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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-08-30 · Heft 35 (30.8.1888) · p. Seite 553

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 35 (30.8.1888)
Date
1888-08-30
Page
Seite 553 (sequence 9)
Language
German
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553 Förster, in welchem mit dankenswerther Offenheit zugestanden [ wird, daß es sich um eine Art Probemobilmachung handelt, und daß, wenn der Candidat der Radau-Antisemiten eine größere Stimmenzahl erringen sollte, die gesammten Conservativen für denselben eintreten würden. Das Flugblatt ist so albern wie nur denkbar, sein Inhalt so schlecht, wie das Bild auf demselben. Angenagelt zu werden verdient nur der Schluß, in welchem klar ausgesprochen wird, daß die politischen Gegner schlimmer sind, als die französischen Feinde, gegen welche Dr. Förster s. Z. gekämpft. (Pfui! Pfui!) Das ist eine so brutale Niederträchtigkeit, wie sie von Socialdemokraten nie geleistet worden ist. Das wagt man einem Theil der Bevölkerung ins Gesicht zu schleudern, dessen Brust ebenso gut mit dem Eisernen Kreuz geschmückt ist, das wagt man zu einer Zeit, wo wir nur zu oft daran erinnert werden, daß jeder Deutsche in jedem Augenblick wieder Gut und Blut zur Bertheidigung des Vaterlandes hinzugeben hat! (Beifall.) In solcher Weise schließt ein Flugblatt zu Ehren eines höheren Staatsbeamten und Oberlehrers an einer königlichen Schule, das duldet ein Mann, der vom Staate eingesetzt ist als Lehrer der Jugend, der die Jugend erziehen soll zur Vaterlandsliebe und Achtung vor den Bürgern ohne Unterschied der Confession. Da wird mau allerdings aufs Neue erinnert an das Wort uusers verewigten Kaisers Friedrich: Ein solch' verwerfliches Treiben ist eine Schmach für Deutschland! (Stürmischer Beifall.) Mit solchen Dingen hofft man der conservativen Partei in Berlin zum Siege zu verhelfen! Wie tief muß eine Partei gesunken sein, wenn sie zu solchen Mitteln greifen muß! (Sehr wahr!)" — Berlin, 24. August. Ein Brief Chamisso's über eine auch unsere Zeit markirende schmachvolle Bewegung wird gelegentlich des 50. Todestages des großen und edlen Dichters in Berliner Blättern veröffentlicht. Chamisso liebte und verehrte alle seine Freunde, aber mit wahrer Kindesliebe hing er an einem alten jüdischen Gelehrten. Als die Freundschaft durch den unerbittlichen Tod zerrissen wurde, da war Chamisso untröstlich, und als ein Freund ihn mit Vorwürfen überhäufte, wie er um des alten Juden willen in einer so jänimerlichen Gemüthsverfaffung verbleiben könne, da antwortete Chamisso mit folgendem in dem s. Z. veröffentlichten Briefwechsel Chamisso's enthaltenen Schreiben: „Mein verblendeter, christlicher Freund! Deine Gesinnung über das jüdische Volk beleidigt mich, weil sie ungerecht ist. Dein Urtheil über die Juden entrüstet mich, — weil es unwürdig aller menschlichen Auffassung ist. — Was trennt uns denn so viel von den Israeliten? Nichts! Es ist endlich nöthig, daß wir uns mit den Inden versöhnen; ihre Gleichberechtigung ist ein später Ersatz für Alles, was sie gelitten, — ein heiliges Zeugniß ihrer langen Geduld, — ihrer tadellosen Liebe zum Gesetze. Die israelitische Religion besteht nicht nur aus Anstand, Schicklichkeit, Ehrgefühl und Beachtung der Meinung Anderer, nein, die frommen Israeliten sind wahre Priester; unsere christlichen Priester haben aber dafür Sorge getragen, daß die Israeliten in den Augen der Christenheit und des Gesetzes ein Abscheu waren. Wehe über dieses Treiben! Wenn cs Jemand in der Welt übel geht, so ist eine Unze Hülfe besser, als ein Pfund Predigt. Wer hat den Israeliten geholfen? Niemand! — Siehe, mein Freund, ich bin ein Mann der Ueberzeugung, ich habe die Israeliten kennen gelernt, im Schooße ihrer Häuslichkeit, in der Stunde meiner Mühsal und Heimsuchung — am Sterbebett, — ja, da findet man Christ und Jude selten neben einander — und, wenn man sie doch da findet, so find sie auf ewig versöhnt! — Meine Vorurtheile find verschwunden, ich liebe die Israeliten als meine Mitmenschen — und wer Das nicht kann, der kann nur Schmach über das Christenthum bringen." Hamburg, 19. August. (Privatmitth.) Der „Hambnrgische Correspondent", ein Blatt, das heute in seinem 158. Jahrgange steht, halbofficiellen Charakter hat und neben dem ebenfalls den Antisemitismus kräftig bekämpfenden „Hamburger Fremdeublatt" auf hiesigem Platze wohl das vornehmste Blatt ist, wendet sich in folgender treffender Weise gegen drei obskure Ritter ü tu Schönerer, welche den Versuch wagen, hier einen antisemitischen Verein ins Leben z» rufen. Es heißt da: „Ein sogenannter Deutscher (antisemitischer) Verein! Wir haben Einsicht genommen in eine gedruckte Aufforderung, einem sogen. „Deutschen Verein" beizntreten, dessen Statuten gleichzeitig mitgetheilt werden. In § 1 dieser Statuten wird der Zweck des Vereins dahin kundgegeben, daß es sich um eine „Pflege deutschen Geistes und deutscher Sitte, sowie um die Bekämpfung aller dem deutschen Volkswohl schädlichen Einwirkungen" handle. Dagegen würde sich nichts eimvenden lassen. Auch biete» die folgenden Paragraphen, in welchen erläutert wird, wie dieser Zweck erreicht werden soll, nichts Anstößiges. Wirft man aber einen Blick auf das die Statuten begleitende Schreiben, so erkennt man sofort, daß es sich hier um nichts als um die nackte antisemitische Agitation handelt, an die sich noch außerdem dieser oder jener Nebenzweck zu knüpfen scheint. Noch deutlicher tritt dies in der „vertraulichen" Anlage hervor, welche die Frage zu beantworten sucht, ob „das Semitenthum den Deutschen schädlich ist". Die flugblattartige Anlage ist indessen so dillettantenhast abgefaßt, daß sie gegen die nicht ungeschickt redigirtcn Statuten merkivürdig absticht. Geradezu einfältig ist cs, den Juden, die das deutsche Bürgerrecht besitzen, ihre Eigenschaft als Deutsche absprechen zu wolle». Auch im Nebrigen ist die Auseinandersetzung jedes höheren Gefichts- 35

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