Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1888)
- Date
- 1888-08-30
- Page
- Seite 549 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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549 schrieben, nicht vom Brode allein lebet der Mensch, sondern von jeglichem Worte, das aus dem Munde Gottes hervorgeht" (5. Mos. 8, 3). Alsdann stellt ihn der Teufel auf die Zinne des Tempels und sagt zu ihm: „Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben: Seinen Engeln wird er gebieten deinethalben, und auf den Händen werden sie dich tragen, daß du nicht stoßest an Steine deinen Fuß" (Ps. 91, 11, 12). Und Jesus antwortet ihm-. „Wiederum steht auch geschrieben: Du sollst nicht versuchen den Herrn deinen Gott" (5. Mos. 6, 16). Dies ist doch sicher midraschisch. Gerade die angeführten Schriftstellen werden zu ähnlichen Zwecken im Midrasch verwendet. Schon aus diesen Beispielen wird Jedem einleuchten, einerseits die Abhängigkeit der neutestamentlichen Autoren von unsrer h. Schrift, andrerseits, daß wir es hier mit der Methode und Tendenz der Halacha, noch vielmehr aber des Midrasch zu thun haben. Auf welcher Seite hier Original oder Nachahmung, oder vielmehr Aneignung der obwaltenden Methode ist, kann nicht zweifelhaft sein, da, wie wir schon bemerkt, diese trabitionetle Auslegungsweise schon Jahrhunderte alt war. Um aber hierüber ein ganz unparteiisches Urtheil auzuführen, fügen wir aus dem verdienstvollen Werke, welches sich jedoch vorzugsweise mit den, in den Evangelien gebrauchten Worten und Phrasen beschäftigt: „Neue Beiträge zur Erläuterung der Evangelien aus Talmud und Midrasch von Di'. August Wünsche" (Göttingen, Vandeuhoeck, 1878) hinzu, also einen Ausspruch eines christlichen Theologen. Er sagt: „Wenn auch erwiesenermaßen die Redaction des Talmud und Midrasch mehrere Jahrhunderte später fällt als die Aufzeichnung der Evangelien, so waren doch eine große Anzahl der darin behandelten Materien und niedergelegten Gedanken unter den Gelehrten und zum Theil auch unter dem Bolke um vieles früher gang und gäbe. Das Niederschreiben wäre vielleicht gar nicht erfolgt, wenn nian nicht befürchtet hätte, die Dinge könnten in der Diaspora in Vergessenheit geratheu. Wenn dann und wann behauptet worden ist, das zwischen den neutestamentlichen Urkunden, speciell den Evangelien und dem Talmud und Midrasch bestehende verwandtschaftliche Verhältniß beruhe auf einer Entlehnung oder Beeinflussung der letzteren durch erstere, so ist das sicherlich nicht richtig. Nach unsrem Dafürhalten sind die ueutestamentlichen Urkunden an den talmudischen Weisen der beiden ersten Jahrhundeete fast spurlos vorübergegangen. Nur unter den Aussprüchen der Gelehrten des dritten und vierten' Jahrhunderts finden sich einige, welche auf eine Bekanntschaft! der Evangelien hindeuten, da sie den Stempel der Polemik an der Stirn tragen/' | Die Lage. Wenn wir die gegenwärtige Stellung unserer Glaubensgenossen in den civilisirteu Ländern erwägen, so zeigt es sich uns, daß trotz aller Wühlereien des Antisemitismus dieselbe wesentlich sich nicht verändert hat. In Großbritannien sehen wir einen Israeliten im Ministerium und als Vorsitzenden des internationalen Zuckerprämien-Congresses, einen anderen in der Peerskammer, mehrere im Unterhause, einen Lordmayor u. s. w. In Frankreich nahm der Antisemitismus eine Zeitlang unter den Tagesfragen einen ziemlich breiten Raum ein; aber weder in der staatlichen Hierarchie noch in der Gesellschaft wurde hierdurch eine Veränderung hervorgebracht. Gewiß bemerkenswerth ist es, daß in der französischen Armee eine Anzahl Männer jüdischer Religion höhere Aemter bekleiden, welche das numerische Verhältniß der jüdischen Bevölkerung weit übertrifft. Daß diese Militärs in hohem Grade brauchbar sich erweisen, bezeugen zwei Beispiele in den letzten Tagen. Der Divisionsgeneral Lambert, der eine Zeit lang die französischen Truppen in Tunis commandirte, dann Platzcommandant in Paris war, ist jetz auch mit dem Vorsitz des technischen Comites der Gensdarmerie betraut worden; ebenso wurde der Divisionsgeneral Levy, Gouverneur von Lille, zum Mitgliede des technischen Comite's des Genies ernannt, und der Oberstlieutenant der Marine-Artillerie Cerf wurde zum Befehlshaber der Truppen in Madagaskar, einem sehr schwierigen und wichtigen Posten, bestimmt. Holland, Belgien und Italien brauchen wir hier nicht zu erwähnen, auch nicht die skandinavischen Reiche, in welchen allen der Antisemitismus keinen Boden gefunden. In Rußland und Rumänien können wir augenblicklich einen Stillstand jener Verfolgungen verzeichnen, welche daselbst unsere Glaubensgenossenschaft so tief gebeugt, so schwer verwundet haben. Scheinen doch im großen Czarenreiche einige Erleichterungen einzutreten, während allerdings die Ausweisung ausländischer Juden, namentlich österreichischer, türkischer und persischer, immer stärker ausgeführt wird, welches Loos jedoch auch sehr viele Deutsche christlicher Religion trifft. Der Ministerwechsel in Rumänien läßt die dortigen Inden wieder aufathmen. Ihr unermüdlicher und systematischer Verfolger, Bratiano, der das Regiment in diesem Donaulande allzu lange in Händen gehabt, wurde endlich gestürzt und durch den humanen und gerechten Rosetti ersetzt. Wir haben schon mehrere Erleichterungen berichtet, welche das schwere, die dortigen Inden drückende Joch erträglicher machen, wenn auch die zahllosen jüdischen Familien, die durch Bratiano's Gesetze und Verordnungen brodlos geworden, nicht sobald wieder zu einem besseren Zustande gelangen können. Aus der jüngsten Zeit wird von dort Folgendes gemeldet. Bekanntlich hatte der Unterrichtsminister Stourdza, ein Handlanger Bratiano's,