Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1888)
- Date
- 1888-08-23
- Page
- Seite 536 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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536 Leipzig, 9 August. Der „Kreuz.-Ztg." zufolge ist am 27. Juli bei dem antisemitischen Buchhändler Theodor Fritsch die gesummte 6. Auflage des „Antisemiten-Katechismus" von der Staatsanwaltschaft mit Beschlag belegt worden. (Man frägt, warum erst die sechste Auflage dieses Schicksal betroffen? Oder wurde diese sechste Auflage mit Zu sätzen ganz besonderer Art vermehrt? Wird der Beschlagnahme eine gerichtliche Verhandlung folgen?) Breslau, 10. Aug. (Privaimitth.) Ich theile Ihnen zur gefl. Kenntnißnahme mit, daß ich in der Liste der jüd. Parlamentarier Ihres Fürther Correspoudenten zu meinem Bedauern den Namen eines hiesigen hochgeachteten jüdischen Parlamentariers vermisse, ich meine den Justizrath und Stadtverordneten-Vorsteher Herrn Wilhelm Freund, welcher sowohl für den preußischen Landtag wie für den Reichstag Abgeordneter war. S i lb e rst e in. Schlettstadt (Nnter-Elsaß), im August. Die Thatsachen erweisen, daß die deutsche Regierung in dem Reichslande in confessioneller Beziehung ganz nach der liberalen Weise verfährt, wie es in den französischen Gesetzen vorgeschrieben war. Am hiesigen Orte will die jüdische Gemeinde eine neue Synagoge auf dem Platze errichten, welchen die alte einnimmt. Die Kosten sind auf etwa 64,000 M. veranschlagt. Tie Regierung hat der Gemeinde zu diesem Baue 15.000 M. und die Ortsgemeinde 16,000 M. bewilligt, zusammen also beinah die Hälfte der Baukosten. Oesterreich-Ungarn. Wien, 14. Aug. (Privatmitth.) Die österreichischen! Antisemiten fürchten nichts mehr, als daß ihre Hetzereien in j Stillstand gerathen, und die von ihnen bewirkte Aufregung - im Volke schwinde. Da nun ihr Schönerer für die nächste Zeit lahm gelegt worden, so suchen sie nach anderen Mitteln. j Man weiß, daß gewisse Kreise der Ultramontanen immerfort, hinter ihnen stehen und ihnen möglichst Stoff bieten. Da ist man denn auf folgendes Auskunftsmittel verfallen. Von Klattau, Ischl und anderen oberösterreichischen Orten kommen Nachrichten, daß Christus- und Heiligenbilder nächtlicher Weise beschädigt worden seien und daß man Juden als die Thäter ergriffen habe. Man erinnert sich dabei an jene j Märchen von Brunnenvergiftung, Hostienschändung, Kinder- | morb ff., womit die Fanatiker früherer Zeiten so gute Ge-; schäfte machten, wenn sie das Volk zu einer Judenverfolgung, 1 zu Mord und Plünderung anreizen wollten. Allein die Zeiten haben sich doch geändert. Allerdings ist an den genannten Orten das Volk beunruhigt worden, allein bloße Ge-; rächte und Verdächtigungen verführen jetzt nicht gleich zu Thaten. Man hat bis jetzt keine Thäter ergriffen, keine j Juden verhaftet, obschon die Polizei, wie geziemlich, eifrige j Nachforschungen hält. Man kann deshalb erwarten, daß auch diese Täuschungen erfolglos bleiben und vielleicht die ganze Machination zu Tage kommen wird. Wien, 6. Aug. In alarmirender Weise meldeten gestern der clerieale „Czech" und die „Nllrodni Listy" übereinstimmend, daß in Folge einer durch israelitische Academiker und Handlungsgehilfen begangenen Religionsschändung das Volk in Klattau gegen die Juden Excesse begangen habe und daß ein Jude verhaftet worden sei. Nach einer Depesche aus Klattau berichtet nun das „Prager Tageblatt", daß es bisher daselbst zu keinerlei ernstlichen Ausschreitungen gekommen sei, daß an dem Tage, wo man entdeckte, daß bisher unbekannte Thäter das Crucifix an der Capelle nächst derLandwirthschaftlichen Schule in bübischer Weise geschändet hatten, sich in der Bevölkerung wohl eine gereizte Stimmung kundgab, daß aber sofort eine strenge polizeiliche Untersuchung eingeleitet und in Folge derselben ein dem Handelsstande angehöriger junger Mann verhaftet wurde. Die ganze Affaire sei jedoch noch keineswegs aufgeklärt, sondern in ein mysteriöses Dunkel gehüllt. Die gereizte Stimmung in der Bevölkerung habe sich beruhigt, da die Hoffnung besteht, des eigentlichen Thäters habhaft zu werden. Man werde nicht fehlgehen, die ganze Affaire einer starken Beeinflussung eines dortigen Localblattes zuzuschreiben, welches die gotteslästerische Handlung mit dem Bemerken meldete, daß dieselbe nur von „nichtchristlicher Hand verübt werden konnte, und daß diese Hand darob verdiente, angeuagelt zu werden". Es ist ein seltsames Zusammentreffen, daß gerade auch vor zwei Tagen von den clericalen und antisemitischen Blättern Oberösterreichs folgender fast in Allem identischer Bericht aus Ischl veröffentlicht wurde: „Vor etlichen Tagen wurde das in der dritten Capelle auf dem Calvarienberg befindliche Mittelbild, die Dornenkrönung des Heilands darstellend, durch Risse entstellt vorgefunden. Besonders das Bild des Heilands war arg zugerichtet. Die Thäter wurden bereits in den hoffnungsvollen Sprößlingen einer im Engelmoos wohnenden hebräischen Familie eruirt; sie hatten mittelst der Spitzen von Bergstöcken diesen Frevel ausgeübt. Sicherem Vernehmen nach sollen dieselben blos zum Ersatz der Kosten der Wiederherstellung des Bildes verurtheilt worden sein." Das clerieale „Linzer Bolksblatt", dem die übrigen clericalen und antisemitischen Blätter diese Nachricht mit recht ins Auge springenden fetten Lettern nachdruckten, bringt heute in ganz unscheinbarer Weise folgende Berichtigung aus Ischl in zwei Zeilen: „Die Nachricht, daß die Frevler an den zwei Bildern auf dem Calvarienberge eruirt worden seien, ist leider nicht richtig." Pest, 6. August. (Privatmitth.) Die israelitischen Bewohner der Neustift, wie der kleine, von Ofen und Altofen umschlungene und zur israelitischen Gemeinde Ofen gehörende