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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-08-23 · Heft 34 (23.8.1888) · p. Seite 540

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 34 (23.8.1888)
Date
1888-08-23
Page
Seite 540 (sequence 12)
Language
German
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540 Aeurlle 1 orr. Kurze Bemerkungen. VIII. Man spricht in unsrer Zeit viel von der geschichtlichen Entwickelung der Menschen, von den Veränderungen, die sich darin kundthun, von der Entfaltung seiner Geistesgaben bis zur und in der Cultur und Civilisation. Dies ist Alles wohl begründet; aber man übersieht doch, daß des Menschen inneres Wesen, seine eigentliche Natur, die geistigen Elemente, aus welchen dieses sich aufbaut, die psychischen Gesetze unverändert dieselbigen bleiben, den Menschen beherrschen, so daß auf sie zu bauen ist. Warum kehren wir denn auch immer wieder zu den Quellen der Weisheit zurück, die sich im hohen Alterthum eröffneten und ihre klaren Wellen durch alle Zeiten fließen lassen, um Belehrung und Trost aus ihnen zu schöpfen? Warum klingen uns die Offenbarungen der Geister alter Zeiten so erhebend und kräftigend in die Seele? Gewiß das Fühlen und Empfinden und die innerste Stimmung unsres Geistes bleiben immer dieselbigen und die veränderten Zeiten und Verhältnisse lassen sie nur in verschiedener Erscheinung vor uns aufgehen, während sie sich in der Vorzeit in ihrer natürlichsten Weise kundgaben. Und deshalb ist uns die heilige Schrift ein Buch der Menschheit, zu welchem umunsre Zuflucht nehmen, wenn die Welt um uns getrübt und verworren erscheint. — Schöpfen wir heute einmal die Kunde heraus, die sie uns von der unveränderlichen Vaterliebe giebt, die für das Menschengeschlecht von so großer Bedeutung ist. Jedermann weiß, daß diese heilige Urkunde sich nicht in weitläufigen Schilderungen, in sentimentalen Darstellungen ergeht, sondern einfach und bündig die menschlichen Charakterzüge andeutet, aber in um so innigerer und zutreffenderer Weise. Man bezeichnet dies mit dem Worte Lapidarsiyl. Heben wir nun einige Auslassungen derselben über die Vaterliebe hervor. Es wird als eine schwere Prüfung, „eine Versuchung" bezeichnet, daß Abraham seinen Sohn opfern solle. In der Anrede heißt es: „Nimm doch deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst" (1. Mos. 22, 2), um das zu bringende Opfer, den Beweis der.Hingebung an den Willen Gottes zu betonen. — Wiederholt kommt es vor, daß ein Vater seinen Sohn segnet, und in den Worten, die er hierzu gebraucht, strömt die heiße Empfindung der Liebe sich aus: z. B. im Segen Isaaks, „dir gebe Gott vom Thau des Himmels und von der Erde Fett und Fülle, Korn und Most! Dir mögen Völker dienen und Stämme dir sich beugen, gesegnet seien, die dich segnen." (1. Mos. 27, 28.) Alles, was ein Vater für seinen Sohn und seine Zukunft wünscht, spricht sich hier in den wärmsten Tönen aus. Die Liebe Jakobs zu dem Sohne seines geliebten Weibes Rahel wird 1. Mos. 37, 3 gezeichnet, dann aber auch (37, 34) seine Trauer, als er ihn von einem wilden Thier zerrissen glaubte. Da „zerriß Jakob seine Gewänder und legte Sack um seine Lenden und trauerte um seinen Sohn lange Zeit. Da machten sich auf alle seine Söhne und alle seine Töchter, ihn zu trösten, aber er verweigerte, sich trösten zu lassen, denn er sprach: ich will hinuntersteigen zu meinem Sohne, trauernd in die Gruft". Darum weigerte sich auch Jakob, seinen Benjamin nach Egypten mit hinunterziehen zu lassen. Er sagte (44, 29): „Nehmet ihr auch diesen von meinem Augesicht und ein Unfall begegnete ihm: so würdet ihr senken mein graues Haar in Leiden in die Gruft!" Aber das sinnigste Zeugniß von der Liebe des Vaters zum Kinde liegt wohl in den Worten, welche Juda bei dieser Gelegenheit von Jakob und Benjamin sagt: „Seine Seele ist gebunden an seine Seele!" In der That versenkt sich eben das Herz eines Vaters ganz und gar in das seines Kindes, und das Leid, das diesem widerfährt, wird von Niemandem so tief empfunden, wie vom Vaterherzen. Lebt doch in den späteren Jahren der Vater mehr in dem Geschick der Kinder als in persönlichem. Das jüngere Geschlecht aber ist bestimmt, über die Gruft der Eltern hinauszublühen, zu wirken und Zu schaffen, und kann daher nicht in gleichem Maße an die Eltern gebunden sein. Es wird zu einem selbständigen Stamme, von welchem neue Zweige ausgehen. Desto höher steigt deshalb die Freude Jakobs, als er erfährt, sein Sohn Joseph lebe. Anfangs „blieb sein Herz kalt, denn er glaubte ihnen nicht." Als er sich aber überzeugt hatte, „da lebte der Geist Jakobs auf" und er entschloß sich schnell, nach Egypten hinabzuziehen, und als Joseph ihm entgegenfuhr und „seines Vaters ansichtig ward und ihm an den Hals fiel nud an seiner Brust lange weinte, da sprach Jakob zu Joseph: Sterben mag ich nunmehr, nachdem ich dein Antlitz geschaut, daß du noch lebest." Fahren wir fort. Bezeichnend ist es, daß als Josua die Stadt Jericho eingenommen und zerstört hatte, ihren Wiederaufbau unmöglich machen wollte, da sprach er: „Wehe dem Manne, der diese Stadt wiederbaut, um seinen Erstgeborenen lege er ihren Grund und um seinen Jüngsten stelle er ihre Pforten auf!" (Jos. 6,26) Also die Liebe des Vaters, die Furcht vor der Erfüllung dieses Bannes, vor dem Verluste seines Erstgeborenen und seines Jüngstgeboreuens sieht Josua als das wirksamste Mittel an, den Wiederaufbau jener Stadt zu verhindern. Recht bezeichnend für die Natur der echten Vaterliebe lautet auch die Verkündigung an David (2. Sam. 7, 12, 12 ff). Es wird ihm ein Sohn verheißen, welcher den Thron Davids besteigen werde. „Ich, ich werde ihm Vater sein und er wird mir Sohn sein, daß, wenn er sich vergeht, ich ihn züchtigen

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