Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1888)
- Date
- 1888-08-23
- Page
- Seite 541 (sequence 13)
- Language
- German
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541 werde mit der Ruthe der Menschen und mit Schlägen der Menschenkinder; aber meine Liebe soll nicht weichen von ihm und dauernd soll sein Haus und sein Reich immerdar sein". — Wie ergreifend ist geschildert, als das Kind, welches dem David geboren worden, gefährlich erkrankte. David flehete „und fastete und ging hinein und lag Nachts auf der Erde und genoß keine Speise." Als das Kind todt war, getraute cs sich Niemand, es ihm zu melden, und da er es endlich erfuhr, richtete er sich wieder auf, betete zum Ewigen und sagte: „Ich kann es nicht wieder zurückbringen, ich gehe zu ihm, aber es wird nicht wieder zu niir zurückkehren". — Darum wird auch das Verhältniß Gottes zum Menschen oft in der Schrift mit dem des Vaters zum Kinde verglichen. So heißt es Psalm 103, 13: „Wie ein Vater der Söhne sich erbarmet, erbarmt sich der Ewige derer, die ihn fürchten". Oester wird Gott „Vater der Waisen" genannt. So heißt es auch Sprüche 3, 12: „Wen der Ewige liebet,: mahnet er, wie ein Vater den Sohn, an dem er Wohlge-: fallen". So bemerkt auch der Spruchredner: „Ein Sohn, der l ein Thor ist, bereitet seinem Vater Aergcr" (17, 25). Dagegen : „Wie jubelt hoch der Vater des Gerechten, wer einen Weisen zeugte, freut sich sein (23, 24). — Dies genüge für unfern Gegenstand. Dem Auge, das nicht oberflächlich da-! rüber hinweggeht, werden tiefe Zeugen der unvergänglichen Empftndung offenbar, welche Gott in das Herz des Vaters gesenkt, und die zum Fortbestände des Menschengeschlechtes und seiner Entwickelung so unentbehrlich ist. Wehe, wenn das Herz der Kinder sich von den Eltern abwendet, aber zehn Mal wehe, wenn die Herzen der Väter sich vor den Kindern verschließen, und darum enden wir mit dem, diesen Gedanken ausdrückenden Schlußsatz des letzten der Propheten (Mal. 3, 23): „Siehe, ich sende euch Elijah, den Prophe- : ten, bevor der Tag des Ewigen kommt, der große und furchtj bare; der wird das Herz der Väter zu den Kindern und! das Herz der Kinder zu den Vätern zurückwenden, auf daß! ich nicht komme, und schlage die Erde mit Bann". . Arber Aigonim und jüdische Melodien.') Von A. B. Weißt du überhaupt, was „Nigen" ist, lieber Leser? Jedenfalls. Immerhin aber höre die genauere Erklärung. 1) Wir geben biejeu Artikel, weil die darin ausgesprochene Meinung sehr verbreitet ist, ohne für dieselbe einzutreten. Es ist wahr, Demjenigen, der seit seiner Kindheit die so ergreifenden alten Melodien gehört und in sein Herz ausgenommen hat', ist jede Umgestaltttllg derselben nach strengmusikalischen Regeln unwillkommen, erscheint abschwüchend, ja die Wirkung verfehlend. Aber Alles hat seine Zeit, und das an regelrechte Musik gewohnte Ohr der jüngeren Geschlechter verträgt die ungeregelte Folge der Töne nicht mehr und verlangt Gesang nach Regel und Schule. Es findet also auch hierein Conflikt statt zwischen Altem und Modernem, zwischen Pietät und neuem Bedürfniß, zwischen Fremddäuchendem und Fremdwerdendem, den in der Praxis erst die Zukunft schlichten wird. Redaktion. Im Gegensatz zur Melodie, die doch eine Aufeinanderfolge von musikalischen Tönen ist, in welcher für jede Silbe eines gewissen Gedichtes ein Ton bestimmt ist, versteht man unter „Nigen" vielmehr nur eine Art und Weise, musikalische Töne aneinander zu fügen; der Nigen belegt nicht jede Silbe mit einem bestimmten Ton, sondern wenn man von einem bestimmten Nigen spricht, so meint man eben nur, daß die Töne des mit dem Nigen zu belegenden Textes eine bestimmte Färbung haben sollen. Mit großem Rechte könnte man daher den Nigen vielleicht „das Freie" in der jüd. Musik nennen und die Melodie „das Gebundene"; bei dieser ist man „gebunden", für jede Silbe den bestimmten Ton zu nehmen, während man bei jener die „Freiheit" hat, für jede Silbe einen beliebigen Ton zu wählen, wenn man nur die Tonfarbe des Nigens beibehält. Mit noch größerem Rechte wird man diese der Rede entnommenen Bezeichnungen „des Gebundenen" und „Freien" billigen, wenn man bedenkt, daß die Melodie, namentlich bei gebundener Rede, bei Poesie, zur Anwendung kommt, der Nigen meist bei der freien Rede, bei der Prosa. Ganz ähnlich der bei den Lateinern dreifach verschiedeneu Redeweise, dem genus tenue, dem genus medium und dem genus gründe dicendi unterscheidet man drei hauptsächliche Arten von Nigonim, nämlich den Wochenrags-Nigen, den Lobuddes-Nigen und den dontet'-Nigen, man spricht dann aber auch noch bei verschiedenen Gebetstücken z. B. von Sehaeheritli-, Mussapli- und Naarib-Nigen (der Nigen, in welchem beispielsweise das Ducken an Maslur-Ncschainotli- Tagen vorgetragen wird), von einem Kino- (Klage-) Nigen u. a. m. Am besten charakterisirt man wohl das Wesen des „Nigen", wenn man ihn eine Musik des Herzens nennt. Dadurch, daß er nur die Art und Weise der Tönefarbe eines bestimmten Textstückes angiebt, gestattet er dem Sänger zugleich die Freiheit, nach seinem Gefühl, nach seiner Auffassung die Töne dem Inhalte anzupassen, und die Kunst des Vorbeters besteht darin, diese Töne so zu moduliren, daß sie, aus seinem Innersten kommend, in den Herzen seiner | Hörer Anklang finden.; Eine ganz eigene Art des Nigens ist das Leinen. Die Zeichen, die zu diesem Zweck unter dem ganzen Thora-Text stehen, bedeuten jeder nicht einen Ton, sondern mehrere Töne, ein ganzes Tonbündel, das bei dem einen Zeichen aus nur wenigen, bei dem anderen aus einer ganzen Reihe von einzelnen Gliedern besteht. Diese Zeichen sind in der Weise unter den Text gesetzt, daß der Wissende zugleich ohne Weiteres die Satzbildung daraus zu erkennen im Stande ist; gewiß eine große Erleichterung zum Verständniß. Die Zeichen sind nämlich so mit einander verbunden, daß der ganze Satz in mehrere musikalische Complexe eingetheilt ist