Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1888)
- Date
- 1888-08-30
- Page
- Seite 552 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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552 Wohl aber glauben wir das Recht zu haben, jeden jüdischen Wähler darauf aufmerksam zu machen, daß er sich den Candidaten wohl ansehe, dem er seine Stimme gebe, wie derselbe gegenüber dem Principe der Gleichstellung zu handeln gesonnen sei. Wir wiederholen, cs betrifft dies durchaus nicht blos ein specifisch jüdisches Interesse, sondern das das ganze Staatsleben begründende Fundament, aus dessen Zerstörung die zersetzendsten Wirkungen für das Vaterland hervorgehen würden. Und dann, giebt dieses eine Factum nicht die ganze Richtung an, in welche das Staatsschiff getrieben werden würde, eine Strömung, in der so viele Klippen und Untiefen ihn droheten? Das Moment, um welches es sich bei den letzten Reichstagswahlen vorzugsweise handelte, oder ein ähnliches besteht bei den nächsten Wahlen nicht. Es ist eine völlig andere Situation, in welche wir gcrathen sind und in welcher es die Pflicht des Volkes ist, die Dircctive anzugeben, in welcher es geleitet sein möchte. Wenn also vor de» vorigen Wahlen einige angesehene jüdische Männer die Meinung äußerten, daß die Juden um des patriotischen Zweckes willen selbst Antisemiten wählen müßten, so fällt ein solches Motiv diesmal ganz hinweg, und möchte gerade der echte Patriotismus einen solchen Weg für eine gänzliche Verirrung erachten lassen. — Wir hielten einen solchen Ueberblick gerade in diesen Tagen für paffend. Wenn die Religion mit den Festen, in die wir eintreten, alle Gefühle unseres Herzens anregcn und unsere Blicke aus der nächsten Vergangenheit in die nächste Zukunft richten will: so kann auch die innige Vaterlandsliebe nicht unberührt und der Erwägung dessen, was dem Vatcrlandc bevorstehe, nicht fern bleiben. Deutschland. Berlin, 22. August. (Privatmitth.) Wohl zu keiner Zeit hat, seitdem Preußen und das deutsche Reich Parlamente haben, das Staatsrudcr mit solcher Wucht in den Händen des Fürsten Bismarck gelegen, wie gegenwärtig, da die verschiedenen Parteien dieser gesetzgeberischen Körper dermaßen zersplittert sind, daß die Majorität sich nach den Wünschen und Absichten des Reichskanzlers aus ihnen zusammenfindet. Um so wichtiger ist es auch für uns, die Richtung zu erfahren oder voraussetzen zu dürfen, nach welcher seine Intentionen hinzielen. Die Conservativen haben uns offen den Krieg erklärt, indem sie unumwunden in ihrem Programm die Beseitigung der Gleichberechtigung als einen ihrer Hanptartikel aufstellten. Auch ist es nicht zu verkennen, daß diese Partei jüngst einen Ton angeschlagen, wie wenn sie sich in der gegenwärtigen Conjektur als Sieger fühlte, um die Güter und Aemter des Staates nach ihrem Belieben vertheilen, Rechte und Vorrechte gewähren könnte. Um so willkommener ist es, daß das Organ des Reichskanzlers, die „Rordd. A. Zeit." den Wortführern jener, der „Kreuzzeitnng" und dem „Reichsboteu", mit Nachdruck einen starken Dämpfer aufsetzt. In einem Artikel der N. A. Z. werden die Conservative» an „den Bruch mit der Regierung des Kaisers" in jener Zeit, welche man „die zehnjährige liberale Aera der 70er Jahre" nennt, erinnert, an die damalige „Kriegserklärung der Conservativen gegen den Reichskanzler", au ihre „leidenschaftlichen Berläuindungen der Person des Reichskanzlers". Auch damals verlangten sie „die Unterwerfung der Regierung unter ihrem Fraktionswillen". Die Regierung aber drängte die Partei zurück und suchte durch Kompromisse mit den liberalen Parteien das neugeschaffene Reich zu gestalten und zu consolidircn. Hiermit sind die Conservativen, welche in jener Zeit, als sie frondirten, sehr zusammengeschmolzen, in ihre Schranken zurückgetviesen und wird ihnen deutlich gemacht, daß ihr Programm in den Augen der Regierung von keiner Bedeutung ist, da diese die parlamentarischen Mittel in Händen habe, um die Gelüste der Conservativen, Preußen und Deutschland zu beherrschen, zurückzuweisen. Sie werden sich dies merken und wohl mit Anträgen zurückhalten, die sie doch nicht durchzusetzen vermögen und die sie stark compromittiren würden. Berlin, 23. August. Am 21. d. Abends fand eine Wählerversammlung der freisinnigen Partei für den 6. Berliner Reichstagswahlkreis statt, in welcher der Abg. Eugen Richter eine l1/2 fiüitbige Rede hielt. Nachdem er sehr überzeugend gegen die Socialdemokraten gesprochen, wandte er sich gegen die conservative Partei, die seit 10 Jahren sich sehr verändert habe. Er sagte hier unter Anderm: „Vor zehn Jahren existirte auch der Antisemitismus noch nicht, heute gehört der Antisemitismus zum Wesen der conservativen Partei, und es besteht nur eine kleine Farbenverschiedenheit zwischen den verschämten und den weniger verschämten Antisemiten. Das aber verdient immer deutlicher ausgesprochen zu werden: Der Antisemitismus ist viel verwerflicher als die Socialdemokratie, auch der letzte Socialdcmokrat steht höher, als der erste Antisemit! (Beifall.) Charakteristisch ist das neueste antisemitische Flugblatt zu Ehren des Herrn Di-.