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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-08-30 · Heft 35 (30.8.1888) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 35 (30.8.1888)
Date
1888-08-30
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Ein unparteiisches Organ siir alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Durch Buchhandel oder Post bezogen Preis Vierteljahr!. 3 M., direct von der Expedition in Leipzig unter Streifband 3,50 M. Herausgegeben von Rabbiner Di-. Kudniig Philippson in Dann. Gapedition: Leipzig, Kospitasttraße 2. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 52. Jahrgang. Leipzig, den 36. August 1888. Nr. 35. JöhaU. Leitende Artikel: Zu den hohen Feiertagen.— Aus der vergleichnden Religionswissenschaft. I. — Die Lage. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Hamburg, Oppeln, Ulm. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest. — Frankreich: Paris. — Nordamerika: New-Dork. — Aegypten: Alexandrien. — Brasilien: Rio de Janeiro. — Bonn: Notizen. — Bonn: Literarische Notizen. — Feuilleton: Einiges Geschichtliche über die Synagogengesäng^,— Vermischtes. £ctfom6e GUl’tßef. Bonn, 26. August. Zn den hohen Feiertagen. 2. Alle und Jeder. In der Natur des Menschen liegt es, daß er,,mit denen, mit welchen er in seiner Ueberzeugung, in einem Bedürfniß und einem gemeinsamen Zwecke sich übereinstimmend fühlt, sich vereinige, um jene geltend zu machen oder diesem zu genügen; und ebenso, daß er als Individuum, wie für sich geboren und für sich dahingehend, mit seinen eigenen Mühen und Sorgen, mit seinen Freuden und Leiden, seinem Gewinn und Verlust, für sich bestehen bleibe und seine Interessen wahre. Es gab wohl keine Zeit, in welcher beide Richtungen in so reichem Maße neben einander entwickelt waren, wie in der unsrigen. Fast zu einer Sucht ist es geworden, Vereine zu bilden auf allen Gebieten und für jedweden Zweck, und doch kann man nicht sagen, daß der Individualismus abgenommen und der Egoismus weniger mächtig geworden. Die Ursache scheint darin zu liegen, daß alle Verhältnisse einen solchen Umfang gewonnen haben und in solchen Widerstreit gerathen sind, daß andererseits die An- und Aussichten sich so weit ausgedehnt haben, daß der Einzelne sich dem gegenüber nicht mehr gewachsen fühlt und Hilfe sucht in der Vereinigung mit Gleichgesinnten und Gleichbedürftigen. Nicht minder aber ist das Bewußtsein der Persönlichkeit gewachsen; durch die gesammte Menschenmenge hat das Gefühl der persönlichen Freiheit, das Bewußtsein persönlicher Ansprüche und Rechte sich mächtig entwickelt, und mitten in der Hingabe an Verbandszwecke bewahrt ein Feder den Vorbehalt, seine eigenen Vortheile hierin zu verfolgen. Die Religion Israels hat von Beginn an zunächst die 1 Gesammtheit ihrer Bekenner ins Auge gefaßt. Sie wollte das Volk, das sie zu ihrem Werkzeuge, zum Boden ihres Bestandes und ihrer Entwickelung gewählt hatte, zur Höhe ihrer Gotteserkenntniß und zur vollkommenen Bethätignng ihrer religiös-sittlichen Gesetze, der Consequenz dieser Erkenntniß, bringen. Sie richtete sich deshalb an die Gesammtheit und ihre Lehre vom einzigen Gotte und ihre politischen, socialen und ethischen Vorschriften befaßten „alle Söhne Israels", „die ganze Gemeinde des Ewigen." Von dieser aus reflektirte sie auf die Individuen, ordnete sie diese als Glieder des Ganzen ein und unter, verlangte von jedem Einzelnen die Heiligung, d. h. Anbetung des einzigen Gottes und Uebung des Rechtes und als solches der Barmherzige keit, und verhieß hierfür der Gesammtheit den Bestand und dem Einzelnen den göttlichen Segen, das Heil. Diesen Weg verfolgte das Jndenthum auch nachdem die Nation als solche zertrümmert und über die Oberfläche der Erde zerstreut war. Es war fern davon, nur „eine Religion des Individuums" zu sein, wie andere Religionen von ihrem Ursprünge an, die nur das Seelenheil jedes Individuums zu beabsichtigen vorgaben, und alle anderen Verhältnisse als „zum Reiche dieser Welt" angehörig ansahen. Die Thora und die Propheten richten sich an Alle, an die Gesammtheit, während die meisten Hagiographen (Chethubim) d. h. die meisten Psalmen, das 35

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