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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-08-30 · Heft 35 (30.8.1888) · p. Seite 547

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 35 (30.8.1888)
Date
1888-08-30
Page
Seite 547 (sequence 3)
Language
German
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547 aufgehört, so daß, um wissenschaftlich erkannt zu werden, jede Religionspartei von den anderen Kenntniß nehmen, von ihrem Wesen und ihrer Geschichte sich unterrichten und Vergleiche mit ihnen anstellen muß. Dies bezeichnet man mit dem Ausdruck „vergleichende Religionswissenschaft". Selbstverständlich darf diese weder apologetisch, noch polemisch sein, d. h. sie darf nicht von der Absicht ausgehen, sich und ihren Inhalt über Alles zu glorificiren und die andere Religion zu erniedrigen, willkürlich oder gar verleumderisch herabzusetzen. Die Wissenschaft muß objectiv sein, und wer auf ihren Pfaden gehen und zu dauernden Resultaten kommen will, muß möglichst nach Objectivität streben, das Für und Wider parteilos erwägen und dabei nicht auf der Oberfläche stehen bleiben. Eine solche Behandlung hat leider das Judenthum von Seiten der christlichen Theologen von Justinus an nur äußerst selten erfahren. Die jüdischen Gelehrten aber hatten alle Hände voll zu thun, um, so weit es ihnen gestattet war, die Angriffe abzutoehren, die wie Hagelschlag auf sie herabfielen, und wehe ihnen, wenn sie die Angreifer spielen wollten. Auch wirkte hier nicht wenig die, lange Zeiten hindurch obwaltende Scheu vor der Beschäftigung mit den Urkunden anderer Religionen. So stehen noch immer die Beziehungen zwischen Judenthum und Christenthuin zumeist unter einem schiefen Lichte, und die gegenseitige Beurtheilung leidet noch sehr an Voreingenommenheit und Jrrthum. — Wir haben im zweiten Theile unsrer „Weltbewegenden Fragen" (Leipzig, Baumgärtner 1869) eine Reihe von Abhandlungen „Zur vergleichenden Religionswissenschaft" gegeben, in welchen wir das Verhältniß des Judenthums zum Unitarismus, zum modernen Heidenthum, der Freimauerei, dem Buddhismus, dem Islam und besonders zum Christenthum und dessen Kirchen auseinandersetzten. Wir hatten hierbei die Absicht, unsre jüdischen Collegen auf dieses Gebiet aufmerksam zu machen, um es ihrerseits weiter anzubauen. Viel ist jedoch seitdem nicht geschehen. Es giebt aber hier noch ein besonderes Gebiet, nämlich das literarische Verhältniß der Bücher des „Neuen Testamentes" zu denen des „Alten Testamentes". Wir brauchen, nebenbei bemerkt, nicht zu betonen, daß wir diese beiden Ausdrücke nicht als richtig anerkennen; die h. Schrift befaßt für uns nur und allein die 24 Bücher des Kanons in hebräischer (zu einen« kleinen Theil aramäischer) Sprache. Diesen gegenüber erkennen wir nur Urkunden des Christenthums an. Indem >oir aber beide mit einander vergleichen, können wir nicht umhin, uns der Kürze und Deutlichkeit wegen dieser Bezeichnung zu bedienen, ohne damit ihre Richtigkeit airzuerkennen. Ueberhaupt lassen wir in der folgenden Erörterung die dogmatischen Gesichtspunkte ganz aus den Augen, und beschäftigen uns nur, wie angegeben, mit den literarischen Beziehungen. Wir haben hier vornehmlich zwei Momente hervorzuheben: die Anlehnungen im Neuen Testamente an Schriftstellen mit der Absicht, Berichte zu geben, welche erweisen sollen, daß Aussprüche und Weissagungen der h. Schrift durch Jesus erfüllt worden seien; und zweitens Parallelen mit Vorgängen und Berichten des Alten Testamentes aufzustelleu. Von beiden Arten wollen wir je zwei Beispiele heranbringe». Wir beginnen mit dem von Matthäus aufgestellten Geschlechtsregister und der Geburt Jesu. Es «varen hier zwei Stellen Jesaias'zu berücksichtigen: 11, 1: „Dann geht ein Reis aus Jsai's Stamm heraus, ein Sproß aus seinen Wurzeln bricht hervor u. s. w." Diese Stelle wurde auf den zu erwartenden „Messias" gedeutet und daraus der iin Judenthume festgehaltene Glaubenssatz gefolgert, daß der Messias ein Nachkomme des Königs David sein werde. Hiernach leitet jenes Geschlechtsregister die Abkunft Jesu von David ab und z«var durch „Joseph, den Mann der Maria, von welcher Jesus geboren ivard". Die andere Stelle Jes. 7, 14 besagt: „Siehe, das junge Weib wird schlvanger und gebiert einen Sohn und nennt seinen Namen Immanuel (Gott mit uns)" u. s. w. Auch hier die Auslegung auf den Messias, uub da man die unmittelbare Erzeugung Jesu durch Joseph beseitigt haben wollte, wurde das Wort nof’«/ als „Jungfrau" verstanden und die Erzeugung Jesu dem heiligen Geiste zugeschrieben. Daß diese letztere Erzählung, welche Matthäus dicht an das Geschlechtsregistcr schließt, um des Verses Jesaias 7,14 willen vorgetragen wird, besagt der Evangelist selbst V. 22: „Das Alles aber geschah, auf daß der Ausspruch des Herrn durch den Propheten erfüllt würde, der da spricht u. s. >v." Es bleibt immer bemerkenswcrth, daß der Evangelist den Widerspruch nicht bemerkt, der darin liegt, daß Jesus Abkömmling des Hauses David durch Joseph sein soll und doch «viederum kein Sohn Joseph's, so daß dieser seine Weigerung, Maria zu heirathen, erst nach einem dessallsigen Traume, in wclchem ihm ein Engel des Herrn es befiehlt, aufgiebt. Doch dies geht uns hier nichts an und ebenso lvenig befassen wir uns mit einer Prüfung des Gcschlechtsregisters. Wir heben nur hervor, daß wie B. l7 aussagt, von Abraham bis David 14 Geschlechter, und ebenso viele von David bis zum Exil, und ebenso viele vom Exil bis Jesus aufgezählt tverden. Dies klingt ganz so, wie im 1. Buche Moses, wo 10 Geschlechter von Adam bis Noah und 10 Geschlechter von Noah bis Abraham aufgeführt werden. Die 14 weisen auf zwei Mal 7 hin. Daß nicht Jungfrau (rfora), sondern „ein junges Weib", hier die die Frau des Propheten bedeutet, hat schon Kinichi und noch überzeugender Geseains im Commentar zur Stelle erwiesen. — Das zweite Beispiel giebt uns der Einzug Jesu in Jerusalem (Matth. 21, 1). In der Nähe von Jerusalem sendet Jesus zwei Jünger ab, um aus dem Flecken Bethphage eine Eselin mit ihrem Füllen zu 35*

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