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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-08-23 · Heft 34 (23.8.1888) · p. Seite 535

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 34 (23.8.1888)
Date
1888-08-23
Page
Seite 535 (sequence 7)
Language
German
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535 große Religionsparteien geschiedene Volk auf deni Gebiete des Erwerbslebens, in den staatlichen Einrichtungen, im Heere »nd in hundert anderen gemeinsamen staatlichen oder communalen Institutionen" entzwei gerissen würde. In denThatsachen hat das Kanzlerblatt hierin gewiß Recht, nur daß diese Trennung auch bei dem Schutze jenes Strafparagraphen vielfach stattfindet. So wird in diesen Tagen, wir glauben in München, ein Congreß katholischer Gewerbs- und Handelsleute abgehalten, von welchem sogar alle Vertreter der Presse ausgeschlossen sind. Der Gegenstand der Berathung kann doch nur die Absonderung der katholischen Geschäftsleute von den Protestanten und Inden und die gegenseitige Unterstützung jener betreffen. Im weiteren Verlaufe erkennt die 9t. A. Z. in der Beseitigung jenes Paragraphen die Gefahr, daß dann ein Ansturm von materialistischer Seite gegen die bestehenden Kirchen stattfinden werde. Bis jetzt habe „dieses den sittlichen Kern des Volkes zernagende Treiben" sich nur in allgemeinen Phrasen bewegen können, jetzt aber würde die Verhöhnung! aller kirchlichen und gottesdienstlichen Einrichtungen freien Spielraum gewinnen, ohne daß sich die bestehenden Religionen davor schützen könnten. Auch hierin kann man wohl dem officiösen Blatte die Richtigkeit seiner Bemerkungen nicht absprechen. Doch kann man sich bei alledem dem Gedanken nicht entziehen, wie das Judenthum allen solchen Verhöhnungen und Beschimpfungen unbeschützt Stand gehalten hat. und zwar, daß diese nicht sowohl von freidenkerischer Seite, als von den ultramontanen Hetzkaplänen und von den evangelischen Pietisten, die fromme Kreuzzeitung und ihre Anhänger an der Spitze, ausgegangen sind. Die Kirchen haben also zu solchem schmählichen Vorgehen das Beispiel gegeben und sehen sich von dem betreffenden Strafparagraphen nicht behindert. Wir haben stets behauptet, daß jedes specielle Vorgehen gegen die Juden einem ähnlichen Verfahren gegen die christlichen Religionsparteien Thor und Thüre öffnet. So war z. B. das die Juden allein betreffende Civilehegesetz (1847) doch nur das Vorspiel für das allgemeine Civilehegesetz. Allein dadurch ließen sich die Führer jener Parteien nicht warnen, und wenn sie jetzt den Grund unter ihren Füßen wanken fühlen, so haben sie es an uns verschuldet. Diese Herren bedenken niemals, daß das Judenthum ihr eigentliches und wesentliches Fundament ist, so daß, wenn sie jenes mit Hohn und Schimpf überschütten, sie sich den Boden unter ihren Füßen hinwegziehen. — Die bisherige Wahlbewegung für die Ersatzwahl im G. Berliner Reichstagswahlkreise ist für uns recht interessant. Die jüngste Erscheinung ist, daß die antisemitische Partei sich nicht bloß in die Stöcker'sche und die Böckel'sche Fraction gespalten hat, sondern daß auch in der letzteren wiederum eine Trennung vorgegangen. Die „Franks. Ztg." berichtet hier-i über: „Nächst den Socialdemokraten sind die „reinen" Anti-j semiten die ersten am Platz. Auch sie haben bereits in zwei Versammlungen die Candidatur des Dr. Paul Förster proklamirt, ihr ständiger Redner ist Liebermann von Sonnenberg, der neben den üblichen Schimpfereien auf die Freisinnigen ziemlich scharf die Scheidung von der nur zu verschämt antisemitischen conservativen Partei betont. Nebenbei geräth dieser Herr auch in Zorn gegen seinen Freund Böckel, und zwar mit Recht; denn dieser hatte in einem offenen Brief boshafter Weise von Herrn v. Liebermann irgend eine Erklärung auf Ehrenwort verlangt. Wer die Vergangenheit Liebermann's kennt, weiß diese Bosheit zu würdigen, und wird sich nicht wundern, daß nun Herr v. Liebermann in der ersten Wähler- Versammlung Herrn Böckel und seine Anhänger als „Klatsch- und Bierantisemiten mit ungewaschenen Mäulern" bezeichnete und damit eine Zweitheilung der Unterabtheilung der „Radauantisemiten" vollzog." — Die Antisemiten machen sich hier immer lächerlicher,! und dies ist die beste Waffe gegen sie. Der Anti-Stöckersche Theil derselben hielt Samstag Abends eine Versammlung, in welcher vr. Paul Förster seine Wahlrede hielt, als Candidat dieser Antisemiten im sechsten Berliner Wahlkreise. Er versicherte zuletzt, daß er sich keiner Partei anschließen, sich jedoch zu Böckel setzen werde, ohne sich zu verpflichten, mit diesem Hand in Hand zu gehen. Hierauf hielt Liebermann von Sonnenberg eine scharfe Polemik gegen Böckel, den er als Socialdemokraten bezeichnet. Man kann dies Alles nur als Komödie und Spiegelfechterei ansehen, denn diese Leutchen wissen sehr wohl, daß sie nur eine geringe Zahl von Stimmen erhalten werden. Es stehen sich also in diesem 6. Wahlkreise vier Candidaten gegenüber: seitens der Conservativen der „stille" Antisemit Holtz, der, wie man sie nennt, „Radauantisemit" vr. Paul Förster, die Deutschfreisinnigen stellen Knörcke auf und die Socialdemokraten Liebknecht. Wahrscheinlich kommt es nicht einmal zu einer Stichwahl. — Für die bevorstehenden hohen Festtage ist man vielfach eifrig bemüht, gottesdienstliche Einrichtungen zu treffen, um dem großen Andrang zu genügen, da die bestehenden Synagogen nicht ausreichen, die Menge der Andächtigen zu fassen. Die hiesigen Zeitungen wimmeln von desfallsigeu Inseraten. Es ist dies aus zwei Gründen erklärlich. Bei der Beschaffenheit unsres Gottesdienstes, der zum allergrößten Theile aus Recitativen, aus Vorlesung und Predigt besteht, sind sehr große Synagogen unzweckmäßig, weil sonst die Stimme des Vorbeters und des Predigers verhallt. Es würde deshalb einer großen Zahl von Synagogen bedürfen, um an den hohen Festtagen zu genügen. Die übrige Zeit des Jahres ist stets Raum genug vorhanden. Der zweite Grund liegt in dem steten Wachsthum der jüdischen Bevölkerung allhier. welcher nicht alsbald nach Bedürfniß synagogale Räume j hergestellt werden können.

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