende Mittheilung hinzu: Aus Brasilien kommt die Nachricht von einem wichtigen geistigen Fortschritt. Der Senat und die Deputirtenkammcr haben nämlich ein Gesetz angenommen, das allen Religionsgemeinschaften im Kaiserreiche die freie Ausübung ihres Cultus gewährleistet, mit der einzigen Beschränkung, daß diejenigen gesetzlich verfolgt werden, die beim Gebrauche dieser Freiheit sich irgend eines Vergehens schuldig machen. Der Art. 5 der Verfassung, der die katholische Kirche zur Staatskirche erklärt, wird dadurch nicht aufgehobcn. Aber obgleich dieser Artikel nicht gehindert hat, daß die Nichtkatholiken alle politischen Rechte der Staatsbürger erlangten, zu allen öffentlichen Aemtern zugclassen werden und für alle Mandate wählbar sind, so enthält er doch eine vieldeutige Nebenbestinimnng. Diese besagt, daß die Gotteshäuser der Nichtkathvliken nicht die Kennzeichen von Kirchen tragen dürfe». Darauf gestützt, versuchte im vorigen Jahre der Polzeiverwalter zu Santa Maria da Bassa da Monto den Bau eines Thurmes an der dortigen protestantischen Kirche zu verbieten. Die Sache machte sehr unliebsames Aufsehen, und zur Sühne wurde der Delegado abgesetzt. Solchen und ähnlichen Scherereien, wie z. B. der Wegnahme evangelischer Bibelübersetzungen, die von Colportenren vertrieben werden, in der Zukunft einen Riegel vorzuschiebeu, ist die Absicht des vorerwähnten Gesetzes. Bonn, 26. August. (Notizen.) Aus Pest wird uns geschrieben: Die hiesige autor. orthodoxe Gemeinde hat den Rabbiner Lazar Löwy aus Ungvar zu ihrem Rabbiner gewählt. — Die neuerbaute Synagoge in Gran wird anr 21. d. M. eingcweiht. — Man schreibt aus Mainz, 21. Aug.: Auf dem Friedhof zu Budenheim wurde gestern Nachmittag behufs gerichtlicher Feststellung der Todesumstände die Leiche des jungen Mannes wieder ausgegraben, welche vor einigen Tagen dort gelandet >vurde. Der junge Manu gehörte einer wohlhabenden israelitischen Familie in der Nähe von Würzburg an und hatte sich hier in den Rhein gestürzt. Die Leiche wurde noch gestern Abend zur endgültigen Beerdigung nach Würzburg verbracht. Es gilt für festgestellt, daß der Verlebte geistesgestört gewesen ist. Dafür spricht, daß er vor seinem Tode sämmtliche Kleidungsstücke auszog und ins Wasser warf. In seinen aufgefischten Beinkleidern fand mau über 300 Mark an baarein Gelde. Bonn, 23. Aug. (Literarische Notizen.) Soeben erschien der 11. Band der vierten gänzlich umgearbeitctcn Auflage von „Meyer's Conversations-Lexicon" (Leipzig, bibliographisches Institut 1888), welcher von Luzula bis Nathanael reicht. Unsere Leser wissen, daß wir dieser und ähnlichen Erscheinungen eine nicht geringe Bedeutung beilegen, und zwar ganz besonders insofern sie bestimmte Ansichten über die betreffenden Gegenstände im großen Publicum verbreiten. Hierdurch werden nicht selten die Mei-

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