Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1888)
- Date
- 1888-08-30
- Page
- Seite 548 (sequence 4)
- Language
- German
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518 holen. Sie brachten dieselben, und Jesus ritt auf ihnen in Jerusalem ein. Der Evangelist fügt selbst hinzu (V. 4): „Das aber geschah, auf daß der Ausspruch des Propheten erfüllt würde, welcher sagt: Sprechet zur Tochter Zions: Siehe, dein König kommt zu dir, sanstmüthig und reitend auf einem Esel, auf einem Füllen, der Eselin Sohn." Es sind dies die Worte Secharjah 9, 9, wobei nur die Worte des Propheten „gerecht und siegreich" vom Evangelisten ausgelassen sind, wahrscheinlich, weil „siegreich" auf die Situation Jesu nicht paßte. Wenden wir uns zu den beiden Beispielen von Parallelen. Das erste finden wir in der sogenannten Bergpredigt, einer Parallele zu der Verkündigung der zehn Worte auf dem Berge Sinai. Es habe sich, berichtet Matthäus (4, 23) viel Volk aus den verschiedenen Gegenden des Landes versammelt, und da Jesus das Volk sah, stieg er auf den Berg und redete zum Volke. Es soll dies offenbar ein Seitenstück zu der Verkündigung auf Sinai sein, denn der Evangelist Lucas weiß nichts davon, sondern erzählt (6, 17), daß Jesus „auf einen ebenen Platz trat" und zu dem versammelten Volke sprach, weshalb man seinen Bericht die „Feldpredigt" nannte. In beiden Berichten über den Inhalt der Predigt weichen die beiden Evangelisten sehr stark von einander ab. Aber auch hinsichtlich dieses Inhalts lehnen sich viele Satze unmittelbar an die zehn Worte. Wir haben dieses ausführlich in der angeführten Abhandlung S. 226 ff. behandelt, und verweisen deshalb auf diese. Wir zeigten, daß die Bergpredigt die Methode der halachischen Auslegung, so wie den Zweck der letzteren auf das ethische Gebiet versetzt. Sie will, um das Sittengesetz zur Ausübung zu bringen, dasselbe mit einem „Zaun" umgeben und verfährt hierbei ganz »ach der Art der halachischen Weisen. Diesen Inhalt haben wir in der angeführten Abhandlung nach allen Seiten hin gewürdigt, und cs kann hiernach kein Zweifel sein, daß mit dieser Predigt ein Seitenstück zu de» Zehn Worten gegeben tverden sollte. — Als zweites Beispiel weisen wir auf die „Versuchung Jesu" hin. Lucas spricht hiervon nur beiläufig, Marcus erzählt sie wie Matthäus, jedoch in verschiedener Reihenfolge. Wir haben hier offenbar eine Parallele zu 1. Kön. 3, 5. Es heißt hier: „Zu Gideon erschien derEwige dem Salomo im Traum der Nacht und Gott sprach: Fordere, was soll ich dir geben?" Salomo spricht: „Gieb deinem Knechte ein Herz, das versteht dein Volk zu richten und zwischen Gutem und Schlechtem zu unterscheiden." Da antwortet ihm Gott: „Fürwahr, weil du solches erbeten und hast dir nicht langes Leben und nicht Rcichthum und nicht das Leben deiner Feinde erbeten, sondern verständlich das Recht zu verstehen, siehe, so thue ich nach deinem Worte, ich gebe dir ein weises und einsichtsvolles Herz" u. s. >v. Die beiden Evangelisten erzählen nun: „Jesus ward vom Geiste in die Wüste geführt, um versucht zu werden vom Teufel, und da er gefastet 40 Tage und 40 Nächte, hungerte ihn zuletzt." Dies ist ein Seitenstück zu Moses auf dem Berge Sinai in der Wüste mit dem Fasten von 40 Tagen, nicht minder mit Elijah iu der Wüste nnd demselben Zeitraum von Fasten. Nach mancherlei anderen Versuchungen heißt es: „Wiederum nimmt ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeiget ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sagt zu ihm: Dies Alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. Alsdann sagt Jesus zu ihm: „Weiche von mir, Satan, denn es steht geschrieben: den Herrn deinen Gott sollst du anbcten und ihm allein dienen (5. Mos. 6, 13), alsdann verläßt ihn der Teufel, und siehe, Engel kanicn herbei nnd versorgten ihn mit Speise." Dies Letztere ist wiederum gleich 1. Kön. 19. In beiden Stücken wird also eine „Versuchung" dargcstellt. Die h. Schrift will lehren, daß die Gerechtigkeit und die zu deren Ausübung erforderliche Weisheit und Einsicht ungleich höher steht, als langes Leben, Reichthum und Macht. Es ist dies eine Lehre, welche wiederholt in den Bücher» der h. Schrift eingeschärft wird, in den Sprüchen Salomonis, im Hiob (Kap. 28). Der Evangelist, daß die Anbetung Gottes, welche die Quelle alles Guten ist, die Herrschaft über alle Reiche der Welt überwiegt. Aber wie verschieden sind die Mittel, die angewendet werden. Dort ist es ein Trnum, in welchem dem Salomo Gott erscheint, hier der Teufel, der Jesus in der Wüste auf einen Berg führt. Es wird nicht ein Traum oder eine Vision dargestellt, sondern es soll als ein wirklicher Vorgang nach der Darstellung des Evangelisten verstanden werden, denn Jesus wird nicht „im Geiste", sondern „vom Geiste" (v/cu tov 7zvev{.iavoc,) nach der Wüste geführt. Nicht minder ist es die Wirklichkeit, in welcher Satan erscheint, als Gegensatz zu Gott und die Anbetung fordernd — also der volle Dualismus, wie er auch später von der Kirche zum Dogma gemacht worden.') Uebrigeus trägt die ganze Erzählung den Charakter des Midrasch, wie er zur Zeit Jesu bereits seit zwei Jahrhunderten herangebildet worden. Jede der drei Versuchungen durch den Teufel weist Jesus mit einer Stelle der h. Schrift zurück, und Satan ist damit zufrieden, ja, der Satan läßt sich selbst auf Citate der h. Schrift, also eine Disputation über Schriftstellen ein. Er tritt in der Wüste zu dem hungernden (V. 2) Jesus und fordert ihn auf, wenn er Gottes Sohn sei, aus Stein Brod zu machen, dieser aber antwortet: „Es steht ge- I) Eine solche Wirklichkeit, wirkliche Existenz wurde dem „Saj tan" im Judenlhnme niemals zuerkannt, und für die talmudischc s Anschauung ist der Ausspruch entscheidend B. Bathra 16, l: | mon IN^D «lü -iS1 Nin •jtitt' Ni“ „Satan, böse Leidenschaft, s Engel des Todes ist dasselbige." Satan ist also nur Personifieation, I keine wirkliche Existenz.