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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-08-30 · Heft 35 (30.8.1888) · p. Seite 551

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 35 (30.8.1888)
Date
1888-08-30
Page
Seite 551 (sequence 7)
Language
German
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551 die Absicht der Nationalliberalen, und der Grund, aus welchem sie sich mit den Conservativen verbinden. Als dies vor den letzten Reichstagswahlen zum ersten Male geschah, hatte man ein patriotisches Motiv zu betonen. Man wollte die Gegner des Septennats, also der siebenjährigen Dauer des vermehrten Militärstandes beseitigen. Jetzt liegt ein solcher nicht vor; die Fragen, um die es sich in nächster Zeit handeln wird, sind nicht einmal bekannt. Man kann hier also nichts als strategische Parteigründe auffinden. Gelingen diese Manöver, so fragt es sich für uns: werden die Conservativen, wenn sie die Beseitigung der Gleichberechtigung beantragen — wie sie es 1856 thaten — einen Erfolg erzielen? Vorausbemerken müssen wir, daß dergleichen Anträge im preußischen Abgeordnetenhause darum nicht am Platze wären, weil das Reichsgesetz die Gleichberechtigung verbürgt. Es könnten solche Versuche also lediglich im Reichstage ein Resultat haben, und in diesem ist dasselbe fraglicher als im preußischen Landtage. Hier steuern doch zu der Mitgliederzahl die anderen deutschen Staaten ihr Contingent, in welchen sich bis jetzt antisemitische Gelüste durchaus nicht geäußert haben. Was die Nationalliberalen betrifft, so glauben wir, daß der rechte Flügel derselben den Conservativen in dieser Frage keinen großen Widerstand leisten, dagegen der linke Flügel entschieden dagegen ankämpfen werde. Das Centrum wird die Gleichstellung vertheidigen, wie sich hierüber die bisherigen Führer desselben, Windthorst und Reichensperger, letzterer schon 1856, geäußert haben. So lange das Steuer unseres Staates in den Händen des Fürsten Bismarck ist, wird er einer principiellen Beseitigung der Gleichberechtigung entgegentreten. Nach der Erklärung, die er im Berliner Congreß vor dem Angesichte, von ganz Europa abgegeben, ist es unmöglich, daß seine Regierung in derartige Maßregeln eiuwilligen könne. Die Lage der Dinge wird aus einer kundigen Feder in der Wochenschrift „Nation" folgendermaßen gezeichnet: „Preußen und Deutschland sind im Beginn einer ganz neuen Epoche der Geschichte. Die Männer, welche lange Zeit an seiner Spitze gestanden haben, verschwinden einer nach dem andern, in kurzer Zeit wird Niemand von ihnen mehr übrig sein. Wer kann sagen, ob der letzte von ihnen, der Reichskanzler, Neigung hat, noch die ganze Zeit hindurch, für welche jetzt das Abgeordnetenhaus gewühlt werden wird, die durch die letzten Veränderungen nicht leichter gewordene Last der Regierung zu tragen? Gerade in den nächsten Jahren werden in Preußen und im Reiche die wichtigsten Dinge geschehen müssen. Sollte es da nicht auch denjenigen, welche bisher geglaubt haben, Alles dem Reichskanzler überlassen und eigenes Ueberlegen sich sparen zu können, an der Zeit zu sein scheinen, sich wieder an Selbständigkeit des Urtheils zu gewöhnen und Abgeordnete mit eigener Meinung zu wählen?" „Sollten nicht auch die gemäßigten Liberalen zu der Einsicht kommen, daß es allerhöchste Zeit ist, aus eigener Kraft dem immer stärker werdenden Ansturm der reactionären Mächte sich entgegenzustellen? Der Reichskanzler will oder kann es nicht, wie die Thatsachen beweisen. Ganz ungescheut und ungehindert wächst der Antisemitismus, blüht die Hetze gegen die Freimaurerei, gewinnt die protestantische Orthodoxie und der katholische Ultramontanismus im Leben, im Staate, in der Kirche und Schule Boden. Wem dies gefüllt, der mag weiter stillschweigen oder zujauchzen, aber die größte Menge der deutschen Nation billigt es keineswegs; sie hat es über sich ergehen lassen in der Hoffnung, daß es ohne ihr Zuthun bald anders werden würde. Aber schon wächst die Jugend in diese Zustände so hinein, daß sie dieselben natürlich und wünschenswerth findet und daß sie, wenn demnächst doch die unvermeidlichen Consequenzen unleidlich werden, nicht die Kraft hat, ihnen entgegenzutreten. Jedes Jahr des Aufschubes erschwert die Rückkehr zu andern Zuständen, und diese Landtagswahlen können leicht fünf Jahre lang eine willige Mehrheit zur Verfügung für legislatorische Maßregeln stellen, welche auch den gemäßigtesten Liberalen nicht zusagen. Eine ausreichende Bürgschaft dafür, daß diese Mehrheit sich nicht geltend machen würde, kann Niemand geben." Wie dem auch sei, eine wirklich begründete Befürchtung brauchen wir gegenwärtig noch nicht zu hegen. Trotz der zuverlässigen Haltung der „Krenzzeitung" ist es noch durchaus nicht sicher, daß die Conservativen Anträge auf Beseitigung der Gleichberechtigung stellen werden, wenn sie sich überzeugt halten, daß die Staatsregierung, das Centrum, ein großer Theil der Nationalliberalen, die Freisinnigen, die Socialdemokraten und die kleinen Fractionen ihnen in dieser Frage, an welcher sie alle so sehr betheiligt sind, entgegenstehen würden. Auslassungen von Zeitungen, selbst wenn sie als Organe der Parteien von großer Bedeutung sind, tragen doch meist viel Uebertreibendes in sich; sie sprechen die Wünsche der Partei, die Gesinnung derselben aus, ohne auf deren Können und die Schranken desselben Rücksicht zu nehmen. Es ist dies auch bei denjenigen Blättern der Fall, welche sich befleißigen, den jüdischen Lesern Furcht vor dem Antisemitismus einzuflößen und ihren Eifer für jene zu bekunden. Jedenfalls geht jedoch ans dieser ganzen Situation die große Wichtigkeit der bevorstehenden Landtags-und der späteren Reichstagswahlen hervor, die noch dazu diesmal auf die Dauer von fünf Jahren geschehen. — Wir haben an dieser Stelle keine Politik zu treiben und nicht zu frageir, welcher politischen Partei der jüdische Wähler sich zugeselle.

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