Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1888)
- Date
- 1888-08-30
- Page
- Seite 556 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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553 Trefort unverkennbare Verdienste erworben. Er hat trotz des heftigen Widersprrchs der Orthodoxen die Sanktion zur Errichtung und Eröffnung der ungarischen Landcs-Rabbinerschule von Sr. Majestät dem Könige erlangt und für diese Cultur- und Bildungsstätte während ihres zehnjährigen Bestehens stets ein lebhaftes Interesse gehegt. Noch wenige Monate vor seinein Tode hat er mit außerordentlichem Takte das jüdische Matrikularwesen geordnet und die Rabbiner in ihrer amtlichen Stellung gehoben. Andererseits darf man sich »ber nicht verhehlen, daß er es war, der die jüdischen Schüler der Gymnasien zum Schreiben an Sabbath- und Festtagen gewissermaßen gezwungen hat. Wohl trat er, der Schwager des edlen Eötvös, schon im Jahre 183b als zweiundzwanzigjähriger junger Mann, öffentlich und zwar in der Zeitschrift „Themis" für die Emancipation der Juden ein; einige Jahre schmähete er den Charakter der Juden, sodaß Leopold Löw in einem geharnischten Artikel in dieser Zeitung gegen ihn auftrat. Frankreich. Paris, 16. August. Die Arch. isr. theilcn ein Schreiben des Kriegsministers De Freycinet mit, und sehen dasselbe mit vielen Lobsprüchen als ein Zeichen großer Toleranz an. Es ist an den Präsidcinen des israelitischen Centralconsistorinms gerichtet, welches um die Befreiung der jüdischen Soldaten vom Dienste an den bevorstehenden Festtagen gebeten hatte. Die Antwort lautet: Geehrter Herr Präsident! Ich beeile mich, den Brief zu beantlvorten, mit welchem Sie mich am 27. Juli beehrten, um zu bewirken, daß den jüdischen Soldaten die Erlaubniß ertheilt werde, ihre religiösen Feste in diesem Jahre zu feiern: 1) Am 5. bis 8. September Abends; 2) Am 14. bis 16. September Morgens. Ich ikrtheile die nöthigen Instructionen, damit Ihre Glaubensgenossen, die unter den Fahnen stehen, an diesen Taten in möglichst weitem Umfange hinsichtlich der Erfüllung ihrer religiösen Pflichten so viel Urlaub erhalten, wie sich mit den Dienstforderungen und ihrer militärischen Instruction verträgt. Empfangen Sie, geehrter Herr Präsident, die Versicherung meiner besonderen Achtung. De Freycinet. (Wir finden hierin nichts Besonderes; auch in Deutschland erhalten auf betreffende Gesuche die Soldaten jüdischer Religion zur Feier der Feste deu nöthigen Urlaub, sobald nicht gerade die großen Manövers eingetreten sind.) Nordamerika. NcwrUork, 1. August. (Privatmitth.) Es iverden tvohl mehrerere Generationen vergehen müssen, ehe die überaus zahlreichen und immcr mehr anwachsenden Einwanderer jüdisch-polnischer und russischer Nationalität sich in das hiesige Land und Volk eingesügt haben werden. Theils aus ihrer Natur heraus, theils nach ihren eigenthümlichen Verhältnissen sondern sie sich selbst von ihren Glaubensgenossen ab. bilden eigene Gemeinden, errichten sich eigene Gebethäuser und stellen Rabbiner und Borbeter an, die ihrer Gewohnheit und ihrem Bedarf genügen. So verewigt sich auch in ihrer Mittte ihr Jargon, den die Rabbiner in ihren Reden und Ansprachen verwenden. Hierdurch kommt es denn auch, daß die hiesige Bevölkerung sie von ihren hier ansässigen Glaubensgenossen unterscheidet und nicht gerade mit freundlichen und achtungsvollen Augen sie ansieht. Wir hoffe», daß dies im Allgemeinen keine antisemitischen Gesinnungen wecken werde. Da sie die reformirten Synagogen, welche hier zu Lande die große Mehrheit bilden, für verwerflich und abgefallen betrachten, und in den orthodoxen Bethäusern der englischamerikanischen Juden einen anderen Ritus und andere Gebräuche finden, als die ihrigen, fft es allerdings natürlich, daß sie in gottesdienstlicher Beziehung ihre eigenen Wege gehen, und es ist nur zu bedauern, daß sie dadurch in ihrer Sonderstellung erhalten werden. Auffälliger ist es, daß sie sich auch in Beziehung der wohllhätigen Anstalten und Vereine fernhalten, während sie doch dieselbe», so weit sie selbst bedürftig sind und noch darüber hinaus, gar zu sehr in Anspruch nehmen, wobei man auf Bescheidenheit und Dankbarkeit nicht zu rechnen hat. Jndeß wirkt doch das Leben und dessen Mannigfaltigkeit nach und nach auch auf diese etwas harten Körper, und zwar dadurch am meisten, weil cs keinen Ausschluß und keine Absonderung kennt. Es gilt daher, die Zeit der Umgestaltung abzuwarten. Aegypten. Alexandrien, im August. Allhier ist der Oberrabbiner der israelitischen Gemeinde Mo'ise Pardo im Alter von 80 Jahren verschieden. Seine Bestattung nahm den Charakter eines öffentlichen Ereignisses an, denn nicht allein waren alle Nationalitäten dabei vertreten, sondern auch der Khedive ließ sich durch einen Adjutanten vertreten und der Gouverneur der Stadt Osman Orphi Pascha und andere Notabilitäten wohnten derselben bei. Eine katholische italienische Gesellschaft hatte eine Deputation mit ihrem Banner gesandt. Brasilien. Rio de Janeiro, 15. Juli. (Privatmitth.) Als ich in den wunderbar schönen Hafen Rio de Janeiro's einfuhr, war es zu einer glücklichen Stunde. Soeben hatten die brasilianischen Kammern auf den Antrag der Regierung die sofortige und unbedingte Befreiung der Sklaven votirt. Mögen