Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1888)
- Date
- 1888-08-30
- Page
- Seite 550 (sequence 6)
- Language
- German
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550 durch vertrauliches Circular die Directoren aller Schulen angewiesen, den Eintritt jüdischer Kinder in die Schulen so viel wie möglich zu verhindern, und zwar unter dem Verwände, daß zuerst die christliche Jugend untergebracht werden müsse. Ties konnte man nur gegen ueueintretende Zöglinge vollziehen, während eine sehr große Zahl jüdischer Kinder in den Lehranstalten vorhanden war. Bei den jüngsten Schulprüfungen nun erwiesen sich gerade die jüdischen Zöglinge fleißig, begabt und in ihren Fortschritten ausgezeichnet. Alle staatlichen Inspektoren mußten dies eiugestehen; die meisten derselben aber übergingen bei der Preisvertheiluug stillschweigend die jüdischen Kinder. Mehrere der Eltern wandten sich deshalb Beschwerde führend an den gegenwärtigen Unterrichtsminister, welcher die Angelegenheit untersuchte und Remedur schaffte: viele jüdische Schüler erhielten Preise. Dies ist doch wieder ein Schritt zur Besserung und weniger roichtig an sich, als die dadurch gegebene Gewißheit von dem humaneren und gerechteren Geiste des gegenwärtigen Ministeriums. Da durch die Wahlen das Land in großem Maße dieser neuen Regierung seine Zustimmung gewährt hat, wodurch der Sturz Bratiano's besiegelt worden, so kann man auf eine längere Dauer der ersteren rechnen. — Auch aus Ungarn können wir glücklicher Weise die gegenwärtig herrschende Stille von allen jenen antisemitischen Stürmen betonen, welche in diesem Lande so heftig gewnthet. Die meisten der Agitatoren dieses Landes sind in recht schmählicher Weise vom Schauplatz abgetreten, und ihre Wortführer haben im ungarischen Parlamente wohl lange Reden halten und diesen: viele Zeit kosten können, zu erreichen aber vermochten sie nicht das Geringste. So scheint sich auch hier die schmutzige Fluth wieder zu verliere!:. Dagegen schlägt diese noch immer heftige Wellen in: cisleithanischen Oesterreich, nicht sowohl unter Ezechen, Polen und Sloveuen, als vielmehr unter der deutsche:: Bevölkerung. Erklärlich ist dies aus dem hochgradigen Rationalhaß, der unter den Völkerschaften dieses Reiches wüthet und der bis jetzt die Deutschen in Nachtheil gebracht und aus der bisheriger: Oberherrschaft verdrängt; hat. Bekanntlich sucht Jeder, der sich zurückgesetzt fühlt, nach; einem Prügelknaben, und da Concurrenz- und Besitzneid dazu kommt, bietet sich zu diesem Zwecke als bequem eineiig gewissen Theile der deutsch-österreichischen Bevölkeruirg der! Jude dar. Jndeß hat jetzt die Staatsregierung mit ihren poli-! zeilichen und gerichtlichen Organen jeder antisemitischenDemon-; stration die Stirn gezeigt und unparteiisch bei allen Borj füllen die Antisemiten nach Gebühr behandelt. So ist denn * auch der Mann, in welchem sich der Wiener Antisemitismus verkörperte, nach seinen brutalen Handlungen verurtheilt und 1 dem Kerker übergeben worden. Unterdrückt ist hiermit die judenfeindliche Stimmung nicht, wohl aber den Handlangern Schönerer^ eine Lehre gegeben, die nicht fruchtlos bleiben' wird. Gesetzgeberisch konnte auch hier die antisemitische Fraction nichts ausrichten, und wem: dieselbe durch Handels¬ und Bank-Gesetze indireet den Juden einen Streich spielen wollte, kamen ihre Anträge, weil nicht durch die von der Geschäftsordnung geforderte Zahl von Mitgliedern unterstützt, nicht einmal zur Verhandlung. Wenden wir uns zum deutschen Reiche, insonders zu Preußen. Es wird uns von Berlin geschrieben: „Sie sprachen bei dem Regierungsantritte des sel. Friedrich III. und dessen Erlassen von einem „Lichtstrahl" (s. Leitartikel Nr. 13), der den Horizont des Vaterlandes durchleuchte. Der Ausdruck traf zu. Seitden: bat sich wieder eine trübere Stimmung verbreitet. Die Ungewißheit über die Richtung, welche die nächste Zukunft Anschlägen werde, drückt auf die Gemüther. Bald nach dem Tode des sel. Kaisers sind die Antisemiten wieder aus ihrem Versteck hervorgekommen und schlagen wieder die Lärmtronnnel. Sie Hallen wieder Versammlungen und Lobende Reden. Allerdings hält sich Stöcker davon zurück; aber die „Radau-Antisemiten" stellen sogar einen eigenen Candidaten in Dr. Förster für den 6. Reichstagswahlkreis Berlins unter de::: Proteetorat Liebermann von Sonnenberg's auf. Dies kann natürlich Niemanden erschrecken. Was aber wichtiger ist, die Conservativen, welche bis jetzt nur stillschweigend, wenn auch kenntlich genug, den Antisemitismus förderten, treten jetzt offen mit dem Programm hervor, auf gesetzgeberischem Wege die Gleichberechtigung der Juden zu beseitigen. Die Kreuzzeitung hat dies, nicht bloß in ihren Hetzartikeln, sondern in dem gewissermaßen officiell für ihre Partei ausgesprochenen Programm als einen bestimmten Artikel aufgestellt und von keiner eonservativen Seite aus Widerspruch erfahren. Dies ist eine Thatsache, die sicherlich nicht zu unterschätzen ist, und zwar weil diese eonservative Partei eine immer breitere Stellung in unserem Staatswesen und in den gesetzgeberischen Körperschaften einnimmt. Es versteht sich, daß der antisemitische Theil dieser Vorgänge für unser Vaterland nicht der allein gefährliche ist, sondern für die gai:ze innere Entwickelung unseres Staatslebens die größte Wichtigkeit hat. In dieser conservativen Partei haben die Interessen der großen Grundbesitzer, der zelotischen Orthodoxie und der aristokratischen Herrschaft die vorwiegende Geltung, ja bilden das Ziel für die ganze Partei. Hieraus kann Jedermann die große Bedeutung dieser Vorgänge ermessen. Was aber der Sache noch niehr Gewicht beilegt, ist, daß die Nationalliberalen sich abermals zu einem Cartell mit den Conservativen Verbünde!: haben. Hierdurch ist der Besitzstand der Conservativen in: preußischen Abgeorduetenhause nicht allein gesichert, sondern auch wird er nach den bisherigen Erfahrungen auf diesem Wege vergrößert. Man strebt mit aller Macht, die Deutschfreisinnigen aus ihren Sitzen zu verdrängen, und dies ist