Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1888)
- Date
- 1888-08-23
- Page
- Seite 542 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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542 und jeder dieser Complexe ist ein Satzglied. Auch beim Leinen hat man verschiedene Nigonim: den gewöhnlichen Alltags- und 86liadl)68-Nigen, den Rosch-Haschanah- und Jom - Kippur - SWtgen, den Maphtir - -ftigen, den Nigen, nach welchem das Buch Esther geleint wird, ferner den der Klagelieder Jeremias u. a. m. In neuerer Zeit hat man sich leider vielfach bemüht, den Nigen durch die Melodie zu verdrängen. Und das kommt daher: Die jungen Leute werden heut zu Tage zu Cantoren meist auf Seminarien ausgebildet; sie kommen dorthin, ohne eine Ahnung vom Borbeten zu haben, und sollen außer vielem anderen auch dieses lernen. Ja, eine Melodie zu erfassen, ist nichts Besonderes, aber so einen Nigen in sich aufzuuehmen, das ist ganz etwas anderes, das bietet mancherlei Schwierigkeiten. Die Melodie erfaßt man mit dem Verstände, mit dem Geiste, den Nigen nur mit dem Gefühle, dem Herzen. So kommt es denn, daß man, um den angehenden Cantoren Erleichterungen zu verschaffen, viele Gebetstücke, die der Vorsänger von altem Schrot und Korn nach einem Nigen sang, auf diesen Lehranstalten die Schüler nach einer Melodie zu singen lehrt. Ja, das liegt nun aber einmal in der vorgeschrittenen Zeit, in der wir leben. Früher gingen die Cantoren meist aus den Städten hervor, in denen sie sozusagen „zu Hause waren", ich meine aus solchen Orten, in denen große und fromme Gemeinden bestanden, wo die Knaben von der frühesten Jugend an alltäglich im Tempel weilten und so die Nigonim in sich aufnahmen, daß diese ihnen in Fleisch und Blut übergingen. Waren sie dann erwachsen, so wurde nur noch von einem alten Praktikus die Feile bei ihnen angelegt, brauchten sie nur auf dieses und jenes aufmerksam gemacht zu werden — und der Borbeter war fertig. Freilich war dies kein geschulter Sänger; er sang so, wie er es gehört hatte und wie es ihm sein Herz eingab, er sang etwa so, „wie der Vogel singt, der in den Zweigen wohnet", aber wenn man mir die Frage vorlegen würde, welchen Gesang ich vorziehe, den theoretisch geschulten oder den Naturgesang, um mich so auszudrücken, so würde ich mich bestimmt für den letzteren entscheiden, da ich Alles, was mit Gefühl verbunden ist, viel eher zur Religion passend halte, als das, was sich aus den Verstand bezieht. Allerdings — das muß ich zugestehen — wird der Vorbeter am meisten in seiner Kunst erreichen, wenn er, außer-! dem daß er nach der Weise der Alten in seinen! Berufe vorgebildet wurde, auch noch gesanglich gut geschult worden ist und ein feines Gefühl für das Schöne besitzt. Seltsam berührte es mich, als ich kürzlich einmal mit einem Cantor, der in seinem Fache etwas sein will, über dieses Thema sprach und mir dieser sagte, die alten Nigo« nim und Melodieen, an denen ich immer mit so großer Liebe gehangen hatte, hätten längst ihre Bedeutung verloren, heute hätten nur die Lewandowsky'schen Melodien und dergleichen Werth. Nun, der Mann scheint mir eine seltsame Auffassung von der jüdischen Musik zu haben; meiner Ansicht nach haben diese neueren Melodien hauptsächlich Werth für die oben besprochene Classe von Vorbetern, die nicht anders als nach Noten Cantoren zu werden Gelegenheit haben, für alle anderen aber einen weit geringeren. Der jüdische Gesang soll doch einmal nicht bloß ein Gesang der Kehle sein, sondern vor allem ein Gesang des Herzens. Dieser fesselt die Hörer viel, viel mehr als jener, und was die Melodien anbetrifft, so scheinen mir die alten auch unendlich viel schöner zu sein, als die neuen, da mir in jenen viel mehr Gefühl zu liegen scheint, als in diesen. — Erzählte mir doch mein Vater gar oft von einem alten Vorbeter seiner Vaterstadt aus seinen Knabenjahren, der durch seinen Gesang die andächtige Gemeinde stets so fesselte, daß sich Niemand, wenn auch der Gottesdienst noch so lange währte, von seinem Platze rührte, aus Furcht, etwas von dessen herrlichem Vortrage zu verlieren. Ja auch mein Vater, der in einer kleineren Provinzialstadt die Stelle eines Vorbeters bekleidet, scheint mir etwas von jenem geerbt zu haben. Ich erinnere mich, daß ein ganz roher, gewaltthätiger, sonst jeglichen besseren Gefühls barer Mann seiner Gemeinde, der um seine verstorbene Frau trauerte, am Freitag Abend vor „Borchu“ das Kadiscli vor Schluchzen nie zu sprechen vermochte: so tief ergriff ihn jedes Mal der Schluß des Mismor schule) om haschabath. Wie aber auch heute noch, wenigstens theilweise, das Alte in Nigen und Melodie geschätzt wird, glaubte ich daraus erkennen zu können, daß ganz bedeutende Cantoren, die sich gerade bei meinem Vater aufhielten, sich nicht scheuten, von diesem sich einige Gesangsstücke lehren zu lassen, nachdem sie bei seinem Vortrag den hohen Eindruck derselben empfunden hatten. Gar nicht weiter erstaunt war ich, als mir neulich einmal einer der bedeutendsten Mitglieder der kgl. Hofoper zu Berlin, ein Jude von Geburt, sagte, daß es zwar in den Opern viel schöne und herrliche Melodien gebe, daß aber alle nicht im entferntesten einen Bergleich aushielten mit den altjüdischen Weisen, die in ihrer Einfachheit bald durch das Ergreifende, bald durch das Fröhlich-Aufjauchzende, bald durch das Klagende und Schluchzende in den Tönen stets mehr hinrissen, als die kunstvollsten Gesänge der berühmtesten Komponisten. Halten wir daher, soviel wir können, an den alten Nigonim und Melodien fest. Namentlich mögen die Cantoren, die noch nach der alten Art und Weise ausgebildet sind, nicht soviel darin suchen, sich ein Stück nach den Noten einzuüben, die vielleicht für irgend einen großen Chor bestimmt sind.