Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1888)
- Date
- 1888-08-30
- Page
- Seite 546 (sequence 2)
- Language
- German
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546 Buch Hiob, die Sprüche und Koheleth sich an das Individuum wenden, dessen Geschicke, Verhalten, Freuden und Leiden der Seele beleuchten und Fragen beantworten, welche das Individuum auf dem Gebiete der Erkenntniß und des Lebens aufzuwerfen sich gedrungen fühlt. Auf diesem Boden hat das Judenthum in allen seinen Perioden nicht blos durch dus gemeinsame Bekenntniß, sondern auch durch die Gleichartigkeit des Geschickes und durch dieselben Hoffnungen für die Zukunft die Zusammengehörigkeit aller seiner Anhänger zu erhalten und zu stärken gesucht, und durch seine Institutionen Alle in der Vereinigung und Jeden in seinem eigensten Wesen zusammengefaßt. Tiefen Inhalt haben auch besonders die beiden hohen Feste, die in den nächsten Tagen zu uns kommen. Sie sind zu einem dauernden Vereinigungspunkte aller Israeliten geworden, so daß sich zu ihrer gottesdienstlichen Feier selbst diejenigen einsinden, welche den religiösen Ideen und dem Leben in diesen fremd geworden. Die Gedanken, welche diesen Festen einwohnen und die sie in den Bekennern des Judenthums zu wecken und zu beleben bestimmt sind, sind solche, welche Alle in ihrer Gemeinschaft und Jeden in seinem Einzelwesen umspannen. Der Gedanke an die Vergänglichkeit der Zeit, also des irdischen Lebens, an die Wandelbarkeit des Geschickes, das dem Auge des Sterblichen verborgen ist und ihn morgen aus der Tiefe erheben, aber auch von der Höhe hinabsenken kann, die Erinnerung an das göttliche Gericht, an die Vergeltung im Guten und Bösen, die nach dem Rathschluß des Allweisen früher oder später eintritt, die Mahnung, aus dem durch das Gleichmaß der Tage und das Getriebe der weltlichen Interessen bewirkten Schlummer der Seele zu erwachen, einen prüfenden Blick in das Innere seiner Seele zu werfen und mit Klarheit seine Schwächen und Fehler zu erkennen, die Warnung, in denselben nicht zu verharren, sondern umzukehren, sich zu läutern und zu bessern, die Versöhnung mit seinem Nebenmenschen zu erstreben und als höchstes Ziel die Vergebung des barmherzigen Gottes für seine Schuldhaftigkeit zu erlangen — all' diese Fülle von Gedanken und Empfindungen sollen wirksam sein auf Alle, denn sie Alle bedürfen ihrer, und eindringen in das Gemüth jedes Einzelnen, dessen Heil davon abhüngt, wie weit er sie faßt und sie in sich lebendig wirken läßt. Daß die Jnstituirnng dieser Feste also zu fassen ist, kann man schon aus jenem Kernspruche erkennen, mit welchem die besonderen Gebete dieser Festtage (-pnD in pr.) beginnen: „Lege und breite Deine Furcht und die ehrfurchtsvolle Scheu vor Dir über alle Deine Geschöpfe, daß sie anbeten vor Dir und sich allesammt zu einem Bunde vereinigen, Deinen Willen zu thun mit ganzem und vollem Herzen." Einen Bund der Gottesliebe und Gottesfurcht sollen Alle schließen, und in ihm ist jeder berufen und verpflichtet, die Gebote Gottes zu erfüllen und hiermit das Heil der gesammten Menschheit und sein eigenes zu erwirken. Das ist das Ideal. Wir wissen sehr wohl, daß alles Thun und alles Entschließen des Menschen sehr wandelbar ist. Wir bezweifeln nicht, daß das Werk dieser Feste an nicht Wenigen wirkungslos vorübergeht, und daß sehr Viele selbst gefaßten Vorsätzen bald wieder ungetreu werden. Aber dies behindert den unendlichen Werth jener nicht. Sie man aufragende Höhen von der gesammten Ebene ans schaut, und wenn man auch seine Schritte nicht zu ihnen wendet, sie uns doch als Merkzeichen für unsere Pfade dienen, um uns zurecht zu finden auf den verworrenen und sich kreuzenden Wegen: so kommt es auch auf dem religiös sittlichen Boden an, daß das Bewußtsein dessen, was wahr und recht ist, daß die Kenntniß der Pflicht und dessen, was vom Menschen gefordert wird, in den Herzen der Menschen immer wieder geweckt, in den Geistern aufge-! richtet werde, damit ihnen Wahrheit und Tugend nicht zwei-; felhaft werden und die Leuchte der Erkenntniß auch für den Irrenden und Verirrten nicht erlösche. Diese erhabenen! Feste machen das Bekenntniß des Judenthums als eines bestehenden Gemeingutes für alle Söhne Abrahams immer wieder klar und frisch und rnfen zugleich in jedem Einzelnen zur Läuterung, zum Streben nach höheren Zielen auf. Sie sind für Alle und für Jeden bestimmt, sie rufen Alle zu Einem Bunde und Jeden zur Heiligung auf. So gleichet Israel einem starken Stamme, der aus einer Wurzel einheitlich emporgewachsen, einheitlich von der Wurzel bis zur Krone seine Aeste und Zweige weithin breitet und eine Fülle frischen Laubes, eine zahllose Menge von Blättern, Jahr für Jahr entfaltet. Die Blätter eines Baumes sind sämmtlich von einander verschieden, keines gleichet gänzlich dem anderen; aber sie sind doch von derselben Beschaffenheit und man kann an jedem derselben die Art des Baumes erkennen, welchem es angehört. Ohne die Blätter kann der Stamm so wenig bestehen, wie jene ohne diesen denkbar sind. Sie sind die lebendigen Athmungswerkzeuge des Baumes und saugen die Luft und das Licht des Himmels ein, durch welche das Leben des ganzen Baumes erhalten wird. Ob die einzelnen Blätter nach und nach welken und niederfallen, was kommt darauf an? Zur rechten Zeit werden sie ersetzt durch frisches grünendes Laub. Dieses Gleichniß ist unschwer sich auszudeuten. Äns -er vergleichenden Religionswissenschaft. i. Seitdem die wissenschaftliche Anschauung auf allen geistigen Gebieten herrschend geworden, hat auch die Ausschließlichkeit, die scharfe Trennung zwischen den einzelnen Religionen