Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1888)
- Date
- 1888-08-30
- Page
- Seite 555 (sequence 11)
- Language
- German
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555 Oesterreich-Ungarn. Wien, 20. August. Schönerer hatte sich mit der Hoffnung auf Begnadigung oder Strafmilderung getragen — damit ist es nun nichts, und je lärmender seine Anhängerschaar aufgetreten — das wird sich bald verlaufen — desto weniger kann die Regierung nachgeben. Die desfallsigen Depeschen lauten: — Vom 19ten. Schönerer traf Abends halb 9 Uhr mit der Franz-Josephsbahn ein, um morgen seine Kerkerstrafe anzutreten. Da durch Schönerer's Organ das Eintreffen bekannt geworden, sammelten sich vor dem Bahnhofsgebäude weit über 3000 Menschen an. Ein starkes Aufgebot von Wachen zu Pferd und zu Fuß zerstreute die Menge, welche in die Seitengassen zurückgedrängt wurde. Als Schönerer mit seiner Gattin in geschloffenem Wagen den Bahnhofsplatz passirte, entstand eine ohrenzerreißende Demonstration. Elf Arretirungen wurden vorgenommen. Im Absteigequartier Schönerer's erwarteten ihn 200 Anhänger, die ihn mit Hochrufen empfingen. Dreißig berittene Wachmänner folgten unmittelbar Schönerer's Wagen vom Bahnhof ins Hotel. — Vom 20sten. Zeitlich früh umstand eine große Menschenmenge sowol das Hotel „Ente", wo Schönerer übernachtete, als auch das Landgerichtsgebäude. Zahlreiche Wachen waren aufgeboten. Vor 10 Uhr fuhr Schönerer mit Frau im Fiaker vom Hotel über die Ringstraße ins Gerichtsgebäude. Bei der Abfahrt und während der Fahrt wurde Schönerer lebhaft von seinen Anhängern, welche die Hüte abnahmen, begrüßt. Nach zehn Uhr traf er im Landesgericht ein, woselbst ein großer Platz vor dem Gebäude früher von der Wache gesäubert worden war, wobei einige Verhaftungen erfolgten. Schönerer ging in die Aufnahmskanzlei, wo er vom Vorsitzenden Holzinger übernommen wurde. Nach Vornahme der Formalitäten wurde er in die Zelle abgeführt. Schönerer hatte sich bereits früher den Bart kurz scheeren lassen. In der Zelle mußte er Sträflingskleider anziehen, doch wurden ihm bezüglich der Wäsche und Schuhe Erleichterungen gewährt. Es wurden heute im Ganzen elf Personen wegen der Schönererexzesse verhaftet. Die „Voss. Ztg." bringt folgenden Bericht: „Die Antisemiten hatten gedacht, seinen Schmerzensgang zu einem Triumphzug zu mache». Von seinem Gute bis Wien sollten auf allen Bahnhöfen Deputationen den „Märtyrer" begrüßen. Im Rathe der Polizei war es jedoch anders beschlossen. Da das Vorhaben der Antisemiten ganz offen besprochen wurde, so hatte die Polizei Kenntniß davon und die Huldigungsdeputationen fanden die Bahnhöfe von Gendarmen besetzt, die sie zurückwiesen. Da auch der Wiener Bahnhof in Händen der Polizei war, so erfolgte Schönerers Einzug ohne Sang und Klang. Das Hotel, wo er mit seiner Frau Absteigequartier nahm, war bis spät in die Nacht von Schutzleuten umgeben; da es Sonntag war, sammelte sich gegen Abend eine große Menschenmenge in der Umgebung. Antisemiten brachten wiederholt Hochs auf Schönerer aus, die lautesten wurden dann verhaftet, die Ansammlungen auseinander getrieben. Schließlich wurde es still vor dem Hotel. Schönerer war bei Gericht eingekommen, ihn von der beim Eintritt in das Gefängniß üblichen Haar- und Bartschur zu befreien und ihm eigene Kleidung und Beköstigung zu gewähren. Da er keine Antwort erhielt, merkte er, was ihm bevorstand, und ließ sich selbst den Barr abnehmen und dem Haarschmuck gefängnißordnungsgemäße Form geben. Heute früh erfolgte die Fahrt zum Gefängniß, die auch jeder Poesie entbehrte. Wie uns ein eigener Drahtbericht meldet, umstanden viel Polizisten und wenig Publikum sowohl Schönerers Hotel als auch das Gerichtsgebäude. Schönerer fuhr unbedeckten Hauptes durch die Straßen und dankte mit Winken für die stummen Grüße seiner Anhänger. Seine Gattin saß neben ihm und weinte bitterlich. Als der Wagen vor dem Landgerichtsgebäude anlangte, umschloß ein Trupp berittener Sicherheitswache denselben und verhinderte jede weitere Kundgebung. Aus Schönerers Aeußerungen in den letzten Tagen zu schließen, werden wir seinerzeit erfahren, wie es ihm in den nächsten sechs Monaten ergangen sein wird, denn er hat der Regierung gedroht, einen ausführlichen Bericht über seine! Leiden im Gefängniß zu veröffentlichen. Wien, 21. August. Bei den Vorgängen, die sich gestern abspielten, als Schönerer behufs Strafantrittes vom Hotel „Zur goldenen Ente" nach dem Landesgerichte fuhr, sind im Ganzen 19 Personen theils wegen Widersetzlichkeit gegen die Wache, theils wegen demonstrativer Rufe arretirt worden. Unter den Verhafteten befinden sich einige Studenten, mehrere Geschäftsleute, darunter ein Kaufmann aus der Innern Stadt, mehrere Handwerker und ein Mitglied einer Gemeindevertretung in Niederösterreich. Die Arretirtcn wurden in das Polizeikommissariat der Innern Stadt gestellt und von hier nach Konstatirung der Identität und Aufnahme eines Protokolls dem Strafrichter vorgeführt. Nachdem die Schuld sämmtlicher zweifellos erwiesen war, wurden jene, welche demonstrative Rufe ausgebracht hatten, zu Arreststrafen in der Dauer von einem bis zu fünf Tagen verurtheilt; jene, die sich Widersetzlichkeiten gegen die Wache hatten zu Schulden kommen lassen, zu Geldstrafen in der Höhe von 5 fl. verurtheilt. Alle Verhafteten wurden darauf entlassen. Ein gleicher Vorgang wurde auch bei jenen 11 Individuen beobachtet, die Sonntag Abends arretirt wurden. Pest, den 22. August. (Privatmitth.) August Trefort, der ungarische Cultus- und Unterrichts-Minister, ist heute gestorben. Um die Cultur der ungarischen Juden hat sich 35*